https://www.faz.net/-gtm-838be
 

Kommentar : Schalker Bauernopfer

  • -Aktualisiert am

Im Dauerzwist: Trainer Roberto Di Matteo mit dem suspendierten Kevin-Prince Boateng Bild: dpa

Manager und Trainer verkaufen die Suspendierung der Spieler Boateng, Sam und Höger als deutliches Signal für den Rest der Schalker Mannschaft. Tatsächlich soll sie von Fehlern der sportlichen Führung ablenken.

          2 Min.

          Auch Horst Heldt kann ein harter Hund sein. Diesen Anschein wollte der Sportvorstand des FC Schalke 04 nach der Blamage in Köln offenbar erwecken. Lange hatte er vieles laufen lassen im Staate Schalke, in dem schon länger manches faul ist. Mit dem Rauswurf des Mittelfeldstars Kevin-Prince Boateng und des weniger namhaften Flügelspielers Sidney Sam hat Heldt die anderen Profis gewarnt: Wer nicht mitzieht, der fliegt raus. Das klingt konsequent. Aber letztlich trifft es zwei Spieler, die Schalke zum Saisonende ohnehin loswerden wollte; die schon länger keine große Rolle mehr spielen – weder auf dem Rasen noch in den Planungen.

          Sidney Sam, der Zugang aus Leverkusen, fehlte ohnehin die meiste Zeit verletzt, und es war früh abzusehen, dass er sich auf Schalke nicht würde durchsetzen können – auch wenn Heldt vor der Saison angekündigt hatte, der Klub werde viel Freude an ihm haben. Boateng war, ein Jahr zuvor, mit weit mehr Vorschusslorbeer angetreten. Nach einem veritablen Start hatten die Verantwortlichen den Eindruck, endlich die Führungspersönlichkeit gefunden zu haben, die auf dem Fußballplatz so lange gefehlt hatte. Auch die Öffentlichkeit zeigte sich beeindruckt.

          Auf dem Fußballplatz wirkte Boateng aber nur vorübergehend so groß und stark, wie er sich außerhalb zu geben pflegt. Seine Rolle als sogenannter „aggressiver Leader“ überforderte ihn alsbald. Die Gegenspieler – und mindestens so schlimm – die Mannschaftskollegen verloren irgendwann die Angst oder gar den Respekt vor dem Mann, der sich einen eigenen Chauffeur leistete, aber nie richtig auf Schalke angekommen ist. Zunächst als Großsprecher wahrgenommen, verstummte Boateng allmählich und war nur noch für spezielle Freunde vom Boulevard zu sprechen, wenn er den Drang verspürte, Politik zu machen. Am Ende wirkte er isoliert.

          Das Scheitern von Spielern wie Boateng und Sam wirft ein Licht oder besser: einen Schatten auf die Transferpolitik des Managers Heldt. Die hochverschuldeten Schalker haben kaum Geld für Ablösesummen. Wer Böses denkt, kann sagen, Heldt fällt es schwer, die Substanz zu steigern, ob er nun viel Geld zur Verfügung hat (Boateng) oder deutlich weniger (Sam). Es spricht für sich, dass Marco Höger, der einzige Bestrafte, den Schalke als Spieler noch gebrauchen kann, nur suspendiert ist, also noch auf eine Rückkehr hoffen darf.

          Mit seinem scheinbar harten Handeln verfolgt Heldt über das bloße Abstrafen hinaus einen weiteren Zweck. Es geht darum, von den Fehlern der Administration abzulenken. Heldt und Trainer Di Matteo haben lange zugesehen und sich außerstande gesehen, der sportlichen Talfahrt gegenzusteuern. Sie führte dazu, dass die Qualifikation für die Champions League verpasst wurde und die Teilnahme an der Europa League wackelt. Mit der harten Welle hat Heldt sich und seinen erfolglosen, ratlosen Kompagnon vielleicht für kurze Zeit aus der Schusslinie genommen. Aber beide werden letztlich auf die Gunst des Aufsichtsratvorsitzenden Clemens Tönnies angewiesen sein. Um Schalke wieder in die Spur zu bringen, wird es nicht genügen, zwei oder drei Spieler auszusortieren, auf die der Klub ohnehin verzichten kann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Mann ohne Maske: Donald Trump im Mai mit dem obersten Immunologen Anthony Fauci (r.) und Deborah Birx, Koordinatorin der Coronavirus-Arbeitsgruppe des Weißen Hauses

          Corona-Pandemie in Amerika : Plötzlich ist Trump doch für Masken

          Bislang weigerte sich Trump, eine Maske zum Schutz vor dem Coronavirus zu tragen. Jetzt erleben die Amerikaner bei ihrem Präsidenten einen Sinneswandel – der mit einem Rekord bei den täglichen Neuinfektionen zusammenhängen könnte.
          Er hat die besten Aussichten, CDU-Vorsitzender zu werden, aber ist er auch der prädestinierte Kanzlerkandidat? Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.

          CDU-Vorsitz und K-Frage : Muss Laschet weichen?

          Während Merkel auf der Europawolke schwebt, kommt der Wettbewerb um den CDU-Vorsitz wieder in Fahrt. Die bisherigen Kandidaten sehen dabei alle drei nicht sonderlich gut aus.
          Sigmar Gabriel, Bundesminister a. D.

          Fleischkonzern : Sigmar Gabriel als Berater von Tönnies bezahlt

          Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat nach Recherchen des ARD-Magazins „Panorama“ für den Fleischproduzenten Tönnies als Berater gearbeitet. Gabriel soll für seine Beratertätigkeit rund 10.000 Euro erhalten haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.