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Relegation gegen Union Berlin : Das Stuttgarter Spiel mit dem Feuer

Von zufrieden kann am 20. April im Spiel gegen den FC Augsburg nicht die Rede sein: Mario Gomez und seine Mannschaft wurden mit 6:0 aus dem Stadion geschossen. Bild: dpa

20 Niederlagen aus 34 Spielen, 47 Millionen Euro für neues Personal, das nicht gefruchtet hat: In der Relegation gegen Union Berlin steht der VfB wieder mal am Scheideweg. Und im Verein kracht es gewaltig.

          Vieles erinnerte in dieser Saison an das Abstiegsjahr 2016: Mit großem Potential ist der VfB Stuttgart in die Spielzeit gestartet, mit noch größeren Erwartungen Woche um Woche angetreten, beinahe jedes Mal mit gravierend schwankenden Leistungen in Bedrängnis geraten und am Ende krachend gescheitert.

          Bundesliga
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          Gescheitert? Nun, noch ist der Abstieg in die zweite Fußball-Bundesliga nicht besiegelt. An diesem Donnerstag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga-Relegation und im Eurosport Player) und am kommenden Montag haben die Schwaben die Chance, in der Relegation gegen den Zweitligadritten Union Berlin den drohenden Absturz noch abzuwenden. Nach 20 Niederlagen in 34 Spielen mit 70 Gegentoren – am Ende hieß das Platz 16 – hat der VfB aber schon jetzt sein eigentliches Ziel, das gesicherte Tabellenmittelfeld, deutlich verfehlt.

          Und im Verein kracht es gewaltig. Das kompromisslose Vorgehen des Präsidenten Wolfgang Dietrich bei der Ausgliederung der Profiabteilung, die dem Klub immerhin in einem ersten Schritt eine Summe von 41,5 Millionen Euro eingebracht hat, imponiert längst nicht allen. Denn aus der großzügigen Finanzspritze aus dem Hause Daimler, für die der Automobilkonzern 11,75 Prozent der Anteile an ebenjener Profiabteilung erworben hat, ist kein sportlicher Erfolg erwachsen. 47 Millionen Euro wurden für neues Personal ausgegeben.

          Gezündet aber hat keiner der Zugänge auf dem Feld. Der für diese Kaderplanung hauptverantwortliche Sportvorstand Michael Reschke wurde im Februar beurlaubt, darüber hinaus kostete die Talfahrt des VfB in dieser Saison schon zwei Trainer ihren Job: zunächst Tayfun Korkut im Oktober 2018, dann Markus Weinzierl vor gut einem Monat. Interimstrainer Nico Willig, der zuvor die U 19 des Klubs betreut hat und dies auch nach den Relegationsspielen wieder tun wird, konnte die brüchige Stuttgarter Mannschaft nicht mehr aus der Abstiegszone hieven. Weil die angestrebte Neuausrichtung trotz der Abermillionen also nicht geglückt ist, steht der Präsident bei den Fans und Teilen des Umfelds in pausenloser Kritik. Schlimmer noch: Der ganze Verein befindet sich in einer gefährlichen Schwebe. Wieder einmal.

          „Wir glauben total an uns“, sagte Willig vor dem ersten Duell mit Union Berlin. Er wünsche sich den Schulterschluss mit den Anhängern und „55.000 Signalspieler“ in der Arena. „Es geht um den VfB, es geht um die Region.“ Tatsächlich haben die beiden anstehenden Duelle gegen starke Berliner, die den direkten Aufstieg in die Bundesliga hinter dem 1. FC Köln und dem SC Paderborn nur knapp verpasst haben und mit breiter Brust nach Stuttgart reisen werden, eine große Tragweite. Ein abermaliger Abstieg des Bundesliga-Gründungsmitglieds droht. Ob sich der VfB davon so gut erholen würde wie 2016, als erst der direkte Wiederaufstieg und anschließend ein siebter Platz in der Ersten Bundesliga glückte, erscheint fraglich. Zu zerrüttet ist das Vertrauensverhältnis zwischen den einzelnen Führungsgremien, zu eklatant die immer wiederkehrenden Fehlentscheidungen in struktureller und sportlicher Hinsicht. Es ist ein ständiges Spiel mit dem Feuer, das in Stuttgart betrieben wird. Ein Spiel mit dem Feuer, das Kontinuität und konstanten Erfolg ausschließt.

          Zumindest aber Sportvorstand Thomas Hitzlsperger versucht nun, die Dinge anders anzupacken. Mit Tim Walter, der vom Zweitligaklub Holstein Kiel kommt, hat Reschkes Nachfolger schon einen neuen Trainer für die nächste Saison gefunden. Mit dem früheren BVB-Scout Sven Mislintat ist ihm darüber hinaus ein vielbeachteter Coup bei der Besetzung des Sportdirektor-Postens gelungen. Gemeinsam mit seinem neuen Kaderplaner, dem ein ausgezeichnetes Gespür für den internationalen Talentmarkt nachgesagt wird, hat Hitzlsperger frühzeitig die Planung für die nächste Spielzeit angestoßen und treibt sie seitdem unbeirrt voran. Mateo Klimowicz, Sohn des früheren Wolfsburg-Profis Diego, aus der zweiten argentinischen Liga sowie Atakan Karazor aus Kiel sind die ersten beiden Zugänge mit Perspektive. Weitere sollen folgen.

          Stuttgarter Fans beim Spiel gegen Hertha BSC Berlin

          Er wolle „alles daransetzen, beim VfB die Kräfte für den Klassenerhalt zu bündeln und gleichzeitig in einem starken Team die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft zu stellen“, hatte Hitzlsperger noch bei seiner Vorstellung in Stuttgart gesagt. Doch auch er musste sich anschließend den Vorwurf gefallen lassen, bei der Entlassung des erfolglosen Trainers Weinzierl nicht schnell und vor allem nicht entschlossen genug gehandelt zu haben.

          Nun, im Angesicht des drohenden Gangs in die Zweitklassigkeit und wohl wissend, dass auch er in den wenigen Wochen seiner Dienstzeit nicht entscheidend zur Verbesserung der akuten Problemlage beitragen konnte, fällt seine Einschätzung zu den anstehenden Begegnungen gegen Union Berlin entsprechend zurückhaltender aus: „Ich erwarte zwei hart umkämpfte Spiele gegen einen starken Gegner.“ Gelingt dem VfB dabei aber der Klassenverbleib, bekäme Hitzlsperger die Chance, für die kommende Saison einen neuen Neuanfang unter seiner Regie anzustoßen. Potential und Expertise dafür wären vorhanden. Und die Erinnerung an das Abstiegsjahr 2016 bliebe auch weiterhin bloß eine Erinnerung.

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