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Shinji Kagawa : Gladiator zum Billigtarif

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Nur schwer zu stoppen: Shinji Kagawa (rechts) setzt sich gegen Schalkes Jefferson Farfan durch. Bild: dapd

Shinji Kagawa findet sich überraschend schnell in der Bundesliga zurecht - der rasante Aufstieg des Japaners erstaunt auch seine Dortmunder Entdecker. Die Fans setzen an diesem Freitag in Köln (20.30 Uhr) auf seinen Offensivdrang.

          In der Bundesliga hat schon so mancher Fußballspieler aus Japan sein Glück versucht. Die einen hatten mehr Erfolg, die anderen weniger. Der große Coup war noch nicht dabei. Sie zogen vor allem das Interesse japanischer Reporter auf sich, die in erstaunlich großer Zahl die Pressetribünen bevölkerten. Naohiro Takahara etwa, der für Hamburg und Frankfurt kickte, oder Shinji Ono, den sich der VfL Bochum als welkenden Weltstar verkaufen ließ, ohne jemals nachhaltig von dessen Künsten zu profitieren.

          Richtig aufgemischt hat keiner dieser vermeintlichen Stars die Liga. Als Shinji Kagawa vor ein paar Wochen bei Borussia Dortmund anheuerte, hielten viele diesen Import für eine Werbemaßnahme ohne großen sportlichen Hintergrund. Was sollte ein 21 Jahre junger Mann aus der zweiten japanischen Liga schon ausrichten in einem Fußball-Land, das inzwischen wieder zu den drei bedeutendsten in Europa gehört? Das konnte doch nur ein PR-Gag sein, mutmaßten nicht wenige in der Branche. Doch sie wurden alsbald eines Besseren belehrt.

          Der nicht sonderlich groß gewachsene Kagawa legte einen Start hin, der das auch in Dortmund strapazierte Klischee vom „Wirbelwind aus Fernost“ mit Inhalt füllte. Als Ergänzungsspieler vorgesehen, der irgendwann in die Elf hineinrutschen könnte, nutzte der Mittelfeldspieler mit Zug zum Tor die Lücke, die sich zu Saisonbeginn auftat, weil Kreativspieler wie Mohamed Zidan und Tamas Hajnal verletzt oder formschwach waren. „Er zieht die Bälle an sich und hat gute Ideen“, sagt Mannschaftskapitän Sebastian Kehl. Kagawa kam, sah und eroberte – einen Platz in der Stammelf und in den Herzen der BVB-Fans, die auch beim Auswärtsspiel des Bundesliga-Zweiten an diesem Freitag gegen den 1. FC Köln (20.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) auf seinen Offensivdrang setzen.

          Gefeierter Mann: Shinji Kagawa bedankt sich bei den Fans.

          Die Wucht der Emotionen

          Einmal stand Kagawa sogar schon allein vor der vollbesetzten berühmten Südtribüne und genoss den Schlussapplaus des Gladiators, der in den Augen der Masse das Spiel entschieden hatte. „Dieser Moment war unbeschreiblich“, sagt er. Dass ihm die Worte fehlten, lag nicht an seinen (noch) überschaubaren Deutschkenntnissen, sondern an der Wucht der Emotionen, die auf ihn einwirkten. Es ist ein Unterschied, ob ein Spieler solche Bilder aus dem Fernsehen oder von der Tribüne (als Gast der Dortmunder Hundertjahrfeier im vergangenen Dezember) kennt, oder ob er selbst der gefeierte Mann ist.

          Die Verantwortlichen des BVB sind selbst überrascht von ihrem Außenseitertipp, der nur 350 000 Euro gekostet hat. Nach eigenem Bekunden waren sie zwar von Anfang davon überzeugt, in Osaka ein außergewöhnliches Talent aufgespürt zu haben. Dessen Tempo hat aber auch seine Entdecker erstaunt. Sportdirektor Michael Zorc sagt, ihm sei klar gewesen, einen hoch veranlagten Spieler verpflichtet zu haben, „der Tore schießen wird“. Mit einer so kurzen Startzeit hat aber auch der Manager nicht gerechnet. In den ersten sieben Bundesligaspielen war Kagawa jedes Mal mit von der Partie und erzielte insgesamt vier Treffer. So präzise vermochte nicht einmal der Dortmunder Chefscout, der Kagawa länger beobachtet hatte, dessen Aufstieg vorhersagen.

          Die Saison hatte kaum angefangen, da war das Trikot des angehenden Publikumslieblings im Fanshop schon ausverkauft. Offenbar kommt es dem Ankömmling zugute, dass er bei seinem Wechsel von Klima und Kultur überwiegend auf Gleichaltrige trifft. Der BVB habe siebzehn Spieler aus seiner Altersgruppe unter Vertrag, sagt Zorc. „Das macht es leichter für ihn.“ Kagawa fackelte nicht lange, seine Chance zu ergreifen, weder am und im gegnerischen Strafraum noch bei seinem Auftreten außerhalb des Fußballfeldes, wo er rasch Anschluss fand. So verblüffend sein Tempo mit und ohne Ball sein mag, so eindringlich er das Klischee des schüchternen Asiaten spielend und sprechend widerlegt – so wenig will er als „besonderer Japaner“ wahrgenommen werden. „Ich versuche nur, mein Anliegen klar zum Ausdruck zu bringen“, sagt Kagawa.

          Erinnerungen an Rosicky

          Diese Klarheit erinnert manchen, nicht nur im Überschwang auf der Südtribüne, an Tomas Rosicky. Auch der tschechische Virtuose hat schnell gespielt und schnell Deutsch gelernt, hat das Spiel an guten Tagen wie ein Dirigent geleitet. Rosicky? Den Namen hat Kagawa natürlich schon gehört, zumal in Dortmund. Aber Vergleiche verbieten sich, vorerst. „Rosicky ist Rosicky, und ich bin ich“, sagt Kagawa. „Ich bin hier, um meinen Fußball zu spielen.“

          Einen schnellen Fußball mit vielen Finessen, mit viel Herz und mit vielen Tricks. Der Wechsel in eine andere Kultur scheint ihm nicht schwer zu fallen. Einige Sehenswürdigkeiten in der neuen Heimat haben es Kagawa sofort angetan, nicht nur architektonisch. Auch Blondinen prägen in seinen Augen das Straßenbild auf angenehme Weise. „Ich habe noch nie so viele schöne davon gesehen wie in Deutschland“, sagt er.

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