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Schalke 04 : „Königsblau“ wird konservativ

  • -Aktualisiert am

Mal genial, mal genial daneben: Lincoln Bild: AP

Die Schalker Personalpolitik ist alles andere als eine Kampfansage an die Konkurrenz, namhaft sind nur die Abgänge Lincoln und Hamit Altintop. Die Verpflichtungen sprechen eher für wirtschaftliche Vernunft als sportliche Faszination.

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          Nach seiner Wahl zum Ehrenpräsidenten wurde Gerhard Rehberg pathetisch, wie es sich für einen richtigen Schalke-Mann gehört. „Jetzt bin ich, wenn Sie so wollen, im Schalke-Himmel“, sagte er. Für den früheren Bergmann und Bürgermeister mag der Gelsenkirchener Fußballklub, dem er fast dreizehn Jahre vorgestanden hatte, der Himmel auf Erden sein. Aber auf dem Spielfeld der Personalpolitik wirkt alles sehr irdisch, ja profan.

          Natürlich ist bei den Königsblauen einiges in Bewegung geraten, nicht nur weil dem Trainerstab neuerdings ein Professor für Bewegungslehre als Berater angehört. An die Spitze des Vorstandes rückte der bisherige Finanzchef Josef Schnusenberg auf, der Vereinsarzt hat überraschend gewechselt, und wie überall gibt es auch in der kickenden Belegschaft Veränderungen.

          Wirtschaftliche Vernunft statt sportliche Faszination

          Namhaft sind allerdings nur die Abgänge. Regisseur Lincoln, in seinen drei Schalker Jahren mal genial, mal genial daneben, wechselt für eine Ablöse von etwa fünf Millionen Euro zu Galatasaray Istanbul. Hamit Altintop geht ablösefrei zum FC Bayern München. Und wer kommt neu hinzu? Heiko Westermann, ein Verteidiger aus Bielefeld, Jermaine Jones, ein Mittelfeldspieler aus Frankfurt, Mathias Schober, ein Torwart aus Rostock, und: Ivan Rakitic, ein offensivstarkes, etwa fünf Millionen teures Talent aus Basel. Diese Namen stehen nicht gerade für Visionen eines führenden Fußball-Unternehmens, das sich und seinen Kunden neue Perspektiven eröffnen will.

          Ivan Rakitic kommt vom FC Basel

          Aus diesen Transfers spricht eher wirtschaftliche Vernunft als sportliche Faszination. Doch wenn Kritiker diese defensive Einstellung zum Thema machen, kann der sonst so freundliche Manager Andreas Müller schon mal böse werden. „Ich halte es für eine Frechheit, Profis, die wir jetzt geholt haben, als Ergänzungsspieler einzuschätzen“, sagt er. Auf der Mitgliederversammlung warnte er jüngst davor, neue Spieler vorschnell zu verurteilen. „Ich nenne nur den Namen Kevin Kuranyi.“ Der Stürmer war von den eigenen Fans hörbar kritisch begleitet worden, bis er in seinem zweiten Schalker Jahr Tritt fasste und zum Leistungsträger wurde.

          Finanzielle Spielräume ausgeschöpft

          Wie eine Kampfansage an die Großen der Liga, an Bayern, Stuttgart oder Bremen, klingen die aktuellen neuen Namen nicht. Mit diesen Klubs weiter Schritt zu halten ist aber das Ziel des FC Schalke, auch wenn der Gewinn des Meistertitels in diesem Sommer noch nicht verkündet wurde. Schalke habe sich „unter den führenden Vereinen der Bundesliga etabliert“, sagt Schnusenberg. Die Zurückhaltung beim Einkaufen spricht dafür, dass der Klub sich in seinen Planungen vorerst damit zufriedengibt, das Erreichte zu bewahren, statt sich von dem unerfüllten Meisterschaftswunsch zu noch höheren Ausgaben verleiten zu lassen.

          Die Personalkosten der Lizenzspielerabteilung lagen im zurückliegenden Geschäftsjahr bei 48 Millionen Euro; es ist noch nicht lange her, dass vierzig Millionen Euro im Klub als Obergrenze galten, die nicht überschritten werden solle. „Wir wollen die Mannschaft verstärken, aber wir müssen genauso konzentriert und mit wachem Auge auf die Finanzen schauen“, sagt Müller. Der Klub werde von dem Weg der wirtschaftlichen Konsolidierung nicht abrücken. Bei einem Schuldenstand von 129 Millionen Euro im Fußballverein und 243 Millionen Euro im gesamten Schalker Firmenkonglomerat scheinen die finanziellen Spielräume ausgeschöpft. Auffällig ist, dass Schalke trotz des generösen Sponsors Gasprom und trotz der Qualifikation für die Champions League so bescheiden bleibt.

          Sportliche Substanzverlust zu hoch

          Lange Zeit waren die Gelsenkirchener mutiger: beim Bau der Arena, bei der Schaffung einer modernen Infrastruktur auf dem Vereinsgelände und auch beim Aufbau der Mannschaft, die vor zwei und vor drei Jahren mit erheblichem Aufwand verändert wurde. Jetzt hoffen sie die Früchte dieser Investitionen zu ernten. Und ganz ohne Risiko gehen sie auch bei der Auswahl neuen Personals nicht vor. Von der Verpflichtung des verletzungsanfälligen Mittelfeldspielers Jones soll der frühere Mannschaftsarzt Dr. Thorsten Rarreck aus medizinischen Gründen abgeraten haben. Bei Eintracht Frankfurt hatte Jones in der vorigen Saison nur vier Partien bestreiten können. Dennoch bekam er einen Vertrag beim FC Schalke.

          Den Vorwurf, sich leichtfertig über den Rat des Sportmediziners hinweggesetzt zu haben, lässt Müller nicht gelten. „Mit all dem, was wir hier geschaffen haben, müssen wir uns doch zutrauen, Jones richtig fit zu bekommen.“ Der 25 Jahre alte Profi nahm die Arbeit im Rehazentrum neben dem Stadion schon eine Woche vor dem offiziellen Training auf, das an diesem Montag beginnt. Rarreck indes hat seine Tätigkeit als Mannschaftsarzt beendet, angeblich weil er sich ganz auf die Arbeit in seiner Arztpraxis konzentrieren will.

          Unabhängig von Meinungsverschiedenheiten im Einzelfall ist der sportliche Substanzverlust des FC Schalke zu hoch, als dass die Mannschaft derzeit als ernst zu nehmender Titelkandidat gelten könnte. Hinzu kommen mögliche Folgen des überraschenden Scheiterns im vorangegangenen Titelkampf. Eine derart große Chance wird so schnell nicht wiederkommen. Sie verpasst zu haben gilt als psychisches Handicap, das die Spieler erst verarbeiten müssen. Schalke steht vor einer schwierigen Saison.

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