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Randale beim Bundesligaklub : Die Eintracht in der Hand der Ultras

  • -Aktualisiert am

Verschworene Gemeinschaft: Eintracht-Fans halten zusammen – auch bei nicht so klugen Aktionen Bild: dpa

Der Umgang mit und die Beziehung zu ihren Hardcore-Fans hat Eintracht Frankfurt zum Stammkunden beim DFB-Sportgericht gemacht. Das Verhältnis muss sich ändern. Hinweise, dass eine Zeitenwende bevorsteht, gibt es bereits.

          5 Min.

          Die Diagnose kam vom Betroffenen: „Wir befinden uns in Geiselhaft“, sagte Axel Hellmann, Vorstandsmitglied der Eintracht Frankfurt Fußball AG, am Montag kurz nach dem Urteil des DFB-Sportgerichts gegen seinen Verein. Wegen verschiedener Vergehen Frankfurter Fans vor und während des Pokalspiels beim 1. FC Magdeburg am 21. August, vor allem aber wegen des Abschießens dreier Leuchtraketen in einen Magdeburger Block, war die Eintracht mit einem ganzen Strafenkatalog belegt worden – unterem anderem mit Zuschauer-Teilausschlüssen im Bundesligaspiel gegen Bayern München (etwa 2000 Zuschauer) und im Pokalspiel gegen Ingolstadt (etwa 12.000).

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Dass die Eintracht als „Wiederholungstäter“ nicht mit einem „Geisterspiel“ oder gar mit dem Ausschluss aus dem Pokalwettbewerb bestraft wurde, war ein Zeichen der Anerkennung durch das Sportgericht - für die Bemühungen der Frankfurter, ihr Fan-Problem in den Griff zu bekommen. Doch alle Investitionen in Betreuung, Kommunikation, Präventiv- und Sicherheitsmaßnahmen sowie in die Videoüberwachung haben das Problem nicht gelöst. Hellmanns Kernfrage lautet: „Tritt ein Lerneffekt bei den Fans ein? Oder reißt es den ganzen Verein in die Tiefe?“

          Steht eine Zeitenwende an?

          In seiner Verteidigungsrede vor dem DFB sprach Eintracht-Anwalt Christoph Schickhardt bereits von einer Zeitenwende. Erstmals habe ein Fan eine Täterbeschreibung geliefert (was bis Dienstag noch nicht zu seiner Ermittlung führte). Und auch Hellmann spricht von einer Veränderung. „Toleranz und Akzeptanz sind nach dieser unfassbaren Tat von Magdeburg nicht mehr auszumachen.“ Was sich auch im Fan-Verhalten bei den Spielen zeigt.

          Seit Magdeburg gingen vom Frankfurter Fanblock keine Gewalttaten und keine Provokationen aus, noch nicht mal Pyrotechnik oder Bengalos wurden gezündet. Aber es ist zweifelhaft, ob dieser Frieden aus Überzeugung eingehalten wird. Vermutlich sind sie sich bewusst, dass man sich im Moment nicht die kleinste Entgleisung leisten kann. Wie leicht der Frieden kippen kann, zeigte sich im Hessen-Derby in Darmstadt, als Darmstädter Fans Leuchtraketen in den Eintracht-Block schossen. Einige Frankfurter Fans wollten in ihrer ersten Wut ihren Block verlassen und den Darmstädtern an den Kragen. Ordnungskräfte verhinderten dies mit dem Einsatz von Pfefferspray, dann ließen sich die Aufgebrachten schnell wieder von ihren Eintracht-Freunden beruhigen.

          Mittlerweile stehen die Eintracht-Fans fast bei jedem Spiel unter starker Beobachtung

          In dieser Szene wird deutlich, was Hellmann mit „Geiselhaft“ meint. Falls er jemals den Glauben hatte, entscheidenden Einfluss auf die Hardcore-Fans im Verein gewinnen zu können, dann hat er ihn mittlerweile verloren.

          Wie in fast jedem Bundesligaklub sind die meisten der harten Jungs in Ultra-Gruppen organisiert, in Frankfurt sind das etwa 800 Personen. Dazu kommen noch einige hundert Gewaltbereite oder Gewalt akzeptierende Fans aus einigen der übrigen 750 Eintracht-Fanklubs hinzu. Die Ultras wurden zumindest bis Magdeburg von vielen bewundert oder wenigstens als cool empfunden - wegen ihrer sozialen Aktionen, wegen ihrer Choreographien, wegen ihrer Wehrhaftigkeit gegenüber gegnerischen Fangruppen und ihrer kritischen Haltung gegenüber der immer stärkeren Kommerzialisierung des Fußballs. Gelegentliche Gewaltdelikte (gerade gegenüber der Polizei und Ordnungskräften) wurden toleriert, akzeptiert und gar gedeckt.

          Wenn die Ultras zu Aktionen aufrufen, dürfen sie sich einer großen Resonanz sicher sein. Ihr größter Erfolg war der Aufruf, zum Europa-League-Spiel in Bordeaux in orangefarbener Kleidung anzureisen. Die überwiegende Mehrheit der 12.000 Frankfurter Fans beteiligten sich am Farbenspiel und machten Bordeaux zu einem unvergesslichen Erlebnis. Die Uefa prämierte diese Auswärtsfahrt der Eintracht mit einem Sonderpreis. Dass der massenhafte Auftritt in Bordeaux auch ein paar hässliche Szenen bot, wurde verdrängt. Zum Selbstverständnis der Ultras, die wahren Fans zu sein, gehören auch Macht- und Überlegenheitsphantasien. Sie finden Ausdruck in provokativen Aktionen wie das Stehlen von gegnerischen Fansymbolen bis hin zu Sprechchören: „Wenn wir wollen, schlagen wir euch tot.“ Das daraus erwachsende Konfliktpotential zeigte sich nicht nur in Bordeaux. Es besteht grundsätzlich.

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