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Fußball-Bundesliga : Schalke droht der Abschwung

  • -Aktualisiert am

Konstanz gesucht: Für Christian Fuchs und Schalke 04 geht es derzeit nicht immer bergauf Bild: AFP

Neben einigen Schlüsselspielern fehlt vor allem die Konstanz: Vor dem Spiel in Augsburg an diesem Sonntag (15.30 Uhr) rückt die Champions League für Schalke 04 in weite Ferne.

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          Dieser Tage hatte Jens Keller mal wieder in Gelsenkirchen zu tun, bei seinem ehemaligen Arbeitgeber Schalke 04. Anders als während seiner Zeit als Trainer des Klubs war der Fußball-Lehrer nicht damit beschäftigt, andere anzuleiten. Im Innern der Arena lauschte er den Vorträgen verschiedener Dozenten. Keller nimmt an einem Kurzstudiengang teil, den der FC Schalke in Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen anbietet. In diesem Crash-Kurs, der achtzehn Tage dauert, lassen sich die Teilnehmer – ohne Abschlussprüfung – „zum Sportmanager auf Top-Niveau“ ausbilden, so jedenfalls lautet das Versprechen der Anbieter.

          „Es kann nicht schaden, sich über meinen Job als Trainer hinaus weiterzubilden“, sagt Keller. Vielleicht lernt er bei dieser Gelegenheit auch, den Fußball und sich selbst als Teil davon geschickt zu verkaufen. Daran hatte es ihm am meisten gemangelt, als er noch Schalkes Cheftrainer war. Vor einem Jahr stand die Mannschaft, unter Kellers Regie, deutlich besser da als jetzt. Nach sechsundzwanzig Spieltagen hatten die Königsblauen elf Punkte mehr eingefahren als in der aktuellen Saison und belegten den dritten Tabellenplatz, den sie bis zum Saisonende behaupteten.

          Nicht einmal Platz fünf ist sicher

          Roberto Di Matteo, seit Oktober Kellers Nachfolger, erscheint hingegen als Verkaufstalent, auch wenn er für Interviews nicht zur Verfügung steht. Der Italiener versteht es, die Schalker Stagnation auf dem Fußballplatz zu begründen. Die wenig attraktive Spielweise stellt der smarte Abwehrstratege als notwendiges Übel dar, die schwankenden Leistungen als kaum abwendbare Folge einer Serie von Verletzungen. Neben einigen Schlüsselspielern fehlt Schalke genau das, was schon zu Kellers Zeiten am meisten vermisst wurde: Konstanz.

          Die Mannschaft zeigt sich außerstande, zu halten, was vereinzelte Gala-Auftritte wie der Auswärtssieg gegen Real Madrid (4:3) versprechen. Besser plazierte Mitbewerber wie Mönchengladbach und Leverkusen haben Schalke im Kampf um die Champions-League-Plätze mächtig unter Druck gesetzt, zuletzt sogar in eine Außenseiterposition gedrängt. Und nicht einmal der fünfte Platz ist den Westfalen sicher. Der FC Augsburg, ein aufstrebender, wirtschaftlich weitaus schwächerer Klub, an diesem Sonntag Schalkes Gegner in der Bundesliga, sitzt den Königsblauen im Nacken, mit nur einem Punkt Rückstand.

          Für Schalke, zuletzt dreimal nacheinander im Achtelfinale der Champions League, wäre es schmerzlich, außen vor zu bleiben, wenn die Marktführer des europäischen Fußballs um das große Geld spielen. Von der kommenden Saison an schüttet die europäische „Königsklasse“ noch mehr aus als in den vergangenen Jahren. Die Finanzverbindlichkeiten belasten Schalke noch immer stark, auch wenn sie binnen viereinhalb Jahren von fast 246 auf knapp 164 Millionen Euro zurückgeführt worden sind. Doch Peter Peters, der Finanzvorstand des Klubs, weiß Skeptiker zu beschwichtigen, die sich Sorgen machen wegen der hohen Verschuldung. Bei Perlhuhnbrust im Brotmantel und Irischem Rinderfilet mit Pfifferlingen kündigte er im kleinen Kreis an, der Arbeiterverein werde seine Finanzverbindlichkeiten bis 2019 unter die Marke von hundert Millionen Euro senken, „unabhängig vom sportlichen Erfolg“.

          Hängende Köpfe, hohes Gehalt: Schalkes Gesamtpersonalkosten liegen bei fast 115 Millionen Euro

          Aber Schalke ächzt nicht nur unter der Schuldenlast, sondern unterhält auch eine der teuersten Mannschaften der Liga. Das Personal der Lizenzspielerabteilung verschlingt mehr als neunzig Millionen Euro im Jahr, Tendenz steigend. Die Gesamtpersonalkosten liegen sogar bei fast 115 Millionen Euro. Ein solcher Aufwand lässt sich auf Dauer nur finanzieren, wenn die Königsblauen in der Königsklasse kicken. Zudem braucht Schalke diese Plattform, um weiter wachsen zu können. „Wenn wir den Umsatz um dreißig Millionen Euro steigern, bedeutet das fünfzehn Millionen mehr für den Spieleretat“, sagt Peters. „Aber der Umsatz steigt nur, wenn wir uns für die Champions League qualifizieren.“ Es geht nicht nur um das Geld, das auf den großen Bühnen der Fußballwelt direkt zu verdienen ist.

          Die Champions League als Lokomotive

          Alexander Jobst weist auch auf die herausragende Bedeutung des Hochglanzwettbewerbs als Wachstumsmotor für die Vermarktung hin. Noch rechnet der Marketingvorstand des Vereins – auch dank langfristiger Verträge – mit steigenden Erlösen aus der Vermarktung, „obwohl wir noch gar nicht wissen, wo wir nächste Saison spielen“. Ob er Studenten vor sich hat oder Sponsoren – Jobst wirbt gerne damit, dass Schalke in der Fünfjahreswertung der Europäischen Fußball-Union den siebten Platz belegt. Eine Saison ohne Champions League und erst recht eine längere Abstinenz würde den Klub nicht nur in diesem Ranking zurückwerfen. Auch das Akquirieren neuer zahlungskräftiger Partner würde erschwert.

          Jobst hat den asiatischen Markt, besonders China, im Blick. Dort sei die Champions League „definitiv eine Lokomotive“, sagt er. Ob in China, in Europa oder sonst wo auf der Welt: Schalke will sich als Marke mit internationaler Strahlkraft positionieren und Werbekunden ansprechen, die erfolgreichen Fußball auf hohem internationalen Niveau erwarten. Also muss der Klub regelmäßig in der Champions League spielen. „Das ist der Anspruch, den jeder Partner zu Recht an den Verein stellt, das ist es, was wir verkaufen“, sagt Jobst.

          Dahinter steckt der Arbeitsauftrag an die Profis und ihren Trainer, sich so rasch wie möglich zu steigern, und zwar konstant. Falls ihnen das nicht gelingt, könnte Schalke in eine Phase des Abschwungs geraten. Und sogar einem versierten Strategen wie Jobst dürfte es dann schwerfallen, sein Produkt so teuer zu verkaufen, dass genug Geld für Stars wie Huntelaar, Draxler, Höwedes, Farfan und vielleicht demnächst Khedira in die Kasse kommt.

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