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Kulturwandel beim SC Freiburg : Elf Deutsche beim Klub der „Willis“

Elf Deutsche wie beim Pokalsieg in Cottbus müssen es nicht sein: Aber der SC Freiburg unterscheidet sich in der Kaderstruktur gravierend von allen anderen Klubs Bild: dpa

Neue Zeiten in Freiburg: Der SC tritt im DFB-Pokalspiel in Cottbus mit elf deutschen Spielern in der Startelf an. Das ist bei einem Bundesligaklub ein Anachronismus.

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          Was waren das noch für Zeiten, als der SC Freiburg allein von den Namen der Stars die Weltoffenheit auf dem Fußballplatz darstellte. Die Breisgau-Brasilianer zauberten grundsätzlich ganz ohne Brasilianer, dafür aber mit den von den Fans gefeierten Helden: Der Argentinier Rodolfo Esteban Cardoso und der Niederländer Harry Decheiver Mitte der neunziger Jahre und vor allem all die Publikumslieblinge aus Georgien, deren Namen meist wie bei Alexander Iaschwili oder Lewan Kobiaschwili landestypisch endeten. Zusammen mit dem damaligen Kurzzeit-Nationalspieler Tobias Willi prägte das halbe Dutzend an Freiburg-Georgiern zur Jahrtausendwende eine Ära der „Willis“ beim Klub aus dem Schwarzwald.

          Und nun? Schwolow – Stenzel, Gulde, Heintz, Günter – Höfler – Frantz, Gondorf – Niederlechner, Petersen, Waldschmidt. So deutsch die Namen klingen, so deutsch war die Startaufstellung des Klubs am Montagabend im Erstrundenspiel im DFB-Pokal. Natürlich nach Nominierung durch den deutschen Trainer Christian Streich. Und das ausgerechnet beim im Elfmeterschießen gewonnenen Spiel bei Energie Cottbus, jenem Klub, der am 6. April 2001 im Spiel gegen Wolfsburg der erste Bundesliga-Klub war, bei dem Trainer Eduard Geyer in seiner Startaufstellung nur ausländische Spieler aufgeboten hatte.

          In einer durchglobalisierten Fußballwelt, in der Spieler über Transfermärkte und Kontinente fast nach Belieben verschoben werden, ist die Freiburger Startaufstellung ein Paradoxon. Selten stehen in den Anfangsformationen einer Bundesligamannschaft mehr Deutsche als sogenannte Legionäre, der Ausländeranteil in den Kadern lag im Vorjahr trotz der Verpflichtung zu in Deutschland beziehungsweise sogar im Klub selbst ausgebildeten sogenannten „local players“ bei 52,7 Prozent.

          Transferlogik mit System

          Der Anteil an der Spielzeit liegt sogar noch höher. In der ersten Pokalrunde standen nun bei den 18 Bundesligaklubs knapp 4,5 Spieler mit deutscher Staatsangehörigkeit auf dem Feld. Eintracht Frankfurt ging mit Danny da Costa als einzigem Einheimischen ins Spiel; Leverkusen, Stuttgart und Augsburg brachten es immerhin auf sieben Deutsche. Auch der Kader ist bei nur sechs Ausländern unter 27 Spielern ein Alleinstellungsmerkmal in der Bundesliga.

          Verehrt bis heute: Rodolfo Esteban Cardoso und Harry Decheiver (rechts)

          Natürlich hat die ausländerfreie Aufstellung der Freiburger viel mit aktuellen Entwicklungen zu tun und könnte sich bis Schließung des Transferfensters am 31. August oder auch aufgrund von Verletzungsrückkehrern wieder ändern: So wurde Innenverteidiger Caglar Söyüncü kürzlich nach Leicester verkauft und Akteure wie der Franzose Yoric Ravet oder der australische Neuzugang Brandon Borrello fehlen derzeit verletzt. Aber das Freiburger Modell folgt auch einer Transferlogik, hinter der System steckt.

          „Wir konnten auch Leistungsträger halten, etwa mit den Vertragsverlängerungen mit Nils Petersen und Christian Günter. Das sind zwei Aushängeschilder des Sport-Clubs, es war sehr wichtig, dass sie bei uns bleiben. Weil das auch ein Zeichen an die bestehende Mannschaft darstellt und eines für Neuverpflichtungen: Dass Spieler sehen, hier entwickelt sich etwas weiter, hier hat man auch mit bescheideneren Mitteln als anderswo das klare Ziel, sportlich erfolgreich zu sein“, sagte Geschäftsführer Oliver Leki kürzlich in einem Interview mit dem „Südkurier“.

          Dem Klub gelingt es, gerade Spielern wie Nationalspieler Petersen oder auch Neuzugängen wie Dominique Heintz, Jerome Gondorf oder Luca Waldschmidt, die bei anderen Klubs Mitläufer wären, eine prominentere sportliche Rolle und die Chance auf Einfluss auf das Schicksal des Klubs in Aussicht zu stellen.

          Zudem ist die Transferstrategie dieser Saison auch Folge der Misserfolge des Vorjahres: Damals geriet der SC auch deshalb an den Abgrund des Abstiegs. weil die meisten Neuzugänge des Sommers zu viel Eingewöhnungszeit an die Bundesliga benötigten. Nun war der Klub offensichtlich darauf aus, Spieler mit Bundesligaerfahrung zu verpflichten, die dem Team von Trainer Streich sofort weiterhelfen können. Entsprechend hat der Verein die Weichen bereits sehr frühzeitig nach Ende der vergangenen Saison gestellt.

          Für die Ausbildung eines Mannschaftsgeistes, der gerade im Abstiegskampf von Bedeutung sein dürfte, darf der SC Freiburg auf Vorteile hoffen. Ob das am Ende den Nachteil bezüglich individueller Qualität ausgleichen kann, die bei der Konkurrenz in der unteren Tabellenhälfte meist ausländische Stars einbringen? Das Besondere lieferten schließlich auch in Freiburg meist die „Willis“ und Cardosos. Man wird sehen, ob die urdeutschen Namen bei den Fans in dieser Saison mit vergleichbarer Entzückung über die Lippen gehen.

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