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Scouting beim 1. FC Köln : Studenten in geheimer Mission

Star aus dem Labor: Geromel Bild: dpa

Im „SportsLab“ des 1. FC Köln fahnden 30 Studenten nach den besten Fußballspielern der Welt. Einer von ihnen hat den neuen FC-Star Geromel entdeckt.

          3 Min.

          Zwischen Herz und Hirn liegen beim 1. FC Köln wenige Meter. Das Herz des Klubs, das ist das Geißbockheim, wo sich Fans, Freunde und Funktionäre versammeln, um von der Terrasse aus den Profikickern beim Training zuzuschauen.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Hirn des Fußballklubs befindet sich auf der Rückseite des Vereinsheims, im unmittelbar angrenzenden Franz-Kremer-Stadion. Dort, wo die FC-Amateure ihre Regionalligaspiele austragen, sind unter den Tribünen fast drei Dutzend Personen vor allem damit beschäftigt, Verstärkungen für den Bundesligaklub zu finden. „SportsLab“ hat der 1. FC Köln diese Einrichtung genannt und als „modernes Informationssystem“ bezeichnet; in Wirklichkeit erscheint das Großraumbüro im Stadion-Souterrain wie die Geheimdienstzentrale des Klubs.

          Videoanalyse und Spielstatistik

          Durch die gesicherte Eingangstür, die ins Innere führt, darf nur treten, wer vorher von Boris Notzon in Augenschein genommen wurde. Notzon ist Leiter von „SportsLab“ und damit beim FC quasi der Spitzenagent mit der Lizenz zum Fahnden und Verfolgen. „Wir sehen uns als Informationsbeschaffer“, sagt der Dreißigjährige, dem drei Arbeitsbereiche unterstehen:

          Durch Videoanalyse und Spielstatistik werden die Leistungswerte der eigenen Spieler zusammengetragen, über die Datenbank werden Profile von Profis aus aller Welt erstellt. „Wenn der Verein einen zwei Meter großen, kopfballstarken Innenverteidiger sucht, der jünger als dreißig Jahre ist und zehn Länderspiele absolviert hat, dann können wir sofort helfen“, sagt Notzon.

          Begegnungen aus aller Herren Länder

          „SportsLab“, nach vierzehnmonatigem Aufbau im April 2008 eröffnet, dient beim Bundesliga-Aufsteiger nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung des Scouting-Systems. Durch das Zusammenspiel beider Abteilungen werde „die Basis der Entscheidung sicherer und breiter“, sagt FC-Manager Michael Meier. Anders als die dahin und dorthin ausschwärmenden Scouts hat „SportsLab“ dank hochmoderner Informationstechnologie von einem Großraumbüro aus die ganze Fußballwelt im Blick.

          Begegnungen aus aller Herren Länder werden aufgezeichnet, gespeichert und gesichtet: Ob Ligaspiele in Kroatien oder Marokko, Junioren-Länderspiele in Rumänien oder Dänemark, oder ob kontinentale Turniere wie die Copa America - was im Fernsehen übertragen wird, findet Eingang in die Kölner Datenbank. Mehr als 3500 Fußballspiele hat „SportsLab“ seit seiner Gründung schon aufgezeichnet, und jede Woche werden es mehr. Die Speicherkapazität von 32 Terabyte reiche für „drei Jahre Weltfußball“, sagt Notzon. Ist die Datenmenge ausgeschöpft, werden die Aufzeichnungen archiviert. „Wenn es so weiterläuft, wären wir in zehn Jahren das größte Fußballarchiv der Welt“, behauptet Notzon.

          30 Studenten aus 15 Ländern

          Neben dem Leiter arbeiten noch zwei weitere hauptamtliche Kräfte bei „SportsLab“; dazu kommen 30 Studenten aus 15 Ländern, die Notzon über Internetplattformen wie StudiVZ gefunden hat. Gesucht hatte er Muttersprachler aus verschiedenen Nationen mit Fußball-Sachverstand. Die Studenten - viele von ihnen ambitionierte Amateurkicker - seien zwar nicht so erfahren wie „ein Scout mit zwanzig Länderspielen und zehn Jahren Erfahrung“. Aber ihre Qualität sei extrem hoch, genauso wie die Identifikation mit ihrer Arbeit, sagt Notzon: „Sie erleben den Job wie ein Fußballmanager in live.“

          Jede studentische Hilfskraft ist für ein Land oder eine Region zuständig, verfolgt und analysiert alle wichtigen Fußballspiele in ihrem Hoheitsgebiet, führt Statistiken und wertet Pressetexte aus, um Rückschlüsse zu ziehen auf die charakterliche Eignung eines möglichen Neuzugangs.

          „Dieser Student entdeckte Geromel“

          Im besten Falle werden die Studenten nach erfolgreicher Arbeit selbst in den Medien gefeiert; so wie Ricardo Tavarez, ein 22 Jahre alter Portugiese. An der Längswand des „Sports-Lab“-Büros prangt, zwischen vier Postern mit FC-Jubelszenen und vier Uhren, die die Ortszeiten von Köln, Lissabon, Moskau und Rio de Janeiro angeben, ein riesiger Zeitungsausschnitt: „Dieser Student entdeckte Geromel“ lautet die Überschrift über dem Text, der von einer der größten Entdeckungen dieser Bundesligasaison handelt. Dem für die portugiesische Liga zuständigen Tavarez waren, als er Begegnungen von Vítoria Guimarães am Computerbildschirm beobachtete, frühzeitig die Verteidigungskünste Pedro Geromels aufgefallen.

          Der FC ließ sich nicht abschrecken von den 2,5 Millionen Euro Ablöse, griff beherzt zu und hat seither einen der besten Verteidiger der Liga unter Vertrag. „Unser Vorteil ist immer der zeitliche Vorsprung“, sagt Notzon. Während mancher Liga-Konkurrent noch auf Amateurplätzen sucht oder Bewerbungsvideos sichtet, hat der 1. FC Köln bereits Zugriff auf massenhaft Fußballspieler in seiner Datenbank. „Wenn wir von Trainer Christoph Daum zehn Spielernamen bekommen, dann können wir innerhalb einer halben Stunde Analysen und Videos zu ihren Stärken und Schwächen zusammenstellen“, sagt Boris Notzon nicht ohne Stolz.

          Auf eine Reihe wenig bekannter Fußballprofis in kleinen Ligen hat die Sportliche Führung des 1. FC Köln seit einiger Zeit ein Auge geworfen. Weil „SportsLab“ mit anderen professionellen Datenbanken zusammenarbeitet, entgehen Notzon und seinen Helfern wohl nur wenige Details in der großen weiten Kickerwelt. Dieser Weg zum gläsernen Fußballprofi hat für den 1. FC Köln einen unschätzbaren Vorteil. „Wir“, sagt Boris Notzon, „machen uns unabhängig von Spielerberatern.“

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