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Schmähplakate gegen Hopp : Niedertracht im Stadion

  • -Aktualisiert am

Trost nach Angriffen: Hopp mit Karl-Heinz Rummenigge (rechts). Bild: dpa

Viele Fußballklubs haben sich sehenden Auges in Abhängigkeit zu gut organisierten Gruppen begeben, die für sich Sonderrechte geltend machen. Jetzt tun alle überrascht, dass die Dinge aus dem Ruder laufen.

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          Nicht immer sind das Internet und die „sozialen“ Medien schuld. Das Phänomen, Argumente durch Lautstärke zu ersetzen und auf diese Weise Relevanz zu simulieren, ist vielmehr uralt. Und es war und ist Aufgabe des Gemeinwesens, die Verhältnisse geradezurücken. Das, was in mehreren Fußballstadien passiert ist, Beleidigungen übelster Sorte gegen den Unternehmer und Mäzen Dietmar Hopp, ist deshalb vor allem ein Ausdruck des Problems, wer denn den Umgangston in der Gesellschaft bestimmt.

          In vielen Stadien führen gut organisierte Gruppen das Wort. Sie versuchen sich den Fußball untertan zu machen. Ihre Anführer klagen über „Kollektivstrafen“. Auf den Gedanken, die Minderheit der wirklichen Übeltäter aus ihren Reihen auszuschließen, um Kollektivstrafen zu vermeiden, kommen die Gruppenmitglieder freilich keine Sekunde. In die Verlegenheit, sich ernsthaft von niederträchtigem Verhalten distanzieren zu müssen, kommen sie so gut wie nie, denn sie haben Macht.

          Im Zweifelsfall konnten sie sich deshalb in der Vergangenheit darauf verlassen, dass Vertreter „ihres“ Klubs die Verhältnisse verharmlosten und vor Strafen warnten, die auch „unschuldige“ Fans treffen könnten. Die Logik dahinter ist schlicht: Wer für „Stimmung“ im Stadion sorgt, muss sich von niemandem etwas sagen lassen. Regeln gelten nur insoweit, als sie die Macht der Anführer nicht tangieren. Viele Klubs haben sich sehenden Auges in Abhängigkeit von diesen Gruppen begeben und ihnen Privilegien zugestanden. Nun so zu tun, als sei man von deren Verhalten überrascht, ist bestenfalls naiv.

          Der Sport gefällt sich in einer Sonderrolle. Der Staat spielt nur eine Rolle, wenn er als Dienstleister gebraucht wird, zum Beispiel beim Stadionbau. Wenn Dinge wie jetzt passieren, finden das zwar einerseits alle furchtbar. Aber schon im nächsten Atemzug folgt allzu oft die entschuldigende Bemerkung, die Gesellschaft sei nun leider so.

          Wer, da hat der Freiburger Trainer Christian Streich recht, den Anfängen nicht wehrt, sollte sich nicht wundern, wenn alles aus dem Ruder läuft. Von gesellschaftlicher Verantwortung ist in Sonntagsreden oft die Rede. Die selbsternannten angeblichen Hüter des Fußballs proben den Aufstand. Jetzt muss sich zeigen, was Regeln wert sind. Wenn der Fußball sie nicht durchsetzen kann, muss es der Staat tun.

          Peter Sturm
          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

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