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Freiburg fordert Bayern : Rennen und rempeln in München

Widerspenstig: Schlotterbeck ist einer aus dem starken Ensemble der Freiburger, der Coman und den Bayern alles abverlangt. Bild: AFP

So mutig wie die Freiburger hat in München wohl noch keine Mannschaft in dieser Saison gespielt. Doch gegen die Bayern reicht nicht einmal das Maximum zum Punktgewinn.

          3 Min.

          Am frühen Samstagabend, als seine Freiburger nicht mehr rannten und rempelten, saß der Fußballlehrer Christian Streich in dem Medienraum in München und sprach mit den Fußballreportern, wie in Deutschland nur er mit ihnen spricht. „Kümmert euch um Bayern, um Dortmund, um die anderen“, sagte Streich, der seit 1995 beim SC Freiburg angestellt und deswegen daran gewöhnt ist, dass sich die Reporter nicht um ihn und seinen kleinen Verein kümmern, obwohl er dort nun seit fast zehn Jahren als Bundesliga-Trainer arbeitet. Und weil er sich das offenbar auch nicht mehr abgewöhnen will, sagte er den Reportern dann noch: „Lasst unsere Jungs in Ruhe!“

          Bundesliga
          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

          Es war die letzte Antwort an einem Tag, der viele Antworten gegeben hat. Es war aber auch eine Antwort, der noch eine Frage hätte folgen müssen. Diese durfte wegen Zeitmangels nicht mehr gestellt werden und soll daher an dieser Stelle nachgereicht werden: Herr Streich, wie bitte soll man eine Mannschaft in Ruhe lassen, die im Stadion des FC Bayern das war, was man dort in der Bundesliga und sogar in der Vorrunde der Champions League meistens vergeblich sucht: ein Gegner, der sich wehren kann?

          So mutig wie die Freiburger hat in München wohl noch keine Mannschaft in dieser Saison gespielt. Das reichte dann nicht, um einen Punkt zu gewinnen, aber immerhin, um später ohne schlechtes Gewissen in gutem altem Fußballdeutsch ausnahmsweise sagen zu dürfen: Die Bayern mussten den Sieg über die Zeit retten. Ein guter alter Duselsieg war dieses 2:1 aber wiederum nicht. Dafür kam das erste Freiburger Tor, das Janik Haberer in der dritten Minute der Nachspielzeit schoss, zu spät.

          Nicht nur schlau, auch stark sein

          Auch wenn die Erleichterung in der Arena, in der erstmals seit dem März 2020 wieder 75.000 Zuschauerinnen und Zuschauer saßen und standen, spürbar war, als der Schiedsrichter ein letztes Mal in seine Pfeife pustete. „Schade, dass wir nicht drei, vier Minuten früher das 1:2 machen“, sagte später auch Streich. „Dann, glaube ich, hätten wir noch ein, zwei Chancen gekriegt, um vielleicht das Unentschieden zu machen.“ Seine Spieler konnten nämlich auch in der Nachspielzeit noch rennen und rempeln. Und weil diese Wörter nun zum zweiten Mal in diesem Text fallen: Ja, rennen und rempeln, das ist vielleicht nicht das Kompliment, das man hören will, aber es ist das Kompliment, das man in München hören muss.

          Wer gegen den FC Bayern überhaupt nur die Chance haben will, einen oder sogar drei Punkte zu gewinnen, muss nicht nur schlau, sondern auch stark sein. Man kann diesen Riesen nicht mit dem ersten Schuss aus der Steinschleuder umlegen (außer vielleicht man trifft ihn an einem Pokalabend in Mönchengladbach). Man muss ihn spüren lassen, dass man mit der richtigen Taktik und der richtigen Haltung antritt. Und damit in die 20. Minute.

          Wissen war nie wertvoller

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          Da stoppte der Münchner Stürmer Robert Lewandowski, der Weltfußballer ist und womöglich bald wieder Weltfußballer wird, den Ball mit dem Rücken zum Tor. Und da drängelte der Freiburger Verteidiger Nico Schlotterbeck, der kein Weltfußballer ist und sehr wahrscheinlich nie Weltfußballer wird, ihn sofort an. Er spitzelte Lewandowski den Ball dann so geschickt weg, dass dieser auf den Rasen plumpste und dort für einen kurzen Moment so bedröppelt saß, als hätte man ihm verboten, mit seinen vielen Pokalen zum Fotoshooting zu gehen. Das war schlau und stark.

          An Nico Schlotterbeck lassen sich das Gespür und die Geduld für den Fußball, die in Freiburg etwas Wundersames haben entstehen lassen, mal wieder sehen. In der Jugend sortierten die Stuttgarter Kickers ihn aus. Er spielte danach für den VfR Aalen und den Karlsruher SC. Dann wechselte er nach Freiburg. Er stieg dort von der A-Jugend in die Regionalliga bis in die Bundesliga auf. Man glaubte an ihn. Auch, als er in der vergangenen Saison an Union Berlin ausgeliehen wurde. Jetzt, mit 21 Jahren, ist er in Freiburg Stammspieler – und von Bundestrainer Hansi Flick gerade zum zweiten Mal für die Nationalmannschaft nominiert worden.

          Nationalmannschaft? Das ist ein Wort, über das Christian Streich in Zusammenhang mit seinen Spielern eigentlich nicht sprechen möchte. So wie auch Champions-League-Platz. Auf so einem steht seine Mannschaft aber auch nach der ersten Niederlage der Saison. Was also sagt Streich? „Ich beschäftigte mich Nullkommanull mit irgendwelchen Prognosen oder sonstigem Zeugs.“ Streich ist immer noch Streich. Das war eine der Antworten des Tages. In der Pressekonferenz sagte der Trainer dann auch noch: „Mehr, als wir heute gemacht haben, können wir nicht machen.“ Das führte zu einer anderen Antwort des Tages: Gegen diesen FC Bayern reicht nicht mal das Maximum.

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