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Sportwetten : Das Geschäft mit der Hoffnung

Schaltzentrale Gibraltar: Der hemdsärmelige Chefbuchmacher Phil Moorby schaut nach dem Rechten Bild: Bwin

Der Anbieter Bwin steuert seine Sportwetten von Gibraltar aus. Betrugsfälle sollen mit einem Sicherheitssystem vermieden werden. Doch den kriminellen Strippenziehern auf die Schliche zu kommen, fällt schwer, wie der aktuelle Uefa-Skandal zeigt.

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          Es ist jedes Wochenende das gleiche Schauspiel in Gibraltar, dieser britischen Exilgemeinde im Süden Europas. Am Himmel schreien Möwen, ein paar Meter vor der Küste liegen Containerschiffe vor Anker. Die Lippen schmecken salzig, der Geruch des Meeres liegt in der Nase. Und aus einer Kirche kommen Männer im Trikot von Arsenal, Manchester und Liverpool, die stolz ihre Brust herausstrecken und in ein paar Stunden wieder in einem dieser britischen Pubs sitzen, Bier trinken und dem Fernseher an der Wand zujubeln werden.

          Michael Wittershagen
          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Viele haben auf den Ausgang der Spiele gewettet. Kleingeld, nicht viel mehr als ein paar Pfund. "Die Engländer sind verrückt nach Wetten. Sie glauben, den Ausgang jeder Partie zu kennen", sagt Phil Moorby. Dann lächelt er.

          Mit Verstand oder Leidenschaft

          Letztlich ist dies ein Trugschluss. Aber genau so funktioniert das Geschäft mit der Hoffnung. Nicht nur Moorby verdient damit sein Geld. Der Vierundvierzigjährige arbeitet als Chefbuchmacher beim privaten Wettanbieter Bwin in Gibraltar, von wo aus das Geschäft mit den Sportwetten organisiert wird. Weitere Niederlassungen gibt es in Wien und Stockholm. Auf mehr als zehn Millionen ist die Gemeinschaft der Spieler inzwischen angewachsen, die sich bei diesem österreichischen Unternehmen registriert hat.

          Die Quoten wechseln beinahe im Minutentakt: sie werden von Männern gemacht, die vor Monitoren hocken, Kopfhörer in den Ohren haben und Sport im Fernsehen schauen
          Die Quoten wechseln beinahe im Minutentakt: sie werden von Männern gemacht, die vor Monitoren hocken, Kopfhörer in den Ohren haben und Sport im Fernsehen schauen : Bild: ddp

          Sein Hauptgeschäft wickelt Bwin, das unter anderem Trikotsponsor von Real Madrid und AC Mailand ist, im deutschsprachigen Raum ab. Mehr als eine Viertelmillion Wetten werden in etwa an einem Wochenende auf die Spiele der Fußball-Bundesliga plaziert, jede von ihnen mit einem durchschnittlichen Einsatz zwischen sechs und acht Euro. Bei Spielen der Champions League ist das Volumen der Wetten noch größer. "Die Deutschen wetten mit Verstand, die Engländer voller Leidenschaft", meint Moorby. Ihm ist das egal, denn letztlich sei es immer diese gewisse Form von Unterhaltung, welche die Kunden wünschten. "It's all about entertainment", sagt Moorby dazu.

          Millionen-Einsätze

          Man konnte das leicht vergessen in den zurückliegenden Monaten, in denen wiederholt Schiedsrichter, Fußballer und Tennisspieler wegen bewiesener oder vermeintlicher Manipulationen von Spielen in die Schlagzeilen gerieten. Und seit dem Wochenende wird der europäische Fußball wieder von einem möglichen Manipulationsskandal erschüttert: Bei 15 Spielen verschiedener Europapokalwettbewerbe besteht der akute Verdacht der illegalen Einflussnahme (Siehe auch: Machtlos gegen Wettbetrug).

          Robert Hoyzer pfiff im Sommer 2004 gegen Geld- und Sachzuwendungen Spiele so, wie es Zocker um den Kroaten Ante Sapina getippt hatten. In der gleichen Saison wurden in der italienischen Serie A mehr als zwanzig Meisterschaftsspiele unter anderem zugunsten von Juventus Turin verschoben (Siehe auch: Die Chronologie einer beispiellosen Manipulationsaffäre). Zuletzt wurde Basketball-Schiedsrichter Tim Donaghy in den Vereinigten Staaten wegen Spielmanipulation und der Weitergabe von Insiderwissen angeklagt. Und im Tennis war es der Russe Nikolai Dawidenko, der während eines Turniers in der polnischen Stadt Sopot gegen den Außenseiter Martin Vasallo Arguello im dritten Satz verletzt aufgab. Zuvor waren im Internet Wetten in Höhe von umgerechnet mehr als sieben Millionen Euro bei verschiedenen Wettanbietern eingegangen.

          „Wir arbeiten wie die Detektive“

          "Bei uns wird es keinen Betrugsfall geben", sagt Christine Bauers in einem Ton, der keinen Zweifel zulassen soll. Die Sechsunddreißigjährige ist bei Bwin für die Sicherheit zuständig. Sie beobachtet die eingehenden Wetten, schaut, ob ungewöhnlich hohe Einsätze auf den Außenseiter gesetzt werden oder ob möglicherweise einer mehr weiß, als er eigentlich wissen darf. Vor einiger Zeit habe ein Eishockeyspieler aus Frankreich auf Spiele seiner eigenen Mannschaft gewettet. Er ist aufgeflogen, weil Christine Bauers seinen Namen einfach nur durch verschiedene Suchmaschinen im Internet jagte. "Wir arbeiten wie Detektive", sagt sie.

          Aus vielen Ländern Europas kommen ihre Mitarbeiter. Viele haben ein abgeschlossenes Studium, sind Juristen oder Mathematiker. Christine Bauers selbst hat Fremdsprachen in Greifswald studiert. Um kurz vor zehn Uhr am Morgen sitzt sie in ihrem Büro, trinkt schwarzen Kaffee aus einer Tasse mit Katzenkopf und sagt: "Ich habe da etwas Auffälliges gefunden."

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