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Schalke 04 : Möchtegern-Meister

„Ihr werdet nie deutscher Meister” Bild: dpa

Auf Schalke wird nach der bleigrauen Enttäuschung von Dortmund das zarte Pflänzchen des Aberglaubens gepflegt. Kapitän Bordon verbreitet Durchhalteparolen: „Ich glaube noch an die Schale.“ Und der VfB Stuttgart befindet sich in einer emotional gefährlichen Situation.

          3 Min.

          Im Frühjahr veröffentlichte die Zeitschrift des Schalker Fanclub-Verbandes eine scheinbar fachfremde Nachricht. Es war die Geschichte einer Brieftaube aus dem Ruhrgebiet, die beim "Sun City Million Dollar Race" in Südafrika, dem "wichtigsten Wettflug der Welt", nach 532 Kilometern und neun Stunden als Erste das Ziel erreichte. Leider blieb sie dort sitzen und ruhte sich, wenige Zentimeter vor der Ziellinie, mehr als drei Minuten lang aus. So wurde sie noch überholt und belegte Platz zwei. Der Name der Taube lautete: "Schalke 04". Die Überschrift dazu: "Die Taube des Herzens".

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          In 49 Jahren ohne Meistertitel haben sich die Anhänger des FC Schalke 04 eine fast schon britisch-selbstironische Haltung gegenüber dem Scheitern angewöhnt. Das erklärt, wie still und gefasst die blau-weiße Gefolgschaft sich am Samstag, ausgerechnet auf dem Boden des größten Rivalen, in das abermalige Begräbnis des ewigen Titeltraumes fügte. (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: 33. Spieltag)

          „Schalke - 50 Jahre nicht mehr Meister“

          Ausgerechnet dort, wo man ihnen gewohnheitsmäßig "Ihr werdet nie deutscher Meister" entgegensingt, wo 70.000 Dortmunder die aus Bochum gemeldeten Tore des Schalker Konkurrenten Stuttgart feierten und wo ein Festausschuss gegründet wurde, der im nächsten Jahr "Schalke - 50 Jahre nicht mehr Meister" feiern soll.

          „Ihr werdet nie deutscher Meister” Bilderstrecke

          Es war ein Deja-vu, doch ein Begräbnis zweiter Klasse, gemessen an dem Tränenmeer des tragischen Scheiterns 2001, als man fünf Minuten lang gefühlter Meister war und dann nur noch Meister der Herzen. Die Teleobjektive der TV-Kameras auf ihrer Suche nach emotionalen Bildern taten sich diesmal schwer, verheulte Gesichter aus der Menge herauszulösen. Im Gästeblock des Westfalenstadions überwog nicht die offene Verzweiflung, sondern stumpfe, bleigraue Enttäuschung, wie sie sich dann einstellt, wenn man das Entsetzen schon hinter sich hat; wenn nur das Kontur annimmt, was man in Gedanken schon einmal durchgespielt hat.

          Geistig gelähmte Spieler

          Auch die Spieler schienen davon gelähmt, nicht körperlich, aber geistig. Sie hatten das Spiel dominiert und doch nichts bewegt, hatten das Spiel kontrolliert, aber dabei völlig jenes Unkontrollierbare vermissen lassen, das ein Meisterteam braucht. In der Drucksituation des Saisonendspurts offenbarten die Schalker Möchtegern-Meister ihre Grenzen, ihre spielerischen vor allem, wie Trainer Mirko Slomka einräumte: "Torgefahr nur durch Standardsituationen, das ist zu wenig."

          Trost lag im sanften Sarkasmus. "Das war ein ganz großer Schritt in die falsche Richtung", sagte Christian Pander. Kapitän Marcelo Bordon, der Einzige, der sich im Spiel mit allerletztem Einsatz gegen das Scheitern aufgebäumt hatte, verbreitete vorsichtige Durchhalteparolen: "Ich glaube noch an die Schale." Doch seine Schilderung des 0:1 kurz vor der Pause, bei dem Kuranyis Schläfrigkeit Metzelder den entscheidenden Ballgewinn an der Mittellinie erlaubte, ein Tor, das "uns das Genick brach" (Pander), verriet erste Risse im Binnenverhältnis. "Kurz vorher war ich beim Freistoß noch vorn", so rekapitulierte Bordon die entscheidende Minute, "und dann bin ich der Erste hinten", wobei ihm ein Schritt fehlte, um Freis Kontertor zu verhindern: "Das kann eigentlich nicht sein."

          Ohne Esprit, ohne Sinn für Dramatik

          Das Schalker Ensemble wirkte wie die Besetzung eines aufwendigen Filmes, dem Millionen entgegenfiebern, in dem das Drehbuch, die Kulisse, die Namen stimmen - und in dem am Ende doch etwas fehlt, weil alle ihre Rolle nur herunterspielen. Ohne Esprit, ohne Sinn für Dramatik - etwas Action, aber keine Charakterdarsteller. Auch der Produzent wirkte matt. Auf die Frage, warum er den Regisseur, den wirkungslosen Lincoln, nicht ausgewechselt habe, antwortete Slomka: "Lincoln kann ein Spiel mit einem einzigen Pass entscheiden. Und dann hofft man auf diesen Pass bis zum Ende."

          Er kam nicht. Aber ist es schon das Ende? Slomka betrieb Schadensbegrenzung, als er davon redete, im letzten Spiel gegen Bielefeld nun "Platz zwei zu sichern", der die direkte Qualifikation für die Champions League bedeutet. Emotional ist der Unterschied zwischen Platz eins und zwei gewaltig, finanziell aber eher unbedeutend. Der zwischen zwei und drei kann dafür sehr gravierend sein, wie die Dortmunder 2003 erlebten, als sie am letzten Spieltag gegen den damaligen Absteiger Cottbus Platz zwei verspielten und in der Qualifikation zur Champions League scheiterten. Weil man das unbedingt vermeiden will, kann sich Schalke noch nicht in Selbstmitleid ergehen: "Wir können jammern, wenn es vorbei ist", sagte Fabian Ernst.

          Emotional gefährliche Situation für den VfB

          Und dann bleibt ja jene leise Hoffnung, die darin besteht, dass auch einmal ein anderer der "Meister der Herzen" werden könnte - nämlich die Stuttgarter, denen nun Gott und die Welt eine Woche lang auf die Schulter klopfen und einreden werden, dass sie es geschafft hätten - eine emotional gefährliche Situation. Wie Dortmund 2003 trifft Stuttgart auf Cottbus, wird Cottbus das neue Unterhaching? So wie Leverkusen 2000 in Unterhaching alles verspielte? Und Schalke 2001 sich gegen Unterhaching schon als Meister fühlte? Und all das 2007 wie 2001 am 19. Mai? Auf Schalke haben sie eine Woche Zeit, die zarte Pflanze des Aberglaubens zu pflegen, die im Fußball schon manches bewegt hat - und den Katzenjammer auf Wiedervorlage für kommenden Samstag, 17.20 Uhr, zu verschieben.

          Sie wollten, falls der Titel schon am 33. Spieltag gewonnen würde, zu Fuß heim nach Gelsenkirchen laufen. Stattdessen gaben sie die Tabellenführung nach gut drei Monaten einen Schritt vor dem Ziel wieder ab und fuhren mit dem blau-weißen Bus mit dem Kennzeichen GE-S 04 heim. Schalke 04, die Taube der Herzen. Weit geflogen, wieder zu früh gelandet.

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