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Schalke vor dem Uefa-Cup : Folklore im Revier

  • -Aktualisiert am

Anscheinend eine Schicksalsgemeinschaft: Rutten und Manager Andreas Müller (r.) Bild: ddp

Ein bislang erfolgloser Trainer und ein in die Kritik geratener Manager beflügeln Planspiele vor dem Schalker Auftritt in Enschede. In Gelsenkirchen melden sich die Stimmen aus der Geschichte.

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          Wie schön hätte die Reise nach Enschede werden können für Fred Rutten. Der Trainer hätte in Erinnerungen schwelgen und seinen alten Freunden erzählen können, wie gut es ihm gefällt in der großen weiten Welt des Fußballs. Und was für gigantische Möglichkeiten ein Universum wie Schalke 04 ihm bietet im Vergleich zur niederländischen Provinz.

          Aber das Wiedersehen mit dem Klub, der ein Vierteljahrhundert seine sportliche Heimat war, ist für Rutten von Sorgen und Nöten geprägt und letztlich auch von der Angst um seinen Job. Sein Start „auf“ Schalke ist nicht gelungen. Unter seiner Regie sind die Königsblauen in der Champions-League-Qualifikation gescheitert und in der Bundesliga im Mittelfeld versunken. Nach der deprimierenden Niederlage in Stuttgart soll Rutten sogar den Tränen nahe gewesen sein.

          Nur ein Sieg würde etwas Ruhe bescheren

          Der 45 Jahre alte Rutten scheint allmählich zu begreifen oder wenigstens zu spüren, worauf er sich eingelassen hat. Längst wird über seine Ablösung spekuliert. Und Rutten versteht die Welt nicht, in die er da hineingeraten ist. „Wenn man in Schalke ein Spiel verliert, ist es schon eine Krise“, behauptet er. „Ganz oben wird man nicht danach beurteilt, was man richtig gemacht hat, sondern immer nur danach, was man falsch gemacht hat.“

          Die Reise nach Enschede hätte schön werden können für Fred Rutten - jetzt ist sie von Sorgen und Nöten geprägt

          Nach seiner Wahrnehmung ist Rutten also „ganz oben“ angekommen. Das darf bezweifelt werden. Aber er hat eine Höhe erreicht, die buchstäblich schwindelerregend ist. Eine Niederlage in Enschede würde nicht nur die Chance auf ein Weiterkommen im Uefa-Pokal minimieren, sondern auch die Arbeitsplätze der sportlich Verantwortlichen noch unsicherer machen. Nur ein Sieg würde den Schalkern etwas Ruhe zur Winterpause bescheren.

          Die Männer, die Müller stark gemacht haben, gehen auf Distanz

          Vom Absturz bedroht, bildet Rutten anscheinend eine Schicksalsgemeinschaft mit Andreas Müller, dem Manager, der den Niederländer als Reformer, wenn nicht gar Revolutionär des Schalker Fußballs angekündigt hat. Auch Müller, nach der Trennung von Rudi Assauer mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet, könnte in Kürze zur Disposition stehen. Eine Boulevardzeitung sieht „Müller vor dem Aus“ und behauptet, der Klub suche schon nach einem Nachfolger. Der Manager hat eine Reihe von Fehleinkäufen zu verantworten und steht in dem Ruf, allzu eng mit einer bestimmten Spielerberatungsfirma zusammenzuarbeiten.

          Gegen Rutten sprechen in erster Linie objektive Kriterien wie Ergebnisse und taktische Fehler, so etwa sein stures Festhalten am 4-3-3-System, für das ihm offensichtlich das Personal fehlt. Müller indes sieht sich auch Anfeindungen ausgesetzt, die über das normale Maß hinausgehen. Nicht nur dass fast das ganze Stadion bei der Heimniederlage gegen Manchester City „Müller raus!“ rief. Auch die Männer, die ihn stark gemacht haben, gehen auf Distanz.

          „In der Winterpause setzen wir uns zusammen“

          Jedenfalls vermeiden sie es, eine Garantieerklärung für ihn abzugeben. „Vielleicht hätte er sich vor dem einen oder anderen Transfer genauer erkundigen sollen“, sagt der Vorstandsvorsitzende Josef Schnusenberg. Die Frage nach einem Wechsel auf der Position des Trainers oder des Managers reichte er mit dem Hinweis auf die Kompetenzen im Klub weiter. „Dafür bin ich der falsche Ansprechpartner, dafür ist der Aufsichtsrat zuständig.“

          Bei der Trennung von Ruttens Vorgänger Mirko Slomka hatte Schnusenberg noch lustvoll die Rolle des „Bad Guy“ gespielt - und sich öffentlich dazu bekannt. Clemens Tönnies, der Vorsitzende des Aufsichtsrates und geschäftlich Schnusenbergs Auftraggeber, sagt, es werde „keine Kurzschlussreaktion“ geben. „Aber in der Winterpause setzen wir uns zusammen.“ Müller hatte lange an Slomka festgehalten - bis der Druck aus den Gremien ihm keine andere Wahl ließ, als den Trainer zu entlassen, dessen unattraktiver Fußball erfolgreich war, während das aktuelle Spiel weder schön anzusehen ist noch die erwarteten Punkte bringt.

          Assauer und Stevens sind Geschichte

          Unter diesen Umständen gehört es zur Schalker Folklore, dass sich Ehemalige zu Wort melden, entweder um sich mit Blick auf ihr künftiges Standing zu exkulpieren wie Slomka oder um ihre Verbitterung kundzutun wie Assauer. Slomka merkte an, Müllers Transferpolitik sei ihm „zum Verhängnis“ geworden. Assauer sagte sinngemäß, früher, also zu seiner Zeit, sei alles besser gewesen.

          Er stellte sogar in Aussicht, für ein halbes Jahr zurückzukehren, um die größte Not zu lindern, allerdings unter der Bedingung, mit niemandem von jenen zusammenarbeiten zu müssen, die seinen Rauswurf betrieben hätten. Wenn es sich nicht um Schalke handelte, müsste diese Variante als unterhaltsame, aber sonst nicht weiter ernstzunehmende Möglichkeit gelten - so wie die angeblichen „Planspiele“ einer seriösen Fachzeitschrift, die Huub Stevens, den erfolgreichsten Schalke-Trainer der Neuzeit, ins Gespräch bringt. Die Sehnsucht nach einem Trainer, der sogar zwei Jahre lang mit „Raus“-Rufen konfrontiert war, ist tief in der Schalker Seele eingebrannt. Aber Assauer und Stevens sind in diesem Klub Geschichte, egal wie trist die Gegenwart sein mag.

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