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Leverkusen-Kommentar : Der Realität zu weit entrückt

Fehlender Realitätsbezug? Roger Schmidt muss bei Bayer Leverkusen gehen Bild: AP

Erwartbares Ende einer Dienstzeit: Bayer Leverkusen hat Roger Schmidt freigestellt. Nicht nur Anspruch und Erfolg stehen in krassem Gegensatz.

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          Die ganz große Überraschung war es nicht mehr. Nachdem sich Klubchef Michael Schade mit dem Wort von der „desaströsen“ Niederlage gegen Dortmund hatte zitieren lassen, war jedem klar, dass die (Selbst-) Einschätzungen in Leverkusen himmelweit auseinanderlagen. Und dass die Deutungshoheit bei Bayer 04 nicht mehr Roger Schmidt gehörte.

          Der hatte am Samstag, nach dem 2:6 in Dortmund, zur Verblüffung vieler Beobachter von einem Auftritt seiner Mannschaft gesprochen, mit dem er sich „gut identifizieren“ könne. Es sei, so fuhr Schmidt in der Pressekonferenz fort, auch wenn es sich komisch anhöre, „ein Schritt in die richtige Richtung“ gewesen. Das, so dürften es insbesondere die Bosse bei Bayer empfunden haben, war noch einmal ein echter Schmidt. Aber nichts, womit die sportliche Lage noch angemessen zu kommentieren gewesen wäre.

          Der Punkt war erreicht

          Es mag ja sein, dass der fachlich hochgeschätzte Trainer in der derben Pleite beim BVB tatsächlich den einen oder anderen Fortschritt im Detail ausgemacht hat. Es würde darüber hinaus auch zu Schmidts selbstbewusster und mitunter trotziger Art passen, gegen alle Kritiker von außen, denen er ohnehin kein fundiertes Urteil zutraut, auf seiner Einschätzung zu beharren.

          Diesmal jedoch war offenkundig der Punkt erreicht, an dem sie bei Bayer genug von Schmidts Chuzpe hatten – inhaltlich wie atmosphärisch. Was Ersteres betrifft, hatte seine Argumentation den Haken, dass sie vernachlässigte, wie sehr und wie oft die Leverkusener in dieser Saison unter ihren Möglichkeiten geblieben waren, zuletzt in der Vorwoche bei der Heimniederlage gegen Mainz. Und was die Atmosphäre betrifft: Wer gesehen hatte, wie Sportdirektor Rudi Völler nach dem 0:2 nach elf Minuten seinen Platz auf der Tribüne verließ, ahnte schon, dass eine Reaktion heftigen Ausmaßes nicht mehr fern sein konnte.

          Am Samstag war sie nicht mehr aufzuhalten. Zu sehr hatte Schmidt die Geduld und den guten Willen seiner Vorgesetzten, vor allem Völlers, strapaziert – und sich dabei offenbar selbst ein Stück weit unverstanden und allein gelassen gefühlt. Dass er sich in der Winterpause den früheren Mediendirektor des HSV als „Trainer-Manager“ an seine Seite holte, wirkt im Nachhinein auch wie ein – gescheiterter – Versuch der internen Mediation.

          Erfolge, aber auch Misserfolge

          Schmidt hat bei Bayer ohne Frage Erfolge vorzuweisen. Unter seiner Anleitung haben einige hochtalentierte Nachwuchskräfte den Sprung ins Bundesligateam geschafft – wie überhaupt die Mannschaft zu den jüngsten der Liga gehört. Doch auch gemessen daran hat Schmidt schlicht zu wenig Konstanz und Verlässlichkeit ins Bayer-Spiel gebracht. „Entweder sie ertränken ihre Gegner oder sie ersaufen selbst“, hatte die spanische Zeitung El País vor dem Champions-League-Spiel gegen Atlético Madrid geschrieben – die Partie lieferte dann prompt einen weiteren Beleg für die These.

          Das alles ist nicht Schmidts Verantwortung allein. Sein Modell litt sichtlich darunter, dass es auf dem Platz nicht alle Spieler gleichermaßen mit Leben erfüllten. Auch deshalb versuchte er, sein Team vor dem Dortmund-Spiel mit markigen Worten in die Pflicht zu nehmen. Das Resultat allein wäre vielleicht noch zu verschmerzen gewesen. Der Mangel an fußballerischem Realismus und auch Realitätssinn war es nicht mehr.

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