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Schalke 04 : Warum Boateng gehen muss

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Suspendiert: Noch vor einer Woche hatte Kevin-Prince Boateng Schalke zum Sieg gegen den VfB Stuttgart geschossen. Bild: dpa

Schalke 04 zieht die Notbremse. Manager Heldt und Trainer Di Matteo stellen nach der Pleite in Köln und dem Abrutschen in der Tabelle drei vermeintliche Führungsspieler frei. Die Vorwürfe wiegen schwer.

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          Am Tag nach der Niederlage in Köln posierte Kevin-Prince Boateng gemeinsam mit einem Fan für ein Selfie. Danach soll er gesagt haben, dies sei „das letzte Foto“ gewesen. Erst wenig später, kurz nach 13 Uhr, wurde deutlich, wie eindeutig das gemeint war. In einem Vierzeiler gab der FC Schalke 04 bekannt, dass Boateng und dessen Mitspieler Sidney Sam „mit sofortiger Wirkung freigestellt“ seien. Zudem werde Marco Höger „bis einschließlich Samstag vom Trainings- und Spielbetrieb suspendiert“. Während die Zeit „auf“ Schalke für Boateng und Sam endgültig abgelaufen ist, könnte Höger noch eine letzte Chance erhalten. Wie es hießt, wird darüber in einem Gespräch am kommenden Sonntag befunden, also nach dem vorletzten Ligaspiel gegen den SC Paderborn.

          Mit diesen Personalentscheidungen zog der Klub die Konsequenzen aus einer sportlichen Krise, die sich tags zuvor beim 0:2 in Köln nochmals zugespitzt hatte. „Das war der Tiefpunkt“, hatte Sportvorstand Horst Heldt nach dem peinlichen Auftritt gesagt. „Wir lassen uns das nicht mehr bieten. Ich weiß nicht, ob alle Spieler in den nächsten Tagen noch auf dem Trainingsplatz stehen werden.“

          Keine vierundzwanzig Stunden später zeigte sich, dass dies keine leere Drohung war. Wie Heldt erläuterte, ist das Vertrauensverhältnis zu Boateng und Sam so nachhaltig gestört, dass eine weitere Zusammenarbeit unmöglich sei. „Wenn das Vertrauen nicht mehr gegeben ist, muss man Konsequenzen ziehen.“ Höger wird „fehlende Loyalität“ vorgeworfen. Der Profi habe jetzt ein paar Tage Zeit, intensiv darüber nachzudenken, wie er sich zu verhalten habe, und was es bedeute, alles für den Verein zu tun, sagte Heldt. „Diese Chance kriegt er. Dann werden wir prüfen, ob es Sinn macht, über das Saisonende hinaus mit ihm zusammenzuarbeiten.“

          „Das war einer Schalker Mannschaft nicht würdig“: Kapitän Benedikt Höwedes Bilderstrecke

          Höger war zumindest auf dem Rasen nicht durch mangelhafte Einstellung aufgefallen. Vor einigen Wochen hatte Trainer Roberto Di Matteo sogar davon gesprochen, dass Höger in der Lage sei, die Mannschaft gemeinsam mit anderen zu führen. Seine Suspendierung könnte (auch) mit seinem Verhältnis zu Boateng zusammenhängen. Angeblich gehört der defensive Mittelfeldspieler zu den wenigen Sympathisanten, die der weitgehend isolierte Star in der Mannschaft zuletzt noch hatte. Boateng steht seit längerem in dem Ruf, das Betriebsklima negativ zu beeinflussen. Di Matteo hatte ihn zuletzt meist als Ergänzungsspieler behandelt und nur noch gelegentlich eingesetzt.

          Vor zehn Tagen im Heimspiel gegen den VfB Stuttgart hatte der Ghanaer jedoch mit zwei Aktionen dazu beigetragen, dass Schalke aus einem 1:2 noch ein 3:2 machte. Beim Jubeln allerdings wirkte Boateng einsam. Während der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien war er auch als Nationalspieler Ghanas suspendiert worden. Heldt machte deutlich, dass diesen „ersten Maßnahmen“, die er in Absprache mit dem Trainer getroffen habe, weitere folgen könnten. Alle Spieler seien gut beraten, ihre persönlichen Interessen dem Interesse des Vereins unterzuordnen. „Wir werden beobachten, wie die Reaktion der anderen ist.“ Spätestens jetzt müsse jeder gemerkt haben, „dass es ans Eingemachte geht, dass es jeden treffen kann“.

          Ans Eingemachte geht es auch für Schalke in den letzten beiden Spielen einer verkorksten Bundesligasaison. Das ursprünglich formulierte Ziel, abermals die Champions League zu erreichen, mussten die Gelsenkirchener schon korrigieren. Spätestens seit dem kollektiven Versagen in der Auswärtspartie gegen den 1. FC Köln müssen die Königsblauen auch um den Einzug in die weit weniger lukrative Europa League bangen. Schalke ließ den FC Augsburg vorbeiziehen und fiel auf den sechsten Tabellenplatz zurück. Der Vorsprung vor den Verfolgern Borussia Dortmund Werder Bremen beträgt nur noch zwei Punkte. Sollte Schalke am Ende hinter dem Erzrivalen BVB landen, der nach neunzehn Runden noch Letzter war, dürfte die ohnehin schon große Wut der Fans ins Unermessliche wachsen. In Köln forderten die Anhänger, nicht zum ersten Mal, entrüstet und lautstark mehr Einsatz.

          Benedikt Höwedes zeigte sich, stellvertretend für seine Kollegen, schuldbewusst und gab wie seine Vorgesetzten die seit Wochen praktizierte Politik der Beschwichtigung auf. „Das war peinlich“, sagte der Mannschaftskapitän und fügte hinzu: „Die taktische Disziplin einiger war eines Profis nicht würdig. Wenn die Marschrichtung nicht befolgt wird und jeder sein eigenes Ding macht, kann man kein Spiel gewinnen.“ Vor den ausstehenden Aufgaben gegen die Abstiegskandidaten Paderborn und Hamburg scheint Schalke also in einem schlechten Zustand. „Es wird schwierig, die Mannschaft auf das nächste Spiel vorzubereiten“, sagt Di Matteo, der seine Ratlosigkeit kaum mehr verbergen kann. „Um uns noch für die Europa League zu qualifizieren, müssen wir Vieles verbessern.“ Vieles verbessern – das hat man schon oft gehört von ihm in den paar Monaten, seit er Schalke trainiert.

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