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Torwartproblem mit Nübel : Schalke in der Bredouille

Keine Werbung in eigener Sache: Markus Schubert geht in München mit Schalke unter. Bild: Reuters

Markus Schubert oder Alexander Nübel – das ist die Frage, die Trainer Wagner in dieser Woche beantworten muss. Der eine kehrt zurück, der andere kann nicht überzeugen. Und beides hat mit dem FC Bayern zu tun.

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          Markus Schubert wollte die Münchner Arena nach dem Spiel möglichst schnell und unauffällig verlassen. Zügiger Schritt, die Kapuze weit über den Kopf gezogen – so war er schon fast am Ausgang angekommen, als ihn doch noch ein Reporter aufhielt. Doch bevor der ihn in ein Gespräch verwickeln konnte, schob eine Mitarbeiterin der Schalker Medienabteilung Schubert resolut durch die Tür und zum Bus. Diese mediale Schutzsperre bewahrte den jungen Torwart für den Augenblick vor unangenehmen Fragen, nicht aber vor der Auseinandersetzung mit einem Abend, der den FC Schalke 04 noch beschäftigen wird – mehr, als es nötig wäre. Und nach allem, was bislang geschah, womöglich auch mehr, als diesem Verein guttun wird.

          Bundesliga

          Die derbe 0:5-Niederlage bei den dominanten Bayern als solches war vielleicht noch etwas, das die Schalker schnell abhaken konnten, ganz so wie Sportvorstand Jochen Schneider das sagte: „Es gibt keinen Grund für Depression oder Niedergeschlagenheit, das tut einmal weh, morgen geht’s weiter.“ Die beiden Gegentreffer aber, die Schubert zu verantworten hatte – das 0:1 durch Robert Lewandowski, vor dem er sich bei einer weiten Flanke von Thomas Müller verschätzt hatte, und das 0:5, bei dem er einen Schuss von Serge Gnabry ins eigene Tor lenkte – haben aber eine ohnehin komplizierte Situation noch heikler gemacht. Zumindest, wenn man Verantwortlicher bei den „Königsblauen“ ist.

          Wenn man das nicht wäre, hätte man ja vielleicht längst etwas Naheliegendes sagen können: dass Alexander Nübel, der wohl talentierteste junge Torwart der Liga, nach seiner mit diesem Spiel in München abgelaufenen Rot-Sperre nach dem Platzverweis wegen seines rüden Fouls gegen den Frankfurter Gacinovic in der Hinrunde wieder ins Schalker Tor zurückkehrt, ganz gleich, ob er nach dieser Saison nach München, Meppen oder Mailand wechselt. Das aber sagte in den vergangenen Wochen niemand, nachdem Nübels baldiger Wechsel zu den Bayern publik geworden war. Stattdessen sagte Clemens Tönnies, der Aufsichtsratschef, vor dem Bayern-Spiel am Sky-Mikrofon etwas ganz anderes: Die Entscheidung liege zwar allein beim Trainer, aber Schubert wieder auf die Bank zu setzen „würde ihm nicht gerecht, wenn er weiter Topleistungen bringt“. Und dann fügte er noch hinzu: „Ich glaube, dass das auch die Erwartung der Fans ist.“

          Wagner muss Schubert bewerten

          Die Erwartung der Fans? Man sollte doch annehmen, dass das dieselbe ist wie die von Verein, Mannschaft und Trainer: möglichst die beste Mannschaft aufzustellen, Spiele zu gewinnen und eine bislang so erfreuliche Saison zu einem guten Ende zu bringen, womöglich mit einem Platz im europäischen Geschäft als Lohn. Aber da gibt es bei den „Königsblauen“ noch eine abweichende Agenda, eine, in der Loyalität um jeden Preis gefragt ist – in einem Geschäft, in dem der ständige Wechsel zum Alltag gehört, ob einem das gefällt oder nicht. Diese Form des Schalker Traditionalismus ist etwas Ambivalentes: romantisch gewiss, aber auch selbstzerstörerisch. Es war bislang eine von Wagners größten Leistungen als neuer Trainer, den Schalker Irrationalitäten mit einer aufgeklärten Haltung begegnet zu sein, ohne dabei an der emotionalen Basis zu rühren. Der Fall Nübel aber stellt ihn nun vor eine große Belastungsprobe, deren Ausgang noch ungewiss ist – in jeder Hinsicht.

          Am Samstagabend schob Wagner die Frage, wie und mit wem es im Schalker Tor weitergeht, erst einmal von sich: „Wir werden uns in den nächsten Tagen die Zeit geben, darüber nachzudenken.“ Er versuchte, Schuberts Leistung ausgewogen zu bewerten, er benannte seinen Beitrag im Negativen, „das müssen wir nicht totschweigen“, aber auch das Positive, dass er „ein paar Bälle superstark gehalten“ habe. Das passte zu Wagners bisher gezeigter Souveränität, auch in dieser komplizierten Angelegenheit. Es galt und gilt vieles zu bedenken: Nübels nicht mehr ganz so starke Leistungen in dieser Saison, die internen Verstimmungen, die es wohl gab über die gescheiterten Versuche, den Vertrag mit dem Kapitän zu verlängern. Und damit letztlich das Schalker Gesamtklima und die Frage, wie diese bislang so vielversprechende Saison möglichst störungsfrei und erfolgreich fortgeführt werden kann.

          Ob das aber zum Schluss führen kann, Schubert weiter das Vertrauen zu schenken? Daran bestehen seit dem Samstag doch ein paar Zweifel. Bislang hätte man für den 21 Jahre alten Schubert ins Feld führen können, dass er die Zukunft verkörpert, wenn Nübel erst einmal weg wäre. Aber das wäre nur dann ein glaubhaftes Modell, nicht zuletzt gegenüber der Mannschaft, wenn Schubert schon ein zumindest ähnlich guter Torhüter wäre – und zwar schon jetzt, nicht erst in einer Zukunft; am Samstag gab er seinem Team insgesamt keine Sicherheit.

          Zwischen all diesen Fallstricken muss Wagner nun einen Ausweg finden – und bei alledem auch daran denken, was eine solche Situation mit einem jungen Torwart machen kann. Ein älterer Kollege wurde am Samstag auch dazu befragt. Manuel Neuer, der eine Weile nach Schubert durch die Mixed Zone kam, blieb bereitwillig stehen – er habe ja sonst nicht viel zu tun gehabt, scherzte er. Was der Nationaltorwart und künftige Konkurrent Nübels über Schuberts Situation sagte, klang aufmunternd. „Grundsätzlich“, sagte Neuer, „ist es auch gut, solche Erfahrungen als junger Torwart zu sammeln. Das haben wir alle gemacht.“ Ob das aber über die normale Solidarität unter Torwart-Kollegen hinausging? Mehr wollte, mehr konnte Neuer nicht sagen. Nur eines noch: „Mit seiner allerbesten Leistung hätte Bayern München heute trotzdem gewonnen.“ Das war angesichts der Kräfteverhältnisse an diesem Abend nicht von der Hand zu weisen. Andererseits musste man auch sagen: Ohne dessen frühen Fehlgriff in der sechsten Minute hätten die Münchner es vermutlich nicht so leicht gehabt.

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