https://www.faz.net/-gtm-8haky

Durchsuchungen bei Russ : „Das war eine Frechheit“

  • Aktualisiert am

Marco Russ wird wegen seiner schweren Erkrankung am Dienstag operiert. Bild: Reuters

Trotz der Erkrankung von Marco Russ wird die Wohnung des Spielers und das Frankfurter Trainingscamp durchsucht. Die Eintracht empört sich. Nun verteidigt die Staatsanwaltschaft ihr Vorgehen.

          3 Min.

          Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat den medizinischen Befund über die schwere Erkrankung von Eintracht-Spieler Marco Russ erhalten. Die Unterlagen der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada seien am späten Donnerstagabend eingegangen, teilte Oberstaatsanwältin Nadja Niesen am Freitag mit. Darin werde von einem „starken Verdacht“ auf einen Tumor gesprochen. Details nannte sie nicht. „Die Unterlagen müssen nun geprüft werden“, sagte Niesen.

          Zugleich verteidigte sie das Vorgehen der Behörde. Die Durchsuchung der Wohnung des Spielers und des Trainingscamps der Frankfurter am Mittwoch sei notwendig gewesen, da zu diesem Zeitpunkt keine medizinischen Dokumente vorgelegen hätten, die eine mögliche Krankheit bescheinigten.

          Dieser Darstellung hatten die Verantwortlichen des hessischen Fußball-Bundesligavereins nach dem 1:1 im Relegationsspiel gegen den 1. FC Nürnberg vehement widersprochen. „Wenn die Staatsanwaltschaft sagt, sie habe keine Kenntnis gehabt, ist das schlichtweg falsch. Das werden wir gegebenenfalls noch dokumentieren“, sagte Eintracht-Boss Heribert Bruchhagen. Trainer Niko Kovac sprach sogar von einer Lüge.

          Russ selbst genoss am Donnerstagabend mit seinen zwei kleinen Kindern an der Hand auf dem Rasen zum vorerst letzten Mal die Ovationen der Fans. Während für die Eintracht das große Zittern um den Klassenverbleib weitergeht, beginnt für ihren an einem Tumor erkrankten Ersatz-Kapitän der schwerste Kampf seines Lebens. Bereits am Dienstag wird Russ operiert – ob und wann er zurückkehrt, ist offen.

          Unentschieden : Bundesliga-Relegation bleibt spannend

          Über die bisher wohl schlimmsten 24 Stunden seiner Karriere wollte Russ nach dem Abpfiff nicht reden. Weder über sein unglückliches Eigentor, noch über die Durchsuchung seiner Wohnung durch die Staatsanwaltschaft und schon gar nicht über seine Tumorerkrankung verlor der 30-Jährige ein Wort. „Wenn man so eine Diagnose erhält, sollte man ihn in Ruhe lassen“, äußerte Frankfurts Trainer Niko Kovac Verständnis. „Ich weiß nicht genau, wie er sich fühlt, aber mit Sicherheit nicht gut.“

          Die am Mittwoch bei Russ festgestellte Diagnose hatte auch seine Mannschaftskollegen geschockt. „Ich kenne Marco jetzt zwölf Jahre. Es macht einen schon traurig, dass er jetzt durch eine Scheiß-Zeit gehen muss“, sagte Alexander Meier. Als Geste der Verbundenheit hatte der Kapitän seinem Stellvertreter für die 90 Minuten in der ausverkauften Frankfurter Arena die Binde überlassen. „Das zeigt, was der Alex für ein Mensch ist, und was wir für ein Team haben“, lobte Kovac.

          Im Spiel gerieten Marco Russ (Mitte) und Raphael Schäfer nach einem Foul des Frankfurters aneinander. Bilderstrecke
          Im Spiel gerieten Marco Russ (Mitte) und Raphael Schäfer nach einem Foul des Frankfurters aneinander. :

          Dass Russ in seiner vorerst letzten Partie für die Eintracht ein Eigentor zum 0:1 unterlief – Mijat Gacinovic (65.) gelang später der Ausgleich – und er wegen seiner zehnten Gelben Karte im Rückspiel am kommenden Montag (20.30 Uhr / Live in der ARD, bei Sky und im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) auch noch zuschauen muss, entbehrt nicht einer gewissen Tragik. „Das ist das Leben, das ist der Fußball. Das hat nichts damit zu tun, dass Marco Russ erkrankt ist und deshalb im Fokus steht“, sagte Kovac.

          Auch dem Eintracht-Trainer waren die Vorfälle im Vorfeld des Spiels nahe gegangen. Und so redete er sich mehr und mehr in Rage. „Wie das bei uns im Trainingscamp abgelaufen ist, das war eine Frechheit. Das kann man so nicht machen“, kritisierte er das Vorgehen der Staatsanwaltschaft bei den Ermittlungen gegen Russ. „Ich bin geschockt gewesen.“ Es sei unbenommen die Pflicht der Staatsanwaltschaft, nach der Kenntnisnahme eines möglichen Doping-Falles zu ermitteln. „Nur: Dann bekommt man vom Arzt eine Bestätigung, dass Russ erkrankt ist, und trotzdem kommt immer noch jemand und sagt, ich glaube dem nicht. Und dann wird auch noch erklärt, der Befund des Arztes sei nicht da gewesen. Das ist eine Lüge, das ist nicht die Wahrheit“, ereiferte sich der Eintracht-Trainer.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Für Empörung bei den Frankfurtern hatte auch einen unbedachte Äußerung von Nürnbergs Torwart Raphael Schäfer über die Erkrankung von Russ gesorgt. „Ich glaube, wenn einer wirklich schwer krank ist, kann er kein Fußball spielen“, erklärte Schäfer nach dem Abpfiff. Noch in der Nacht ruderte er zurück: „Meine Worte waren dumm, dafür kann ich mich nur aufrichtig entschuldigen. Ich habe mich voreilig geäußert, ohne Bescheid zu wissen. So etwas darf mir nicht passieren, das ist absolut nicht in Ordnung.“

          Auch Trainer René Weiler, der die Bekanntmachung der Russ-Erkrankung durch die Eintracht am Abend vor dem Spiel zunächst als „Inszenierung“ abgetan hatte, revidierte seine Aussage. „Es ist pietätlos, dass ein Klub und ein erkrankter Spieler fast dazu genötigt werden, die intimsten Dinge preisgeben zu müssen, um nicht als Doping-Sünder in Verdacht zu stehen“, sagte der „Club“-Coach. „Es geht mir immer um den Menschen – und Gesundheit ist dabei das Allerwichtigste. Ich wünsche Marco Russ nur das Beste.“

          Unbenanntes Dokument

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

          Weitere Themen

          Die Dauerprobleme des BVB

          Trotz Bundesliga-Spektakel : Die Dauerprobleme des BVB

          Eine alte, aber immer noch offene Wunde: Borussia Dortmund zeigt in der Bundesliga zwar eine weitere beeindruckende Offensivleistung. Dennoch gibt es Kritik. Und die kommt vor allem aus den eigenen Reihen.

          Topmeldungen

          Grund für geringes Angebot? Brand in Gazprom-Anlage in Westsibirien im August

          Energiepreise : Russlands riskantes Spiel mit Erdgas

          Hält Gazprom bewusst Erdgas zurück, um die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 durchzusetzen? Der Kreml selbst nährt diese Vermutung. In Deutschland haben erste Versorger bereits Preiserhöhungen angekündigt.
          Wird nun nicht mehr ausgeliefert: Ein französisches Jagd-U-Boot der Barracuda-Klasse in der Version für Australien

          Australiens Rüstungsgeschäft : Lärmende deutsche U-Boote

          Frankreich hat einst Deutschland beim australischen U-Boot-Auftrag ausgestochen. Über die Geschichte des größten Rüstungsauftrags in Australiens Geschichte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.