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Doping im Fußball : Schumacher musste „ein paar Hormönchen“ teuer bezahlen

Dem „Anpfiff” folgte der Abpfiff für Schumacher Bild: picture-alliance/ dpa

Peter Neururer hat mit seinen verworrenen Dopingvorwürfen den deutschen Fußball in Aufruhr versetzt. Dabei sind die Anschuldigungen nicht neu. Schon vor 20 Jahren beendete das Dopingkapitel im „Anpfiff“ die Karriere des Nationaltorhüters Toni Schumacher.

          „Ich gestehe ganz offen . . .“ Wenn in diesen Tagen ein Sportler so einen Satz sagt, dann glaubt man Bescheid zu wissen, schon längst gewusst zu haben, wie es weitergeht mit dem Geständnis: „. . . Beim Training habe ich ein Medikament mit Dopingwirkung ausprobiert. Captagon heißt das Zeug. (. . .) Auch in der Fußballwelt gibt es Doping – natürlich totgeschwiegen, klammheimlich, ein Tabu.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Nein, diese Zustandsbeschreibung stammt nicht von dem Fußballtrainer Peter Neururer oder einem Profi der jüngsten Generation. Sie floss aus der Feder eines Mannes, der heute von sich behaupten darf, es schon mehr als zwanzig Jahre lang gewusst zu haben: In seinem Buch „Anpfiff“ schilderte der frühere Nationaltorhüter Harald „Toni“ Schumacher, was der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Theo Zwanziger, nach wie vor für Unsinn hält.

          In der Bundesliga Tradition

          „Doping bringt nichts im Fußball“, sagte Zwanziger in einem Interview mit der F.A.Z. im Dezember 2006. „Diese Substanz fördert die Angriffslust, erhöht die Ausdauer und die Widerstandsfähigkeit. (. . .) Die saftgestärkten Kollegen (des 1. FC Köln) flitzten wie der Teufel über den Rasen. (. . .) In der Bundesliga hat Doping seit langem Tradition“, so schilderte Schumacher seine eigenen Erfahrungen anno 1987.

          Autor Schumacher: „Pillen und Leistung – das war eine Gleichung”

          Wenn man also wissen will, was Profis und Nationalspieler der Achtziger, die Schumacher wenigstens auf dem Gebiet der „Stärkungschemie“ zu „Weltmeistern“ ernannte, damals so trieben, dann muss man nur 14 Seitchen in „Anpfiff“ lesen. Interessant an dieser Nachlese ist aber nicht die Wiederentdeckung dieser wohl ersten gedruckten Dopingbeichte im Lieblingssport der Deutschen. Dass Dopingsubstanzen je nach Anwendung die Leistungsfähigkeit von Fußballspielern verbessern, und zwar heute deutlich intensiver als noch vor zwei Dekaden, ist schließlich eine Binsenweisheit.

          „Überversorgung mit Tabletten“

          Bei der zweiten Lektüre mit zwanzig Jahren Abstand entdeckt man aber erst die wahre Brisanz des weder im Klappentext noch in der Kapiteleinteilung angedeuteten Skandals: Was Präventionsexperten und Pädagogen heute predigen, hat der „Tünn“, wie sie ihn in Köln nannten, schon damals, vielleicht aus kommerziellen Gründen, in jedem Fall aber freiwillig zu Papier gebracht: „die Überversorgung mit Tabletten“ durch die Sportmedizin im Tross des DFB unter Leitung von Professor Heinz Liesen während der WM 1986. „Haufenweise Pillen“ mussten sie schlucken.

          Viele landeten im Blumentopf neben dem Esstisch, „wo in zwei Jahren Schrauben wachsen“, wie Schumacher damals vermutete. Wahrscheinlich standen die Mittel („Eisen, Magnesium, Vitamine, ein paar Hormönchen“) nicht mal auf der Dopingliste. Die „übermäßige Tablettenverordnung“ und Betreuung in Mexiko – Liesen allein setzte laut Schumacher 3000 Spritzen – erinnert allerdings frappant an das Muster im Rad- und anderen dopingverseuchten Sportarten: Die Athleten wurden „vollgestopft“.

          Beginn einer doppelten Sucht

          Wer glaubte nach der „medizinischen Bevormundung“ noch, anschließend ohne Pillenkur über die Runden zu kommen? Schumachers eigentliche Enthüllung ist also eine ungeordnete, in Theorien über die Sex-Bedürftigkeit des Profis (käufliche „Liebesdienerinnen“ für Nationalspieler!) eingebettete Schilderung von bestehenden wie geschürten Abhängigkeiten. Die führen letztlich zu einer doppelten Sucht. Erst setzt die psychische Sucht ein, durch die Angst ohne Pille zu versagen. Dann folgt die physische Abhängigkeit durch Suchtpräparate wie Aufputschmittel.

          „Einige unter ihnen“, schilderte Schumacher Beobachtungen während seiner ersten Profijahre in Köln, „konnten sich ohne diese Spezial-Hochform-Pillen eine Fortsetzung ihrer Karriere gar nicht mehr vorstellen. Pillen und Leistung – das war für sie zu einer Gleichung geworden.“ So erkannte der Torhüter rechtzeitig, was dem Radprofi Marco Pantani eine Generation später zum tödlichen Verhängnis wurde: „Eines der Hauptrisiken für Spitzensportler: Sie kippen um in Stresssituationen, werden von Präparaten abhängig“, schrieb Schumacher. „Doping ist Gift, genau wie Drogen.“

          Keine Namen genannt

          Schumacher, der sein Dopinggeständnis ein paar Seiten später um die Aufwärmphasen vor Pokal- und Bundesligaspielen erweiterte, nannte zwar keine Namen. Aber für den DFB wäre es nicht schwer gewesen, die „wandelnde Apotheke“ aus München, einen Nationalspieler mit medizinischen Kenntnissen und dem Hang zu Selbstversuchen, zu identifizieren. Und damit weitere Mechanismen des Dopings im Fußball zu erkennen und entsprechend zu handeln. Nach hartem Ringen gibt es inzwischen Wettkampf- und Trainingskontrollen in der Bundesliga.

          Hängengeblieben ist allerdings nur die heftige Reaktion nach der Veröffentlichung von Schumachers Buch. Ein Abpfiff nach dem „Anpfiff“. Der Überbringer der schlechten Nachricht musste stante pede das Tor sowohl in der Nationalmannschaft als auch beim 1. FC Köln räumen. Für Schumacher war es eine Art Enthauptung. Insofern hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren schon etwas geändert. Radprofi Erik Zabel, der auf großen Druck hin wenigstens einräumte, 1996 ein paar Wochen lang das Medikament und Blutdopingmittel Erythropoietin eingenommen zu haben (Siehe auch: Zabel und Aldag gestehen Epo-Doping), soll als ehrenamtlicher Botschafter des deutschen Sports im Anti-Doping-Kampf wirken.

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