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Spielbeobachtung im Fußball : Warum Scouting vom Schreibtisch keine Lösung ist

  • -Aktualisiert am

Carsten Wehlmann: vom Torhüter des FC St. Pauli über den Chefscout in Kiel zum Darmstädter Sportdirektor Bild: dpa

Die Corona-Pandemie hat auch die Scouting-Experten in ihrem Aktionsradius stark eingegrenzt. Vieles ist per Video erkennbar. Dennoch ist ein Platz im Stadion nicht zu ersetzen.

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          Das Auto als ganz wichtiges Arbeitsmittel im großen Fußballgeschäft: Zwischen 80.000 und 100.000 Kilometer seien seine Scouts jeweils pro Jahr „sicher unterwegs“ gewesen, sagt Bastian Huber, der Chefscout des Bundesligaklubs TSG Hoffenheim. Hinzu kämen noch Reisen im In- und Ausland mit dem Flugzeug und der Bahn. Ein bewegtes Leben auf der Überholspur.

          Dieses stramme Pensum mit dem Auto war auch der heutige Darmstädter Sportdirektor Carsten Wehlmann gewohnt, als er vor zehn Jahren in der Rolle des Chefscouts bei Holstein Kiel tätig war. Der ehemalige Zweitliga-Torhüter des FC St. Pauli erinnert sich an ganz andere Zeiten bei der fachkundigen Sichtung von Spielern und Spielen: „Was die Spiel- und die Gegneranalyse sowie das Scouting angeht, ist man damals nach dem Spiel noch zum Ü-Wagen des übertragenden Senders gegangen und hat darum gebettelt, eine CD von dem Spiel zu bekommen.“

          Der frühere Realschullehrer und studierte Sport- und Wirtschaftswissenschaftler Huber, der seit Juli 2019 das Scouting in Hoffenheim verantwortet, musste schmunzeln, als er das hörte. Huber und Wehlmann nahmen zusammen mit dem ehemaligen Assistenztrainer von Norwich City Christian Flüthmann an einer Gesprächsrunde anlässlich der Eröffnung der Hochschule für angewandtes Management (HAM) in Frankfurt teil. Die Veranstaltung fand in Zusammenarbeit mit dem „Internationalen Fußball-Institut“ statt. Von Mitte September an bietet die HAM einen Bachelor-Studiengang Fußballmanagement an ihrem neunten Standort in Frankfurt an.

          Reisen und kein Ende? Diese Form von Mobilität gilt vorerst nicht mehr. Die Corona-Pandemie hat auch die vielen Scouting-Experten weltweit in ihrem Aktionsradius stark eingegrenzt. Von hundert auf null: Reiseverbote und das Aussetzen des Spielbetriebs in aller Herren Ländern hatten überall dazu geführt, dass für die rastlosen Fußball-Analytiker mit einem Schlag Homeoffice statt Stadionbesuche angesagt waren. „Man muss ehrlich sein: Die Dinge haben sich jetzt massivst verändert“, sagte Huber.

          Die Hoffenheimer hätten von Spielen und Spielern „unfassbar viel Videomaterial zur Verfügung gehabt. Wir haben das durchgescoutet und Berichte dazu geschrieben.“ Stichwort Daten-Scouting: Der Chefscout und seine Mitarbeiter nutzten die Zeit außerdem dazu, sich mit dem einen oder anderen Spieler noch intensiver zu befassen. „Wir können jetzt auch viele Dinge über das Video-Scouting abarbeiten, um anschließend gezielter nach außen zu gehen.“ Durch die Pandemie würden sich neue Trends entwickeln. „Dinge, die vorher nicht so gelebt wurden, werden jetzt gelebt“, hob Huber hervor. Trotzdem sei er „lieber im Stadion, als im Büro vor dem Bildschirm zu sitzen“. Denn: „Du siehst im Stadion andere Dinge und nimmst sie anders wahr.“

          „Ich will sehen, wie ein Spieler reagiert“

          Wehlmann nannte ein Beispiel, warum der Tribünenplatz für einen Mann vom Fach immer sinnvoll sei: „Ich will sehen, wie ein Spieler reagiert, wenn er vor 30.000 Zuschauern in einem emotionalen Umfeld einen Fehlpass gespielt hat. Steckt er das weg und macht unbeeindruckt weiter?“ Auf Video hingegen könne er die Reaktion eines Spielers „nicht so gut erkennen“, gab der „Lilien“-Sportdirektor einen Einblick in die Anforderungen seines Jobs. „Das Wichtigste ist immer noch die Praxiserfahrung“, sagte Flüthmann.

          Weniger gearbeitet worden sei vom Fachpersonal in den vergangenen Monaten nicht, darin waren sich Huber und Wehlmann einig. Für beide galt, sich mit ihrem jeweiligen Mitarbeiterstab auf die neuen Gegebenheiten einzustellen und wie im Fall der Darmstädter das „datenbasierte Scouting zu intensivieren“ (Wehlmann). Sein Kollege Huber stellte mit grinsendem Gesicht fest, „dass wir mittlerweile alle Experten in Sachen Videokonferenzen geworden sind. Das waren vorher Dinge, die man nicht unbedingt so wahnsinnig gerne gemacht hat, weil es schöner ist, mit Menschen direkt in Kontakt zu sein.“ Doch nun kann sich Huber vorstellen, dass im Arbeitsbereich der Scouts in Zukunft weniger gereist wird. „Die eine oder andere Konferenz kann man auch als Videokonferenz machen“, sagte er. Das spare zudem Kosten, fügte Wehlmann hinzu. Zwangsläufig mehr Zeit habe man jedoch nicht. Manch einer habe die Videokonferenzen nämlich auch dazu genutzt, „dass er noch mehr Treffen machen konnte“, sagte er und grinste.

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