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Krise des FC Schalke 04 : Warum Tasmania Berlin um den Bundesliga-Rekord bangt

  • -Aktualisiert am

31 Bundesliga-Spiele ohne Sieg: Das schaffte bisher nur Tasmania Berlin. (Bild vor der Saison 1965/66) Bild: Picture-Alliance

Vereint im Misserfolg: Von der Krise des FC Schalke 04 profitiert genau der Klub, dessen Negativrekord sie jagen. Deshalb steht nun für den SV Tasmania Berlin einiges auf dem Spiel.

          3 Min.

          Kaum noch Trikots, kaum noch Fanschals. Und natürlich, wie sollte es in diesen Tagen anders sein, kaum noch Masken. Almir Numic freut sich jedes Mal, wenn er die Bestandsaufnahme aus dem Fanshop übermittelt bekommt. Die meisten Artikel sind nur noch begrenzt verfügbar. Und das, obwohl sein Verein, der SV Tasmania, derzeit gar keine Spiele bestreiten kann. Der Betrieb in der Oberliga Nordost ruht – wegen Corona. Beliebt sind die Utensilien trotzdem. Schalke 04 sei Dank. Seit die Schalker das Siegen eingestellt haben, profitiert Tasmania davon. Erfolglosigkeit heißt der gemeinsame Nenner.

          Bundesliga

          Vor 55 Jahren legten Tasmanias Fußballer, damals noch unter dem offiziellen Namen SC Tasmania 1900, eine historisch schlechte Saison hin. Ihre Geschichte ist oft erzählt worden, sie handelt von einer Gruppe von Feierabendfußballern, die wegen des Lizenzentzugs für Stadtrivale Hertha BSC völlig unerwartet und unvorbereitet zum Bundesliga-Aufstieg kamen und denen dann Woche für Woche das Feierabendbier von den Gegnern aus der Hand geschossen wurde.

          So manchen Negativrekord stellten die Tasmanen während dieser Saison auf, unter anderem den, dass sie 31 Spiele in Folge nicht gewinnen konnten. Ein Wert bis ans Ende aller Spielzeiten, so dachte man. Bis Schalke 04 einen beispiellosen Formverfall durchlebte. Seit fast genau einem Jahr haben die Schalker in der Bundesliga nicht mehr gewonnen. Gelingt auch an diesem Samstag gegen Hoffenheim (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) kein Sieg, hätten sie Tasmanias Marke eingestellt.

          Für die Regionalliga bereit

          Seit Wochen geht das jetzt schon so. „Schalke weiter sieglos“ oder „Schalke rückt näher an Tasmania ran“ lauten die Schlagzeilen. Und mit jeder davon tauchte Tasmania wieder ein bisschen mehr auf im kollektiven Gedächtnis der Fans. „Die Berichte taten uns gut, was die Aufmerksamkeit angeht“, sagt Tasmanias Präsident Almir Numic. Überregional spielt Tasmania keine Rolle mehr, Ambitionen Richtung Profisport hegt der Klub erst einmal keine. Aber wer weiß, wie sich die Dinge entwickeln. In der Oberliga liegt Tasmania auf Platz eins, zumindest für die nächsthöhere Regionalliga wäre der Klub laut Numic bereit.

          Allein vor diesem Hintergrund könnte die neue Popularität zu kaum einem besseren Zeitpunkt kommen. Greifbar wird die wiedererlangte Berühmtheit beim Ansturm auf die Fanartikel. Der Verein vertreibt diese im Internet, für einen Laden fehlt es an Geld und Personal. Tasmanias Klientel begrenzt sich hauptsächlich auf den Stadtteil Neukölln, von dort stammen meist diejenigen, die auch regelmäßig zu den Heimspielen in der fünften Liga kommen. Das können schon mal tausend Besucher sein, in der Regel liegt der Schnitt aber im mittleren dreistelligen Bereich. Die 827 Fans, die 1966 gegen Borussia Mönchengladbach kamen und bis heute ein Minusrekord in der Bundesliga sind, wären in der Gegenwart ein Spitzenwert. Entsprechend gering ist der Absatz von Fanartikeln für gewöhnlich.

          Historisch schlecht: Tasmania (weiße Trikots) in der Saison 1965/66
          Historisch schlecht: Tasmania (weiße Trikots) in der Saison 1965/66 : Bild: Horstmueller

          In den vergangenen Wochen kamen jedoch immer mehr Bestellungen außerhalb Berlins hinzu. Es schien, als wollten sich allerhand Menschen mit Utensilien eindecken, solange der Rekord noch Bestand hat. Trikots gingen am besten, was Numic dann doch wundert: „Das sind ja die aktuellen, mit denen von früher haben sie nichts mehr zu tun.“ Das stimmt, die dunkelblauen Stoffteile ähneln mehr denen der Schalker als denen der Ahnen. Vierzig Euro kostet eines.

          Etat um 100.000 Euro

          Als reiner Amateurverein kann Tasmania die unerwarteten Einnahmen gut gebrauchen. Geld ist knapp, die Pandemie trifft Amateure oft härter als die Profis. Sponsoren springen ab, Eintrittsgelder und Einnahmen aus dem Catering bleiben aus. „Die Situation ist nicht einfach“, sagt Numic. Der Etat des Klubs liegt irgendwo zwischen 100.000 und 150.000 Euro. Fernab von den Summen, die Schalke ausgeben kann. Angst, dass Schalke auch die kommenden zwei Spiele vergeigt und Tasmania den Rekord dann los ist hat er nicht. „So eine Saison wie unsere damals wird immer einzigartig bleiben. Schalkes Serie erstreckt sich ja über zwei Spielzeiten. Ich bin mir sicher, wir werden auch in Zukunft immer wieder genannt werden, wenn ein Klub längere Zeit nicht gewinnt.“

          Außerdem, und da ist Almir Numic sehr überzeugt von, wird Schalke den Negativlauf sehr bald stoppen können. „Ich denke, sie gewinnen gegen Hoffenheim“, sagt er. Nur hatte er das vergangene Woche auch schon geglaubt. Da spielte Schalke in unmittelbarer Nähe bei Hertha BSC. Auch Tasmanias Fans waren zum Olympiastadion gepilgert, wenigstens um den Schalkern moralische Unterstützung zukommen zu lassen. Geholfen hat es nicht. Schalke verlor 0:3.

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