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SC Freiburg : Das ultimative Fußball-Märchen

Rauschhafte Momente: Freiburger Freude nach dem Einzug in den Europapokal Bild: dpa

Der Sportclub kommt von ganz unten und hat sich mit Energie und Zuversicht der Zukunft zugewandt. Nach dem 2:1 über Fürth freut sich Freiburg auf die Teilnahme am internationalen Fußball.

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          Manchmal ist die Pause in einem Satz das Entscheidende. „Wenn man eineinhalb Jahre zurückblickt“, begann Fritz Keller, und erst nachdem er eine ganze Weile innegehalten hatte, fand der Freiburger Präsident die richtigen Worte, um den Gedanken zu Ende zu führen: „Dann ist das unbegreiflich.“ Das sagte alles über die Freiburger Gefühlslage nach dem 2:1 bei der Spielvereinigung Greuther Fürth. Zur Erinnerung: Im Dezember 2011, als Christian Streich die Mannschaft übernahm, stand der Sportclub auf dem letzten Tabellenplatz der Fußball-Bundesliga, und es gab nicht mehr viele, die auf eine erstklassige Zukunft gewettet hätten. Jetzt, im Mai 2013, ist der Sprung nach Europa sicher - und wer weiß, vielleicht gelingt ja sogar noch der ganz große Satz: Ein Sieg am kommenden Samstag im Saisonfinale gegen Schalke, und der kleine Sportclub fände sich auf Platz vier und damit in der Champions-League-Qualifikation wieder.

          Wie ein „echtes Märchen“ kam es Klubchef Keller - und gewiss nicht nur ihm - vor. Es sprach für den Realitätssinn der Freiburger, dass sie bei aller Freude auch nachdenkliche Töne anschlugen. Keller etwa brachte noch einmal kurz die Saison 2001/02 in Erinnerung, als der Sportclub zuletzt europäisch spielte und das Erlebnis mit dem Bundesliga-Abstieg teuer bezahlte: Auch Trainer Streich sprach ein paar mahnende Worte: „Manchmal steht man in der Sonne“, sagte er. „An der Sonne soll man aber gleich wieder die Mütze anziehen, dass man nicht verbrennt.“

          Doch gleich, wie es weitergeht: Der Sportclub als Kandidat für die Königsklasse - das ist schon jetzt die überraschendste Erfolgsstory dieser Saison. Für die man drei Vorgeschichten braucht, um sie zu begreifen: eine mit einem ziemlich langen Anlauf, eine, die ein paar Wochen alt ist, und eine ganz frische und aufs Äußerste zugespitzte. Eine, die aus einer einzigen Szene ein Millionenspiel machte. Oliver Baumann, der Freiburger Torhüter, schilderte seine Gedanken, als Nikola Djurdjic in der 90. Minute zum Elfmeter antrat, so: „Ich habe mir gesagt: Ich muss, ich muss, ich muss.“ Ein Ausgleichstor hätte die Freiburger Europa-Ambitionen aufs Höchste gefährdet. Doch Baumann tat, was er tun musste: Er parierte den Strafstoß und rettete seinem Team den hauchdünnen Vorsprung nach den Treffern von Jonathan Schmid (69. Minute) und Max Kruse (78.) sowie der Fürther Führung durch Matthias Zimmermann (3.).

          Hält, was er verspricht, zum Beispiel einen Elfmeter in letzter Minute: Torwart Baumann

          Was folgte, waren rauschhafte Momente, in denen nicht nur die Kollegen, sondern auch Trainer Streich auf Baumann zustürmten und mit ihm die große Sause starteten - auf dem Platz wohlgemerkt. Die naheliegenden Gedanken an eine feuchtfröhliche Feier wiesen die Freiburger weit von sich. „Sie kennen doch unseren Trainer“, sagte Präsident Keller. Und Streich, in seinem unnachahmlichen Zungenschlag, sagte: „Bei uns wird kei Bier trunke oder so Zeug.“ Wobei er Wert darauf legte, dass das nicht Folge eines Befehls von oben sei, sondern dem Wesen seiner Profis entspreche. „Die sind nicht so“, sagte er, „das sind außergewöhnliche, tolle Jungs, die wissen, wie viel Arbeit, Akribie, Einstellung es bedarf, um dann vielleicht auch mal etwas Außergewöhnliches zu erreichen.“

          Die Freiburger Romantik mochte da etwas dick aufgetragen wirken. Daran aber, dass die Verbindung Streichs zu dieser Mannschaft eine ganz besondere ist, gab es keinen Zweifel. Das ist zugleich die zweite Vorgeschichte, die mit dem langen Anlauf: Den einstigen Leiter der Fußballschule in höchster Not zum leitenden Trainer des Bundesligateams zu machen, erwies sich als wahre Königslösung. Weil er wie kein anderer die auf Kollektivgeist und Respekt gegründete Freiburger Fußball- und Ideenwelt verkörpert. In den vergangenen Wochen allerdings - Vorgeschichte Nummer drei - hatte man etwas besorgt verfolgt, wie sehr Streich plötzlich unter Druck stand. Angegriffen wirkte er, dünnhäutig, die Belastung schien psychisch wie physisch an ihm zu zehren.

          Lokal denken, international spielen: Der SC Freiburg geht wieder auf Reise:

          Diese Sorgen kann man nun getrost vergessen: Streich ist wieder der Alte. Souverän, humorvoll und auf angenehme Weise kauzig. Es wirkt, als habe sich der ganze Klub einschließlich seines Trainers einmal kräftig geschüttelt nach den angekündigten Verlusten von vier Stammkräften (Rosenthal, Kruse, Caligiuri, Flum). Nach der Trennung von Sportchef Dirk Dufner, die auf noch zu klärende Weise zum Gefühl der Befreiung beigetragen zu haben scheint. Und nach dem verlorenen Pokal-Halbfinale, von dem Streich am Samstag sagte, dass es „uns bis zu unserem letzten Tag ärgern wird“.

          Der Sportclub hat sich wieder mit Energie und auch Zuversicht der Zukunft zugewandt. Was mit dem Erfolg gegen Augsburg vor einer Woche begann, wurde mit der Vertragsverlängerung von Streich am Freitag (bei der nebenbei betont wurde, dass man keine weiteren Spieler abgeben werde) und nun dem Sieg in Fürth fortgeführt. Ein kleines Detail verriet dabei, worauf es im Gesamtbild Freiburg ankommt: In der 88. Minute, als es Spitz auf Knopf stand, wechselte Streich einen Debütanten ein, den 20 Jahre alten Tim Albutat. Weil er ihn aus gemeinsamen Tagen in der Fußballschule kennt und ihm deshalb vertraute. Wo kann man sich so etwas sonst noch vorstellen? Der Sportclub ist wieder ganz bei sich selbst.

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