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Zweitligaklub SC Paderborn : Katholisch, konservativ, kurios

  • -Aktualisiert am

Antreiber: Trainer Kwasniok Bild: Witters

Mal rauf, mal runter, aber seit einiger Zeit fester Bestandteil der zweiten Fußball-Bundesliga: Der SC Paderborn ist bei aller Zurückhaltung kein bisschen langweilig.

          3 Min.

          Donnerstags nach Siegen darf sich das Trainerteam beim Koch etwas wünschen. Ein Feiertag in Paderborn – leider nicht für alle. Es gibt Haxe, Sauerkraut und Knödel in der kleinen Mensa mit Blick auf die sattgrünen Trainingsplätze. Daran labt sich nun der Trainerstab. Die Profis bekommen Pute. Hm. Allerdings: Je nachdem, welcher Coach auswählt, kann es auch mal „Spaßbefreites“ geben. Fischfilet etwa. Das ist dann kompatibel für alle.

          2. Bundesliga

          Die Laune ist ziemlich gut beim Sportclub Paderborn 07. Ein Sieg an diesem Samstag gegen die KSV Holstein (13.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Liga sowie bei Sky), und der SCP bliebe Erster der zweiten Liga. Aufwärtstrend zementiert, Abstiegszone weit weg. Und das im ersten Jahr nach „Übertrainer“ Steffen Baumgart.

          Für ihn kam Lukas Kwasniok aus Saarbrücken – kein großer Name. Aber was sollte der auch hier? Katholisch, konservativ, kurios: Der Klub ist bei aller Zurückhaltung kein bisschen langweilig. In den sechs Spielzeiten von 2014 bis 2020 ging es die Leiter runter und rauf: erste, zweite, dritte Liga. Dritte, zweite, erste Liga. Dann folgte eine erstaunlich normale Saison – Platz neun 2020/21, der letzten mit Baumgart.

          „Profifußball-Standort Paderborn stabilisieren“

          Kleinreden wollen sie hier nichts. Aber auch nicht mehr draus machen: „Wir wollen den Profifußball-Standort Paderborn weiter stabilisieren“, sagt Fabian Wohlgemuth, der Geschäftsführer Sport, „ein einstelliger Tabellenplatz wäre ein Erfolg für uns“. Vor allem will der frühere Kieler Sportchef das Jojo-Phänomen beenden. Sieben Ab- und Aufstiege haben an den Nerven gezerrt. Paderborn soll kein Fahrstuhlklub mehr sein. Die Zeiten der Exzentrik des verstorbenen Präsidenten Wilfried Finke sind auch vorbei. Der SCP war sein Lebenswerk. Spektakuläre Fehlgriffe gehörten dazu: Mit Stefan Effenberg als Trainer machte sich Paderborn 2016 lächerlich. Seit Baumgarts Einstieg 2017 wurde es zunehmend seriös.

          Daran arbeitet Wohlgemuth in der Konstellation mit seinen Kollegen Martin Hornberger (Gesamtverein) und Ralf Huschen (Finanzen) seit Mai 2020. Nach dem Ausscheiden bei der KSV Holstein war Wohlgemuth ein gutes halbes Jahr ohne Job. Nun wendet er sein Rezept bei einem ähnlich strukturierten Verein an. „Der derzeitige Erfolg ist keinem Einzelnen zuzuordnen“, sagt der 42-Jährige, „es ist das Ergebnis von Teamarbeit.“ Dazu gehören die 16 Wirtschaftsräte, die den Verein in einer XXL-Struktur finanziell und ideell stützen und den Aufsichtsrat speisen. Eisproduzent, Softwareentwickler, Autozulieferer: Vieles aus der lokalen und regionalen Wirtschaft ist dabei.

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          In der ostwestfälischen Randlage lässt sich ruhig arbeiten. Das Trainingszentrum von 2017 ist funktional, ohne Schnickschnack. Das 2008 erbaute Stadion liegt ein paar Kilometer entfernt, ist gut dimensioniert, und dass Anwohnerklagen Abendspiele verhindern, fällt nicht ins Gewicht. Ähnlich wie in Kiel holt Wohlgemuth junge Spieler und lässt sie hier veredeln. In den Mannschaften, die er mit den jeweiligen Scouts und Trainern aufbaute, waren und sind viele junge, in Deutschland ausgebildete Profis. Hochgerechnet auf Spielminuten, entlohnt die DFL deren Einsatz gar nicht so knapp – zumindest in Paderborner Dimensionen. Aber auch mittelalte und ältere Profis sollen sich hier entwickeln können. Es gibt kein Dogma. Der Fußball der Marke SCP soll weniger ausrechenbar werden. Kwasnioks Aufgabe: Baumgarts Pressingmaschine feintunen.

          Was bleibt: Wie zuletzt Chris Führich nach Stuttgart und Sebastian Schonlau zum HSV hat der SCP wieder seine besten Profis abgegeben. Wenn größere Klubs mitbieten, bleibt keine Wahl. Der Lizenzspieleretat von (geschätzt) etwas über zehn Millionen Euro liegt im unteren Ligadrittel. Wohlgemuth sagt: „Wir müssen nicht verkaufen. Aber der Umbruch ist bei uns Geschäftsgrundlage.“

          In der Stadt ist der Klub wirtschaftlich und politisch gut vernetzt; dafür stehen die Wirtschaftsräte und Präsident Elmar Volkmann sowie Carsten Linnemann, der CDU-Politiker, als Vizepräsident des Gesamtvereins. Aber diese gewisse Vorsicht bleibt. Als ein Slogan für den Aufstieg in die Bundesliga 2019 gesucht wurde, entschied man sich für: „Aufsteigen, ohne abzuheben.“ Das kennzeichnet die Haltung in der Stadt und im Klub. Teamfähigkeit, Zusammenhalt, familiäre Atmosphäre: Das, was mit Bodenständigkeit umschrieben wird, könnte Größeres verhindern. „Bodenständigkeit darf dabei nicht falsch verstanden werden“, sagt Wohlgemuth, „wir werden Schwierigkeiten haben, uns mit angezogener Handbremse dauerhaft im Profifußball zu behaupten.“

          Ob Kiel oder Paderborn – die Konzentration auf den Sport fällt an solchen Standorten leichter. Die medial entfachten Dauerbaustellen der Großklubs in den Metropolen vermisst hier niemand. Allerdings fehlt so auch das Grundrauschen, das den Klub spannend macht, im Gespräch hält und Publikum ins Stadion treibt. Dass der Vorverkauf so schleppend läuft, ärgert Wohlgemuth und Kwasniok. Der neue Trainer hat deswegen verschmitzt für das ideale Paderborner Wochenende geworben: Samstag zum SCP, Sonntag in die Kirche, danach zur Bundestagswahl, riet Kwasniok den Menschen in der Lokalzeitung. Wohlgemuth hat das gefallen. Steffen Baumgart hätte es kaum besser sagen können.

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