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Schalke gegen Dortmund : Das Krisen-Derby

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Spielt er? Oder spielt er nicht? Der Schalker Trainer Jens Keller will sich Kevin-Prince Boateng derzeit nicht festlegen. Bild: Reuters

Das etwas andere Duell: Schalke begegnet Dortmund plötzlich auf Augenhöhe - weil auch die Borussia sich unerwartet schwertut. Dieses eine Spiel aber kann vieles geraderücken.

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          Jens Keller ist der Druck, der auf ihm lastet, oft nicht anzumerken. Vor dem Revierderby an diesem Samstag (Anstoß: 15.30 Uhr, live im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) gegen Borussia Dortmund wirkt der Cheftrainer des FC Schalke 04 geradezu entspannt. Das wird schon bei einer der ersten Fragen deutlich; einer Frage, die Keller nicht gern gehört haben dürfte: Wird Kevin-Prince Boateng, dessen Sperre abgelaufen ist, von Anfang an spielen? Der Trainer tut so, als reagierte er amüsiert. „Auf diese Frage war ich ja nun gar nicht vorbereitet.“ Doch dann folgt eine Antwort, mit der noch vor einigen Wochen niemand gerechnet hätte. „Wir müssen mal schauen, ob er spielt oder nicht. Kevin ist fit, aber wir lassen die Entscheidung offen. Die Mannschaft hat es auch ohne ihn gut gemacht.“

          Boateng hatte zuletzt schwankende Leistungen gezeigt. Beim Unentschieden vor einer Woche gegen Eintracht Frankfurt hatte er beide Gegentore mitverschuldet und sich einen Platzverweis eingehandelt. Wenige Tage später gelang der Mannschaft, ohne ihren Anführer, im sechsten Versuch der erste Saisonsieg in einem Pflichtspiel. Und schon scheint es möglich, dass sich manches verschiebt, nicht nur auf Schalke, sondern im Koordinatensystem des Derbys.

          Letztlich wird Keller auf Boateng nicht verzichten. Es ist noch nicht lange her, da hatte der Trainer den Mittelfeldstrategen in der Halbzeitpause der Champions-League-Partie gegen Chelsea London angefleht, trotz starker Schmerzen weiterzuspielen. Doch schon die Tatsache, dass Keller dem teuersten und an guten Tagen aggressivsten Spieler der Mannschaft keine Garantie ausstellt, zeigt: Es könnte ein etwas anderes Derby werden, als noch vor knapp zwei Wochen allgemein angenommen: Der BVB hatte gegen Arsenal London „nah an der Perfektion gespielt“, wie es Borussentrainer Jürgen Klopp ausdrückte, während Keller schon wieder in der Kritik stand. Schalke hatte in London gegen Chelsea zwar auch gut ausgesehen, war aber in der Liga ohne Sieg und in der ersten Runde aus dem nationalen Pokalwettbewerb ausgeschieden.

          Ein Haufen Sorgen: Zwei Siege, ein Unentschieden, zwei Niederlagen - statistisch gesehen ist dies der schlechteste Bundesliga-Start der Borussia unter Trainer Jürgen Klopp.

          Schalke gegen Dortmund, da kann es nur einen (Sieger) geben - so schien es für all jene, die nicht aus Prinzip unerschütterlich an Schalke glauben. Zwei Spiele binnen weniger Tage genügten, um aufzuzeigen, dass dieser Schein trügen könnte. Plötzlich bietet sich den Gelsenkirchenern trotz ihres schlechten Starts die Chance, mit einem Derbysieg in der eigenen Arena Dortmund in der Tabelle zu überflügeln - und den Nachbarn auf diese Weise doppelt zu treffen. Sollten die Borussen in Schalke wirklich weitere Punkte lassen, würde ihnen das nicht nur aus Prestigegründen weh tun - sie müssten ihre eigene Eröffnungsbilanz, trotz der Sternstunde gegen Arsenal, als unbefriedigend einstufen.

          Nach den ersten fünf Bundesligarunden haben sie, statistisch betrachtet, den schlechtesten Start hingelegt, seit Jürgen Klopp ihr Trainer ist. Auch die Schwarz-Gelben verspüren allmählich sanften Druck. Der Befund des BVB-Kapitäns Mats Hummels vermittelt, welcher Gefahr die Mannschaft derzeit ausgesetzt ist. „Es ist schon die gesamte Saison so, dass für den Gegner wenig Aufwand reicht, viel zu erreichen.“

          „Es gibt keinen Favoriten, alles ist offen“

          Und schon steht Keller vor der nächsten Frage, die ihm nicht behagt: Ist Schalke vor diesem Derby sogar Favorit? Sie wurde ihm tatsächlich gestellt. Darauf war der Trainer vermutlich nicht ganz so gut vorbereitet wie auf die Frage, ob Boateng den Status des Unantastbaren verloren habe. Also verweist Keller der Einfachheit halber auf das, was der neben ihm sitzende Sportdirektor Horst Heldt sagt: „Es gibt keinen Favoriten, alles ist offen“, und zwar unabhängig von der Form und vom Ergebnis am Spieltag zuvor; Dortmund hatte gegen den Tabellenletzten Stuttgart nur mit Mühe ein Unentschieden zustande gebracht.

          Sportlich haben die scheinbar ungleichen Nachbarn zuletzt den Eindruck vermittelt, als begegneten sie einander auf einem Level - mit vielen Ausfällen und mit viel Luft nach oben auf beiden Seiten. „Beide Motoren stottern noch ein wenig“, sagt Keller. Und sein Kollege Klopp sagt: „Es ist kein Wettbewerb, wer mehr Verletzte hat. In einem Derby hat man, unabhängig von den Punkten, auch immer die Chance, ein bisschen was zurechtzurücken.“

          Bilder, die sich nicht wiederholen sollen: Im Oktober 2013 zündeten Dortmunder Anhänger Feuerwerkskörper in der Arena in Gelsenkirchen.

          Schlechter Start, Schwächen in der Defensive, viele Verletzte mit und ohne Bezug zur Weltmeisterschaft, dazu der Wunsch nach mehr Konstanz - es gibt viele Parallelen zwischen den beiden Rivalen des Ruhrgebiets vor der 167. Auflage des Duells, das Heldt in der Kategorie „Derby“ zu den „Top drei in Europa“ zählt. Dazu kommt die Hoffnung auf ein friedliches Gegeneinander. Seit den schweren Ausschreitungen in Gelsenkirchen vor einem Jahr hat sich das Klima verbessert. Gemeinsam mit der Polizei erarbeiteten die Vereine ein Konzept, um gewaltbereite Anhänger zu bremsen und zu isolieren. Danach gilt: Sollte es nochmals zu Krawallen kommen, werden künftig die Fans der jeweiligen Auswärtsmannschaft vom Stadionbesuch ausgeschlossen. In der Rückrunde der vergangenen Saison blieb es daraufhin in Dortmund friedlich. „Dieses Spiel ist jetzt der Maßstab“, sagt Heldt.

          Auch das also ein Hinweis, wenn auch noch kein sicherer, auf ein Derby im Wandel. Die Verantwortlichen haben sich im Umgang miteinander längst auf ein seriöses, wenn auch nicht freundschaftliches Niveau begeben. Das verdanken sie auch dem FC Bayern München. Der Rekordmeister hat in den vergangenen Jahren Manuel Neuer aus Schalke abgeworben, dazu Mario Götze und Robert Lewandowski aus Dortmund. Solche Verluste, scheint es, schweißen zusammen.

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