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Hertha-Trainer Dardai : Der Berliner Maurer

Momentaufnahme von Pal Dardai: Lächeln sieht man den stoischen Hertha-Coach nicht allzu oft. Bild: AP

Pal Dardai lässt alles an sich abprallen, was den Lifestyle-Fußball ausmacht. Mit ihm als Trainer ist die Berliner Hertha zwar nicht sexy, dafür aber sehr stabil – und erfolgreich.

          6 Min.

          Pressekonferenz mit Pal Dardai. Zwei Tage sind es noch bis zum vierzehnten Spieltag, der Heimpartie gegen Werder Bremen. Hertha BSC ist überraschend Tabellendritter der Bundesliga, mit 27 Punkten. Seit dem vergangenen Wochenende wird in den Berliner Medien anerkennend eine Statistik verbreitet, die der Hertha in dieser Saison tatsächlich den besten Start ihrer Bundesliga-Geschichte bescheinigt. Die Stimmung in der Hauptstadt ist also nicht schlecht, wenn es um die Hertha geht.

          Michael Horeni
          Fußballkorrespondent Europa in Berlin.

          Die Reporter würden nun gerne etwas hören vor dem Heimspiel, was diese Stimmung verstärkt: etwas Begeisterndes vielleicht, etwas Leidenschaftliches, am liebsten etwas Visionäres. Aber an Dardai prallen in diesen Tagen alle Stimmungen und Erwartungen ab. Man kann ihm das sogar im Gesicht ansehen. An diesem Tag, an dem Dardai knapp zwanzig Minuten auf dem Podium sitzt, verzieht er keine Miene. Zwei- oder dreimal erlaubt er sich ein Lächeln, das er aber in Sekundenschnelle wieder einfängt. Dann schaut Dardai wieder regungslos aus wachen, grünen Augen in die Runde. Und grätscht dazwischen, wenn ihm nicht gefällt, was gerade gesagt oder gefragt wird. So kommt es, dass Dardai auch an diesem Tag wieder nur stoisch über Hertha redet – und dann auch nur bis zum nächsten Samstag. Vermutlich erklärt das seinen Erfolg.

          Fokus auf das Hier und Jetzt

          Der 40 Jahre alte Ungar, der sein halbes Leben bei Hertha BSC verbracht hat, schafft es mühelos, auf Pressekonferenzen inhaltlich keinen einzigen überraschenden Satz zu sagen. In den Reden des ehemaligen Profis und Nachwuchstrainers der Berliner strotzt es vor Fußball-Plattitüden. Das klingt dann so: „Bei uns passt es.“ Das Spiel gegen Werder sei „gefährlich“. Sein Team brauche „eine gute Tagesform und eine gute Mentalität, dann haben wir eine Chance, das Spiel zu gewinnen“.

          Dardai räumt auf der Pressekonferenz konsequent alle Themen ab, die auch nur einen Tag oder einen Gedanken über das nächste Spiel hinausgehen. All den Dingen, die den Fußball ausmachen und ihn so ungeheuer populär und reich werden ließen, verweigert sich der Trainer konsequent: dem öffentlichen Reden über Fußball, über Taktiken, über Trainer, über andere Spieler, das Spekulieren, das Vergleichen, das in Beziehung setzen. All das scheint Dardai ein Graus zu sein. Zumindest in der Öffentlichkeit.

          Dardais größte Stärke ist seine Erfahrung: Als ehemaliger Profi weiß er, wie seine Mannschaft tickt und fühlt. In schwierigen Situationen will er ihr den Druck nehmen. In den Arm nimmt er deswegen Mittelfeldspieler Genki Haraguchi. Bilderstrecke
          Dardais größte Stärke ist seine Erfahrung: Als ehemaliger Profi weiß er, wie seine Mannschaft tickt und fühlt. In schwierigen Situationen will er ihr den Druck nehmen. In den Arm nimmt er deswegen Mittelfeldspieler Genki Haraguchi. :

          Dardai ist von einer Nüchternheit, wie man sie von heutigen Bundesliga-Trainern jedenfalls kaum mehr kennt. Er ist einer in der Welt der Sky-News-HD-Nachrichten im 24-Stunden-Betrieb und den Social-Media-Activities, der noch aus der Rudi-Völler-Zeit kommt, damals, als die Spieler noch Ramelow, Jeremies, Linke oder eben Dardai hießen – und Fußball mit Laptop und Lifestyle rein gar nichts zu tun hatte. Und ein bisschen von dieser Haltung, wonach Fußball ein einfaches Spiel ist, und es vor allem auf Fleiß und Charakter ankommt, hat Dardai auch in die heutige Zeit des großen Fußball-Entertainments mitgenommen.

          „Nette Frage, aber...“

          Auf die Frage, was er zur Entwicklung der Trainer in der Bundesliga sage, nachdem exzellente Trainer wie Guardiola, Klopp und Favre die Liga verlassen haben, und ob nun Trainer wie Hasenhüttl, Nagelsmann, Kovac oder er selbst diese Lücke füllen könnten und würden, weil sie nun die Chance haben, ihre Qualitäten in der Bundesliga zu zeigen, antwortet Dardai: „Nette Frage. Ich kann aber nur über Hertha BSC reden. Ich habe meine Chance bekommen. Und ich versuche, mit dem Vertrauen, das mir das Management gegeben hat, vernünftig umzugehen mit meinem ganzen Trainerstab. Und so, wie ich das mitbekommen haben, planen sie hier über eine lange Zeit, um Schritt für Schritt nach vorne zu kommen.“

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