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Sporthistoriker Havemann : „Die Bundesliga war eine Schwarzgeld-Liga“

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Profitable Posen: Hoeneß und Breitner als Badehosen-Models 1973 Bild: picture-alliance/ dpa

Der Politikwissenschaftler und Historiker Nils Havemann beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Geschichte des Fußballs in Deutschland. Die These „früher war alles besser“ hält er für völlig abwegig.

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          Der Politikwissenschaftler und Historiker Nils Havemann beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Geschichte des Fußballs in Deutschland. Zuletzt erschien sein Buch „Samstags um halb vier“ zum 50. Jubiläum der Bundesliga. 2005 hatte sein Titel „Fußball unterm Hakenkreuz: Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz“ viel Beachtung gefunden.

          Der Fußball feiert sich in diesen Tagen zum Bundesliga-Jubiläum mal wieder aufwendig. Kommen da nicht die vielen Schattenseiten des Geschäfts zu kurz?

          Die Repräsentanten des Fußballs wissen, dass die Bundesliga ein Premiumprodukt ist. Von dieser Warte aus stören die Schattenseiten beim Jubiläum, deshalb lässt man sie außen vor. Kritische Stimmen werden als Quertreiber betrachtet. Insgesamt gesehen ist die Bundesliga natürlich eine Erfolgsgeschichte, die auch gefeiert werden kann.

          Gesetzwidrige Finanzierungsmethoden, Betrug, Doping, Rassismus - der Jubel-Rückblick ist doch eher eine große Verklärung.

          Die Geschichte der Bundesliga ist auch eine Geschichte der Krisen. Aber die psychische Abhängigkeit der Deutschen vom Fußball ist so groß, dass solche Krisen rasch überwunden wurden und die Leute wieder in die Stadien strömten. Das ist gefährlich, weil die Bundesliga vielleicht dazu neigt, gewisse Fehler, die auch heute noch bestehen, nicht abzustellen. Somit wäre auch mal eine Reaktion des Publikums angemessen.

          Wenn die Fans aufbegehren, dann mit der eindimensionalen Kommerz-Kritik - nach dem Motto: Früher war alles besser.

          Diese Meinung ist völlig abwegig. Die Klage über den Kommerz im Fußball gab es in Deutschland schon in den zwanziger Jahren. Auch in den Fünfzigern hob der Sturm der Empörung nach zwei Niederlagen an und es hieß, die Fußballspieler sind satt, werden zu gut bezahlt, fahren tolle Autos und lassen sich von hübschen Damen hofieren, aber bewegen sich auf dem Platz nicht mehr.

          Welche Rolle spielte das Geld?

          Eine herausragende. Es lief viel unter der Hand, in der Schattenwirtschaft. Die Werbung war damals schon im Stadion sichtbar, und in den fünfziger Jahren wurde auch um die Fernsehrechte geschachert. Die Vereine verlangten horrend hohe Summen für TV- oder Radioübertragungen, die den Vergleich mit heute nicht scheuen müssten. Die Spieler wurden in der Regel schwarz bezahlt.

          Wie lief das?

          Der Kommerz wurde damals kaschiert. Die Gehaltsobergrenze für einen Spieler lag zu Bundesligabeginn bei 1200 Mark im Monat. Aber es gab damals eine Vereinbarung zwischen dem Deutschen Fußball-Bund und dem Bundesfinanzministerium, die besagte, dass begehrte Spieler das bekommen könnten, was sie verlangten, wenn die Gefahr bestünde, dass sie vom Ausland abgeworben würden. So wurde die formale Obergrenze außer Kraft gesetzt.

          Haben die Vereine diese Regelung genutzt?

          Eher weniger, weil die Spieler Steuern sparen wollten. Sie wurden unter der Hand bar bezahlt oder über andere Konstruktionen wie Scheinarbeitsplätze entlohnt. Größtenteils war die Bundesliga somit eine Schwarzgeld-Liga. Vereine waren nicht dem strengen Bilanzierungsrecht unterworfen. Da waren der Manipulation die Türen geöffnet. Auch die Kommunen hatten ein großes Interesse daran, hauseigene Vereine in der Bundesliga zu haben, weil jeder Spieltag enorm hohe Umsätze versprach.

          Was haben Spieler in den Anfängen der Bundesliga verdient?

          Spitzenspieler verdienten Mitte der Sechziger mit Prämien legal etwa 50.000 bis 60.000 Mark im Jahr - auf legale Weise. Allein das war das fünf- bis sechsfache Einkommen eines durchschnittlichen Arbeitnehmers. Dazu gab es noch das übliche Schwarzgeld, Einkommen über Scheinarbeitsplätze und Sponsoren.

          Heute ist die Diskrepanz zwischen dem Einkommen eines Durchschnittsarbeitnehmers und Fußballprofis wesentlich größer.

          Das stimmt. Aber der Fußball ist heute viel transparenter. Wir haben keinen Anlass, über die Kommerzialisierung zu klagen, weil wir uns vergegenwärtigen müssen, dass Ende der sechziger Jahre die Vereine in der Regel keine Steuern bezahlten und viele Spieler das auch nicht taten. Das hat sich heute verbessert, mit dem Resultat, dass die Bundesliga zuletzt fast 800 Millionen Euro an Steuern und Abgaben gezahlt hat. Das will den meisten Sozialromantikern und Hütern des Kulturguts Fußball nicht deutlich werden. Die merken gar nicht, dass es heute zwar nicht ehrlich, aber ehrlicher zugeht als früher.

          Das Gespräch führte Michael Ashelm.

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