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Start in München : Kann Guardiola auch Bayern?

Hohe Erwartungen: Ob Guardiola will oder nicht, er wird an den Erfolgen von Heynckes gemessen werden Bild: Thilo Rothacker

Noch nie ist ein Trainer in Deutschland mit einer solchen Neugier und Erwartung empfangen worden wie Pep Guardiola. Das Experiment kann beginnen.

          Helmut Schulte hat viel erlebt in dreißig Jahren im Profifußball. So etwas aber noch nicht. „Es ist ein einmaliges Experiment“, sagt der frühere Trainer von Schalke 04 und Sportdirektor des FC St. Pauli, der seit Anfang des Jahres Sportchef von Rapid Wien ist. „Das beste Team der Welt holt den besten Trainer der Welt. Etwas völlig Neuartiges.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          In dieser Woche treffen die Versuchselemente, das Team des FC Bayern und der Trainer Pep Guardiola, erstmals zusammen. Aber schon vorher hat das Experiment erhebliche Energien freigesetzt. Hunderte von Artikeln erschienen über Leben und Leidenschaften des mit 42 Jahren bereits legendären Coaches, der mit dem epochalen FC Barcelona der Jahre 2008 bis 2012 von 19 möglichen Titeln 14 gewann. Drei Biographien wurden ins Deutsche übersetzt, eine davon erreichte die Bestsellerliste.

          Fast täglich wurde spekuliert, welches System mit welchen Spielern aus dem Bayern-Luxuskader Guardiola wählen wird. Und mindestens ein halbes Dutzend fiktive neue Bayern-Profis wurden dem Katalanen als Münchner Mitbringsel angedichtet, von Falcao über Bale und Suarez bis hin zu Neymar und nun auch zu Thiago Alcantara, dem Star des spanischen U-21-Europameisterteams, der durch eine Ausstiegsklausel in diesem Sommer für 18 Millionen Euro aus Barcelona zu bekommen sein soll.

          Tickets für die ersten Trainingseinheiten

          Auch über seine Lernfortschritte im Deutschen (“Er macht das obsessiv, jeden Tag vier Stunden, wie ein Irrer“, so sein Bruder und Berater Pere), seiner nach Spanisch, Katalanisch, Italienisch, Englisch und Französisch sechsten Sprache, wurde viel, aber nicht viel Verlässliches bekannt - zuletzt wenigstens, dass er sich am Telefon auf Deutsch bei seinem künftigen Assistenten Hermann Gerland meldete. Dessen ruppiges Ruhrgebiets-Idiom soll der feinsinnige Katalane aber noch nicht in allen Details erfasst haben.

          Auf Deutsch wird er an diesem Montag seine erste Pressekonferenz in München halten. Sie wird von mindestens vier TV-Sendern live übertragen (12 Uhr), fast so vielen wie bei der Obama-Rede am Brandenburger Tor. Die ersten beiden Trainingseinheiten Guardiolas am Mittwoch und Donnerstag hat der Verein von der Säbener Straße, wo ein unkontrollierbarer Andrang drohte, in die Arena verlegt. Dort verkauft man nun Tickets für die Übungsnachmittage, je fünf Euro zugunsten von Flutopfern.

          Ein schweres Erbe: Jupp Heynckes mit den Pokalen, die er in der Saison 2012/2013 mit seiner Mannschaft gewonnen hat

          Mit 50 000 verkauften Eintrittskarten wird an beiden Tagen zusammen gerechnet - mehr wurden wegen Bauarbeiten an der U-Bahn-Strecke zum Stadion nicht genehmigt. Das erste Training nach der Sommerpause ist normalerweise ein Aufgalopp ohne großen Schauwert, viele Spieler fehlen noch, nur 14 aus dem Kader werden über den Rasen traben. Doch Guardiola reicht, um die Massen zu locken, der Mann, der in nur vier Berufsjahren eine Art von Fußball prägte, die in wichtigen Teilen auch von den Bayern zum Vorbild genommen wurde.

          Wenn er nun kommt, liegt eine unbestimmte Erwartung mit hohem Erregungspotential in der Luft. Es ist eine Mischung aus der Frage, ob ein Team, das in einer nahezu perfekten Saison schon alles gewann, nun von Guardiola auch noch die Aura des Revolutionären, des global bewunderten Vorbildes gewinnen kann, eines Fußballs, der nicht mehr nur als erfolgreich respektiert, sondern leidenschaftlich geliebt wird - oder ob Guardiola genau diese Aura in München verliert, wo schon viele große Trainer kleingemacht wurden.

          Die doppelte Frage des großen Experiments lautet also: Kann Guardiola nur Barcelona? Und kann Bayern nur Bayern? Es spricht viel dafür, dass der Bayern-Pep ein etwas anderer sein wird als der Barça-Pep. Denn eine solch selbstverzehrende, nie locker lassende, jedes Detail endlos abwägende und in Schlaf- und Kraftlosigkeit führende Arbeitsobsession, wie sie Guardiolas Biograph Guillem Ballagué über dessen vier Jahre in Barcelona beschrieben hat, lässt sich kaum noch einmal so lange aushalten.

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