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Schalke 04 : Raúl als ortskundiger Anführer

  • -Aktualisiert am

Raúl ist zurück in der Champions League Bild: AFP

Vor dem Champions League-Spiel von Schalke 04 in Lyon (20.45 Uhr) sind beide Teams weit von ihrer Bestform entfernt. Die „Königsblauen“ hoffen aber auf eine Steigerung. Sie ist eng verbunden mit einem Namen: Raúl.

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          Gegen Olympique Lyon hat Raúl González Blanco seine Abschiedsvorstellung in der Champions League gegeben - für Real Madrid. Anfang April dieses Jahres wurde er beim 1:1 im Santiago-Bernabéu-Stadion nach 77 Minuten eingewechselt und konnte auch nichts mehr daran ändern, dass die sogenannten „Königlichen“ der „Königsklasse“ wie immer in den vergangenen sechs Jahren schon nach dem Achtelfinale adiós sagen mussten. Nun sieht Raúl, mit 66 Treffern der Schützenkönig der Champions League, die Klasse aller Klassen im internationalen Vereinsfußball doch noch wieder: im königsblauen Trikot des FC Schalke 04, wohin die Real-Ikone zur neuen Saison gewechselt ist.

          Noch einmal soll der 33 Jahre alte Star, der bei seinem Heimatklub zuletzt nur noch eine wertvolle Bankreserve war, aufblühen in jenem Ambiente, das er über die Jahre entscheidend mitgeprägt hat. Wie es der Zufall so will, begegnet Raúl gleich zu Beginn der diesjährigen Schalker Abenteuerreise durch die Champions League aufs Neue Olympique Lyon (20.45 Uhr / FAZ.NET-Champions-League-Liveticker). Jenen Franzosen, die zuletzt ein Angstgegner für Raúls Real waren und von den letzten sechs Begegnungen keine einzige verloren.

          Die Schalker, anders als Real Madrid ohne nennenswerte Champions-League-Vereinsgeschichte, treffen „OL“ erstmals auf der höchsten europäischen Ebene. Es ist die Begegnung zweier aktueller Krisenklubs, da nicht nur der vorjährige Zweite der Bundesliga als derzeit punktloser Siebzehnter in der Tabelle schwächelt. Auch Lyon, das zu Beginn dieses Jahrhunderts siebenmal nacheinander Champion der Ligue 1 wurde, hat den Saisonstart verpennt und muss sich derzeit mit Rang 15 in der heimischen Liga begnügen. Für beide Mannschaften bietet das europäische Rendezvous die ersehnte Gelegenheit, über die internationale Schiene wieder Anschluss zu finden an den gewohnten nationalen Spitzenstandard.

          Gute Vorbereitung ist wichtig: Raúl will in Lyon das erste Mal für Schalke treffen
          Gute Vorbereitung ist wichtig: Raúl will in Lyon das erste Mal für Schalke treffen : Bild: AFP

          Westfälische Großbaustelle

          Ähnliches gilt für Raúl, der nach 16 Jahren in der Primera División noch nicht so recht in der Bundesliga angekommen ist. Kein Wunder, ist er doch auf einer westfälischen Großbaustelle gelandet, auf der Trainer Felix Magath mit hohem Aufwand den Umbruch in die Wege zu leiten versucht - hin zu einem grenzenlos respektierten und gefürchteten Team mit Raúl an der Spitze. „Es gab eine Entscheidung, Raúl zu verpflichten. Daraus hat sich alles, was an Transfers gemacht wurde, ergeben.“ Das sagte der Meistertrainer Magath am Sonntag gegenüber dem Pay-TV-Sender Sky und wollte damit erklären, dass die späteren kostspieligen Verpflichtungen von Raúls neuem, altvertrauten Angriffspartner Klaas Jan Huntelaar (vormals ebenfalls bei Real) sowie des offensiven Mittelfeldspielers Jurado (von Atlético Madrid) die zwangsläufige Folge seines Königstransfers gewesen seien.

          Mit den beiden spanisch geprägten Kollegen neben und hinter sich dürfte Raúl zumindest wohler zumute sein als am Anfang der Saison, da er wie ein einsamer Altstar ohne Kontakt zum ungeordneten Schalker Spiel wirkte. Dass demnächst mehr Struktur und Niveau ins Offensivspiel der Schalker komme, war trotz der 0:2-Niederlage in Sinsheim gegen 1899 Hoffenheim schon am Freitag zu ahnen. Doch der Weg zurück an die Spitze, der vor Raúl und seinen engsten Begleitern liegt, ist noch lang und steinig. Erst einmal ist der stürmische Mannschaftsspieler froh, wieder einmal in die Atmosphäre eintauchen zu können, die ihn zu Toren, Toren, Toren animiert hat. „Wenn jemand weiß, was Champions League bedeutet“, hat Christoph Metzelder neulich über Raúl gesagt, „dann ist er es.“

          „Schalke und Raúl - eine erfolgreiche Liaison“

          Metzelder hat aus eigener Anschauung in seinen Jahren bei Real miterlebt, wie oft der Stürmer mit der Rückennummer 7 auf der internationalen Bühne geglänzt hat. Er selbst, bei seinem Comeback in der Bundesliga noch viel unglücklicher anmutend als Raúl, der Liga-Neuling, fehlt wegen einer Leistenverletzung in Lyon. Der Verteidiger mit den perfekten Umgangsformen hat im Sommer zumindest maßgeblich mitgeholfen, Raúl von Real zu Schalke zu lotsen.

          Nun soll der Mann, der in 550 Spielen der Primera División 228 Tore für Madrid schoss, erstmals für Königsblau treffen. Schließlich möchte er, das hat er dem „Kicker“-Fragebogen anvertraut, eines Tages die Schlagzeile lesen: „Schalke und Raúl - eine erfolgreiche Liaison“. Da Lyon kein Angstgegner der Schalker ist und beide Teams derzeit eher Angst vor sich selbst haben, kann das Spiel der Champion League-Gruppe B an diesem Dienstag eine hübsche Zitterpartie werden. Vielleicht hilft Raúl seinen Schalkern ja auf seine unnachahmliche Art. Schließlich würde er „am liebsten mit einem Arzt“ für einen Tag die Berufe tauschen. „Ich stelle es mir als eine wirkliche Erfüllung vor“, sagt Raúl, „anderen Menschen auf diese Art und Weise helfen zu können.“ Gemessen an den Leiden vieler Menschen, geht es dem Fußball-Patienten Schalke 04 derzeit noch golden. Er darf in der Champions League mitspielen - und das sogar mit dem König aller „Königsklassen“-Torschützen. Was will man mehr?

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