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Borussia Dortmund : Unter Freunden in schwarz-gelb

  • -Aktualisiert am

Vertrauensmänner: André Schürrle und Thomas Tuchel kennen und schätzen sich aus alten Mainzer Tagen. Bild: Imago

André Schürrles Wechsel zu Borussia Dortmund war von viel Skepsis begleitet. Der Weltmeister zeigt sich aber als einer, der sich nochmal durchboxen will – und bekommt dabei viel Unterstützung.

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          Schon als Gegner hatte André Schürrle gern in Dortmund gespielt. Das besondere Flair im größten deutschen Fußballstadion faszinierte ihn. Wie aber muss es sein, die „Gelbe Wand“, bestehend aus mehr als zwanzigtausend Menschen auf der Südtribüne, und überhaupt fast achtzigtausend Fans im Rücken zu haben? Schürrle hat es sich in Gedanken längst ausgemalt. „Ich stelle mir das großartig vor“, sagt er. „Ich fühle mich wie ein kleines Kind.“ Aber nicht nur die Atmosphäre auf den Rängen hat den Nationalspieler für Dortmund eingenommen. Er trifft auf zwei Arbeitskollegen, die er auch abseits des Fußballplatzes zu seinen Freunden zählt: Mario Götze und Marco Reus. Über Götze etwa sagt Schürrle, er könne „mit ihm über alles sprechen“. Und beide versuchten, „sich gegenseitig zu pushen, wenn es mal schlechter läuft“.

          Mit Reus und Götze an seiner Seite das erste Bundesligaspiel für Dortmund - an diesem Samstag gegen den FSV Mainz 05 - zu bestreiten, wäre zu schön gewesen, wahr allerdings wird diese Vorstellung nicht. Reus leidet immer noch an den Folgen einer komplizierten Muskelverletzung, die ihn seit dem Pokalfinale im Mai daran hindert, professionell zu kicken. Und auch Götze, dessen Rückkehr nicht ganz unumstritten ist, muss am Samstag passen, Thomas Tuchel kündigte an, ihn noch nicht in den Kader zu berufen; auch Götzes Einsatz bei den bevorstehenden Länderspielen gilt trotz seiner Nominierung (siehe Meldung auf dieser Seite) als unwahrscheinlich.

          Schon damals in Mainz war Tuchel Schürrles Förderer.

          Am Arbeitsplatz muss Schürrle also vorerst auf Freundschaftsdienste seiner beiden Kumpel verzichten - seine Vorfreude auf den Ligastart lässt er sich trotzdem nicht nehmen. Schürrle strahlt einen Tatendrang aus, den ihm nicht jeder zugetraut haben mag. Das kam nicht nur bei seinem ersten Pflichtspieltor für Dortmund zum Ausdruck, beim ungefährdeten Pokal-Erfolg (3:0) in Trier. Als Schürrle mit einem Pflaster am Kinn den Platz verließ, sah er aus, als käme er von einem Boxkampf. „Ich habe einen Cut, musste viermal getackert werden.

          Mir war etwas schwindelig, deshalb habe ich mich besser auswechseln lassen“, sagte er. Der Zusammenprall mit dem gegnerischen Torhüter mag schmerzhaft gewesen sein, hatte aber auch sein Gutes. Schürrle wurde wahrgenommen als Profi, der dorthin geht, wo es wehtut, der sich durchboxen will. So etwas kommt an, gerade im Ruhrgebiet.

          Vor allem aber begegnet Schürrle auf diese Weise den Vorurteilen, die ihn seit seinem Wechsel von Wolfsburg nach Dortmund begleiten. Nach seinem rasanten Karrierestart in Mainz ist es Schürrle schwergefallen, sich bei größeren Klubs durchzusetzen. In Leverkusen kam er noch relativ gut zurecht, ohne dort tiefe Spuren hinterlassen zu haben, Chelsea London erwies sich als eine Nummer zu groß, und zuletzt in Wolfsburg benötigte er eine (zu) lange Anlaufzeit, um wenigstens halbwegs die Erwartungen zu erfüllen - in einer Mannschaft, die am Ende Achter wurde. Braucht der BVB so einen Spieler?

          Einen Mann, der sich auf der linken Seite am wohlsten fühlt; dort also, wo auch Reus zu glänzen weiß; wo zudem der schon zuvor verpflichtete portugiesische Europameister Raphael Guerreiro spielen kann, falls er als Linksverteidiger nicht gebraucht werden sollte. Ist Schürrle mit dreißig Millionen Euro Ablöse nicht zu teuer? Noch nie hat der BVB so viel Geld für einen Spieler ausgegeben.

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          Solche Skepsis begleitete Schürrle seit Wochen. Seinen wichtigsten Fürsprecher hat all das nicht interessiert. Thomas Tuchel braucht ihn – schon als neuen Lieblingsschüler nach dem Verkauf Henrich Mchitarjans. Von allen Führungskräften im Klub hatte der Cheftrainer am längsten darauf gehofft und wohl auch daran geglaubt, Mchitarjan sei zu halten. Aber spätestens, als Manchester United vierzig Millionen Euro Ablöse bot, blieb dem Management kaum mehr eine Wahl, weil der Vertrag des Mittelfeldspielers nach dieser Saison ausgelaufen wäre.

          Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hatte zunächst mit einer Summe in der Größenordnung von 25 Millionen Euro gerechnet. Der Verkauf des sensiblen Strategen war, gemessen an aktuellen Marktdaten, ein Geschäft, das sich ein seriös kalkulierender Bundesligaverein nicht entgehen lassen konnte.

          Tuchel hatte Schürrle schon in Mainz gefördert

          Im Gegenzug setzte der Trainer seinen Wunsch durch, einen neuen Lieblingsschüler zu verpflichten. Tuchel hatte Schürrle schon in Mainz gefördert, wo die Profikarriere beider Männer begann. Erst in der A-Jugend, später bei den Profis entwickelten sich ein Vertrauensverhältnis und ein Kontakt, der über Jahre hinweg bestehen blieb, als beide längst für andere Arbeitgeber tätig waren. Auf eine Art fühlt sich auch Schürrle - ähnlich wie sein Freund Götze - in Dortmund wieder zu Hause. „Ich glaube, dass ich unter diesem Trainer noch einmal einen Sprung nach vorne machen kann“, sagt er. „Zu ihm besteht ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis. Thomas Tuchel hat mich geprägt.“

          Tuchel wiederum erläutert gern, warum er einen Spieler, einen Charakter wie Schürrle so schätzt. Zum einen, weil er ihn kennt und weiß, was in ihm steckt: zum anderen, weil er an Mchitarjan erinnert. Beide Männer zeichneten sich dadurch aus, im Spiel ihr Ego zurückzustellen und dennoch eine gute Torquote zu haben, sagt Tuchel. „Wenn man hinter diesen Spielern verteidigt, geht es einem besser. Deshalb brauchen wir André so dringend.“ Umgekehrt sprechen die ersten Eindrücke dafür, dass Schürrle in Dortmund findet, was er braucht. „Er macht tatsächlich einen sehr glücklichen Eindruck“, sagt Tuchel.

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