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Schalke 04 : Kevin, wo bist du?

  • -Aktualisiert am

Kuranyi jammert: „Es ist eine Katastrophe” Bild: REUTERS

Beim Übergang ins Mannesalter ist der Schalker Kevin Kuranyi ins Straucheln geraten. Tore schießt er nur noch sporadisch, von den Fans gibt es immer lautere Pfiffe. Nur in der Werbung spielt der einstige Stürmer-Star noch in der Nutella-Liga.

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          Der Ball fliegt hoch in den Strafraum, aber der Adressat der Flanke ist nicht zur Stelle. "Kevin, wo bist du?" ruft Mirko Slomka, der Cheftrainer des FC Schalke 04. Und ein paar Fans am Rande des Übungsplatzes fühlen sich bestätigt.

          Wo ist Kevin Kuranyi? Das fragen sich die Männer hier schon lange, vor allem an Spieltagen. Sie gehören zu jener wachsenden Zahl von Schalke-Anhängern, die den Stürmer sogar bei Heimspielen mit Liebesentzug bestrafen. Die Pfiffe des Volkes untermalen in Gelsenkirchen den Abstieg eines jungen Aufsteigers, der ausgezogen ist, die Fußballwelt zu erobern, inzwischen aber Gefahr läuft, auf das Format eines Durchschnittskickers zu schrumpfen.

          „Es ist eine Katastrophe

          Mit 24 Jahren ist Kuranyi beim Übergang ins Mannesalter eines Fußballprofis ins Straucheln geraten. Seinen Stammplatz in der Nationalelf hat er längst verloren, die Aura des "jungen Wilden" vom VfB Stuttgart ebenso. Tore schießt er nur noch sporadisch. In der vergangenen Saison waren es zehn, in den neun Runden dieser Spielzeit erst zwei. Jüngst beim Spiel in Stuttgart übergossen ihn auch jene mit Spott, die ihm früher huldigten: "Kevin, deine Zeit ist vorbei." In der alten Heimat verhöhnt, in der neuen Heimat ausgepfiffen.

          Daß Klinsmann ihn nicht für die WM nominierte, war ein „brutaler Schock”

          Kuranyi trägt schwer an seinem Kickerdasein. "Man tut so, als hätte ich noch nie gegen den Ball getreten", jammert er. "Es ist eine Katastrophe." Seine Meriten wirken wie aus einer anderen Zeit. Vierzehn Tore in fünfunddreißig Länderspielen, "alles vergessen".

          Aus seiner Komfortzone gelockt

          Spätestens mit dem Wechsel nach Schalke, im Sommer 2005, hat Kuranyis Karriere einen Knick bekommen. Dennoch sei es "kein Fehler" gewesen, die heile Stuttgarter Welt zu verlassen, um in eine neue Umlaufbahn vorzustoßen. "Schalke ist ein großer Klub", sagt Kuranyi. "Ich fühle mich wohl." In Gelsenkirchen setzt so mancher, wenn es um Fußball geht, Größe mit Bedeutung, mit Klasse gleich. Auch Kuranyi scheint diesem Irrtum zu unterliegen. In Stuttgart hatte er in seinem eigenen Mikrokosmos gelebt, dort spürte der als empfindsam, als schüchtern geltende Profi die Geborgenheit, die ihm einen wunderbaren Start ins Berufsleben ermöglichte. Menschen, die ihn gut kennen, bezweifelten dennoch, ob Kuranyi genug Durchsetzungsvermögen besitze, um sich draußen, in der feindlichen Welt, zu behaupten.

          Als Kuranyi auf der schwäbischen Bühne zum gefeierten Darsteller des jugendlichen Fußballhelden avancierte, soll sein damaliger Trainer Felix Magath ihm davon abgeraten haben, zu früh dorthin zu gehen, wo er nur einer unter vielen sei. Kuranyi befolgte diesen Rat zunächst und verlängerte bis 2008 beim VfB. Doch dann lockte Schalke ihn mit einem Jahresgehalt von angeblich drei Millionen Euro aus seiner Komfortzone - und mit dem Anspruch, deutscher Meister zu werden.

          Nichtnominierung ein brutaler Schock

          Ins rauhe Ruhrgebiet zu wechseln zeugte von einer Eigenschaft, die Kuranyi oft abgesprochen wird: Mut. Auf dem Spielfeld ist davon nicht viel übriggeblieben. In Schalke ist der sieben Millionen Euro teure Angreifer tatsächlich einer von vielen; einer von vielen, die oft unter ihren Möglichkeiten bleiben und zu wenig unternehmen, das zu ändern. Nicht zuletzt Kuranyis Mangel an Eigenmotivation, wie er einst schon von Magath moniert wurde, soll im Mai den damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann und seinen Sozius Joachim Löw davon abgehalten haben, den Stürmer für die Weltmeisterschaft im eigenen Land zu nominieren. Kuranyi steht in dem Ruf, lieber auf Impulse von außen zu warten, als sich aus eigenem Antrieb für den Erfolg zu quälen.

          Eine Weile hatte Kuranyi als bester deutscher Stürmer gegolten, auch noch zu Beginn der Ära Klinsmann. Bei dessen Premiere als Trainer der DFB-Auswahl erzielte der brasilianische Schwabe mit Vorfahren aus Panama, Frankreich, Ungarn und Norwegen drei Tore. Auch als seine Leistungen schlechter wurden, fühlte er sich stets als sicherer WM-Teilnehmer. Nicht nominiert zu werden sei "ein brutaler Schock" für ihn gewesen. Schalker Führungskräfte stricken eifrig an der Legende, daß hierin der tiefere Grund für seine aktuelle Schwächephase liege. Inzwischen werden aber sogar seine Förderer und Patrone ungeduldig. Slomka wagte es sogar, ihn auf die Ersatzbank zu setzen, ausgerechnet in Stuttgart. Und Manager Andreas Müller sagt, Kuranyi müsse "mehr tun".

          Parallelen zu Anna Kurnikowa

          Einen unverändert hohen Stellenwert genießt Kuranyi allerdings noch als Darsteller im Werbefernsehen. Im neuesten Spot für einen braunen Brotaufstrich darf er im Kreise aktueller deutscher Nationalspieler wieder den multikulturellen Erfolgsmenschen mimen. Der Kunde habe den Vertrag mit Kuranyi "bewußt verlängert", sagt Sven Müller von der Agentur Sportfive, die Kuranyi als Werbefigur vermarktet. Als Lifestyle-Ikone hat der Stürmer in der Nutella-Liga offenbar so nachhaltig überzeugt, daß der Qualitätsverfall auf dem Fußballplatz (noch) nicht ins Gewicht fällt. "Bei einer Marke wie Kevin Kuranyi sollte man sich von der Vorstellung lösen, daß allein die sportliche Performance ausschlaggebend ist", sagt Sven Müller. "Die Welt ist ja auch voll von Sportlern, die überaus erfolgreich sind, aber nie in einem TV-Spot landen."

          Insofern ergeben sich Parallelen zu der Tennisspielerin Anna Kurnikowa. Die Russin fiel mehr durch ihr Äußeres auf als durch Gewinnerschläge auf dem Court. Der Vermarkter Müller wehrt sich dagegen, Kuranyi mit einer Werbefigur zu vergleichen, die nebenbei professionell Tennis gespielt hat. "Das liegt mir fern, aber das Beispiel Kurnikowa zeigt die Mechanik des Marktes. Von dieser Mechanik profitiert eine Person wie Kevin, weil er mehr ist als ein Sportler." Kuranyi setzt modische, leicht feminin angehauchte Trends. Er besitzt ungefähr hundert Paar Schuhe, sein Kleiderschrank soll voller sein als der seiner Verlobten. Auf diesem Gebiet hätten die Männer aufgeholt, sagt er. Als Fußballspieler verkörpert so jemand alles mögliche, nur nicht den markanten, nach Schweiß riechenden Siegertypen, in den der kleine Mann aus der Nordkurve seine Träume projiziert. Mit dem Ball am Fuß wirkt der technisch mäßig begabte Profi zuweilen weniger geschickt, als wenn er sein Kinnbärtchen mit einem Augenbrauenrasierer aus der Damenabteilung bearbeitet. Akkurat frisiert ist halb gewonnen, aber nur halb.

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