https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/robin-dutt-im-f-a-z-gespraech-ich-bin-kein-ein-jahres-trainer-11670052.html

Robin Dutt im F.A.Z.-Gespräch : „Ich bin kein Ein-Jahres-Trainer“

  • Aktualisiert am

Genau. Und Jürgen Klopp begann auch mit einem sechsten Platz. Sein großer Vorteil war, dass Dortmund im Jahr zuvor nur Neunter war und Rang sechs schon als Erfolg gesehen wurde. Du musst dich als Trainer entscheiden: Bist du ein Einjahrestrainer oder einer, der vier fünf Jahre in einem Verein arbeiten möchte. Ich habe für mich festgelegt, ich kann in der Mittelfristigkeit mehr gewinnen, als in der Kurzfristigkeit verlieren. Eine Entlassung im ersten Jahr tut mir weniger weh, als mir ein Erfolg mit Bayer Leverkusen über drei, vier Jahre gut tut. Ich habe in meinen Vereinen immer vier, fünf Jahre lang gearbeitet, hatte aber auch das Glück, immer die aktuellen Erwartungen einigermaßen zu erfüllen. Es ist eine Gratwanderung. Aber den linearen Weg nach oben gibt es für einen Bundesligisten nicht.

Kann man sich im Fußball noch eine Philosophie leisten?

Zumindest die eine: Setze den Wunsch des Vereines um. Aber ich achte natürlich darauf, bevor ich einen Vertrag unterschreibe, dass sich die Wünsche des Klubs einigermaßen mit meinen decken. Es bringt nichts, eine Philosophie in einen Verein bringen zu wollen, ohne dass er dafür bereit ist.

Haben Sie eine Lieblingstaktik oder favorisierte Formation auf dem Spielfeld?

Ich denke, es geht nicht um Positionen im Fußball, sondern um Räume. Spielt es eine Rolle, wer aus acht Metern den Ball über die Linie schießt? Stürmer oder Verteidiger? Messi ist auch nicht der klassische Stoßstürmer. Es kommt immer nur darauf an, wie du diese 60 mal 100 Meter Spielfeld bespielst. Dass Du einen Spielaufbau hast, der deiner Philosophie entspricht. Dortmund kommt mehr über lange Bälle, wir eher über den Flachpass. Die Räume für den Spielaufbau, die Räume für das Kombinationsspiel und die Räume für das Abschlussspiel müssen geschaffen und gut besetzt sein. Wie sich die Spieler dann schimpfen in diesen Räumen - egal. Du kannst mit jedem System dieser Welt Erfolg haben.

Das heißt doch, Spieler nicht nur konditionell, sondern auch geistig vorzubereiten.

Ja, genau. Die Wahrnehmung des Raumes ist die große Herausforderung des Fußballs geworden. Dazu gibt es ein wunderbares Interview mit Xavi, in dem er über dieses Thema spricht, wie Gegner fast manipuliert werden, um Räume zu schaffen. Wir dürfen nicht glauben, dass wir hier in Leverkusen Dinge in einem Jahr hinkriegen, die Barca seinen Spielern über zehn Jahre in der Jugend eingeimpft hat. Viele wollen es nicht wahrhaben. Fußball funktioniert nicht auf Knopfdruck, sondern du musst in die Pedale treten. Und meist ist der schwerste Gang im Fußball eingelegt.

Umso mehr Zeit braucht man, um voranzukommen.

Ja, aber es geschehen doch schon hochspannende Dinge in Leverkusen. Schauen sie sich die Mannschaft an. Beim Abpfiff gegen Augsburg betrug das Durchschnittsalter 22,5 Jahre. Ja, wir wollen noch viel attraktiver Fußball spielen, ja, wir wollen noch erfolgreicher sein. Aber es gibt viele Vereine, die mit unseren Problemen, die wir hatten, schlechtere Ergebnisse erzielt haben. Und wir werden die Früchte ernten.

Weitere Themen

Mr. Gay und seine Mission

Homophobie im Fußball : Mr. Gay und seine Mission

Als Jugendlicher musste sich Benjamin Näßler Beleidigungen anhören. Heute ist er einer der wichtigsten LGBTQ-Aktivisten im Fußball. Sein neuestes Projekt: Homosexualität bei der WM in Qatar erlauben.

Topmeldungen

André Ventura: gegen Subventionen, gegen „Zigeuner“, gegen Abtreibung, gegen Einwanderung und gegen Feministen

Portugal vor der Wahl : Nicht mehr immun gegen den Rechtspopulismus

Der Portugiese André Ventura setzt auf radikale Thesen und Konfrontation. Mit seiner Chega-Partei könnte er nun von einer vorgezogenen Neuwahl profitieren – und in Portugal eine populistische Rechte etablieren.