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St. Pauli entlässt Frontzeck : Ein neuer Akt der Kuriositäten

  • -Aktualisiert am

Michael Frontzeck ist nicht mehr Trainer des FC St. Pauli Bild: dpa

Der FC St. Pauli trennt sich überraschend von Trainer Frontzeck. Der Bruch entstand durch Selbstüberschätzung und zu geringes Vertrauen. Nun ist die Rückkehr des Klubhelden Stanislawski vorstellbar.

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          Eines muss dem FC St. Pauli zugestanden werden, ganz egal, in welcher Liga der Hamburger Kiezklub unterwegs ist: Wie die Hanseaten die Öffentlichkeit immer wieder überraschen können, nach all den Jahren und dem schon Erlebten, nach Aktionen wie etwa „Saufen für St. Pauli“, das ist schon bemerkenswert.

          Am Mittwoch trug sich das nächste Kapitel zu. Gegen 9 Uhr sickerten die ersten Gerüchte durch, dass der Klub eine Stunde zuvor, also zur besten Frühstückszeit, seinen Trainer Michael Frontzeck entlassen habe. Für 10.30 Uhr wurde flugs eine Pressekonferenz einberufen, und um 10.53 Uhr war mit deren Ende aus der Sicht des Klubs das Kapitel „Frontzeck“ erledigt.

          Die offizielle Lesform dieser bemerkenswerten Entwicklung beim Tabellenachten der Zweiten Fußball-Bundesliga ist folgende: Frontzeck sei zu fordernd gewesen, und so etwas gehe bei St. Pauli nicht. „Michael Frontzeck hat uns mitgeteilt, dass er nach Saisonende nicht mehr für den Verein tätig sein möchte, da wir seiner Forderung nach einer sofortigen Vertragsverlängerung nicht nachgekommen sind“, sagte Präsident Stefan Orth.

          Frontzeck hatte seinen Job am 3. Oktober des vergangenen Jahres angetreten. Er erreichte am Ende einer enttäuschenden Saison mit der Mannschaft das Minimalziel und stieg nicht in die Drittklassigkeit ab. Der Vertrag von Frontzeck wäre am Saisonende ausgelaufen. Es habe hinsichtlich der Vertragsfrage einen Zeitplan gegeben, sagte St. Paulis Sportchef Rachid Azzouzi an. „Wir wollten die Entwicklung der neuformierten Mannschaft abwarten und im Winter die Gespräche mit dem gesamten Trainerteam über den weiteren Weg führen.“

          „Man kann mich für verrückt erklären“

          Frontzeck zeigte sich enttäuscht. „Ich bin ein Stück weit traurig über diese Entscheidung. Sie kam für alle überraschend. Ich muss das jetzt erst einmal sacken lassen. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich sehr gerne mit der Mannschaft zusammengearbeitet habe. Wir hatten unterschiedliche Auffassungen über die Entwicklung des Klubs“, sagte Frontzeck, der eine Vertragsverlängerung um zwei Jahre erbeten hatte. Gerüchte, wonach der Neunundvierzigjährige in den Gesprächen ausfallend geworden sei, dementierte die Klubführung.

          Der Bruch zwischen St. Pauli und seinem Trainer entstand vermutlich, weil Selbstüberschätzung (Frontzeck) und zu geringes Vertrauen in die Fähigkeiten des Fußballlehrers (Klubvorstand) aufeinandertrafen. Frontzeck war schon zu Beginn dieser Saison mit Präsident Orth aneinander geraten. Orth hatte vor dem ersten Spiel gegen 1860 München gesagt: „Man kann mich für verrückt erklären – ich denke, wir gewinnen deutlich.“

          Traum vom Aufstieg hält sich hartnäckig

          Heraus kam ein 1:0. Frontzeck rüffelte Orth angesichts der „ Aufbauhilfe für den Gegner“ in der Pressekonferenz nach dem Spiel öffentlich. Eine Replik Orths, so es sie denn gegeben hat, fand allenfalls intern statt. Es war, als hatte Frontzeck die Grenzen ausgelotet und diese zu seinen Gunsten verschoben.

          Der ehemalige Nationalspieler betonte häufig, dass bei seiner Mannschaft eine Entwicklung zu sehen sei. Gegenüber der vergangenen Saison ist das zutreffend. Allein: Der Vorstand entdeckt im Kader allem Anschein nach andere Möglichkeiten. Der Traum vom Aufstieg hält sich hartnäckig.

          Erst einmal übernimmt der Assistenztrainer

          Nur der Glaube an den eigenen Cheftrainer hat in den vergangenen Wochen nachgelassen. Dafür gibt es Gründe: St. Pauli mangelte es an einer kreativen Spielanlage. Vor allem in Heimspielen, in denen der Gegner aus einer kompakten Defensive heraus agierte, zeigte sich oft große Einfallslosigkeit.

          Den Klassenverbleib hat Frontzeck in der vergangenen Saison geschafft. Mit seiner mittelmäßigen Bilanz von fünfzehn Siegen, zehn Unentschieden und fünfzehn Niederlagen wurde ihm der Weg nach oben wohl doch nicht so zugetraut. Nun ist die Rückkehr des Klubhelden Holger Stanislawski vorstellbar. Erst einmal übernimmt Assistenztrainer Robert Vrabec.

          Sechster Trainerwechsel in der zweiten Bundesliga

          Michael Frontzeck muss seinen Posten beim Fußball-Zweitligaverein FC St. Pauli räumen. In der noch jungen Saison im deutschen Unterhaus ist es bereits der sechste Trainerwechsel.

          Die einzelnen Personalien in der Übersicht:

          1. Peter Pacult (Dynamo Dresden): Trennung am 18.08.2013; Nachfolger Olaf Janßen zum 04.09.2013 benannt

          2. Franco Foda (1. FC Kaiserslautern): Trennung am 29.08.2013; Nachfolger Kosta Runjaic zum 16.09.2013 benannt

          3. Alexander Schmidt (TSV 1860 München): Trennung am 31.08.2013; Nachfolger Friedhelm Funkel zum 07.09.2013 benannt

          4. Marco Kurz (FC Ingolstadt): Trennung am 30.09.2013; Nachfolger Ralph Hasenhüttl zum 07.10.2013 benannt

          5. Rudi Bommer (Energie Cottbus): Trennung am 05.11.2013; Nachfolger noch nicht benannt

          6. Michael Frontzeck (FC St. Pauli): Trennung am 06.11.2013; Nachfolger noch nicht benannt

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