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Bayern München : Warum Lewandowski auf dem Weg zum Weltstar ist

Der Torhunger scheint noch lange nicht gestillt bei Robert Lewandowski. Bild: firo Sportphoto

Noch im Frühjahr wusste Bayern-Trainer Pep Guardiola nichts Rechtes mit Robert Lewandowski anzufangen. Nun ist alles anders. Und das liegt nicht nur an seinen zehn Tore in einer Woche.

          Das Wort, das am häufigsten fällt, wenn Robert Lewandowski von Experten beurteilt wird, lautet: komplett. Natürlich besitzen auch andere Mittelstürmer alle Körperteile, die man zum Toreschießen braucht: rechten und linken Fuß, harten Schädel, schnelles Hirn, gutes Auge.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Aber bei keinem passt das so harmonisch zusammen wie bei Lewandowski – der zudem eine Hartleibigkeit besitzt, die aus familiärer Nähe zum Kampfsport herrührt. Sein Vater Krzysztof war Junioren-Europameister im Judo, er selbst erwarb darin als Junge einen Gürtel. Seine Frau Anna ist Karate-Weltmeisterin.

          Wie komplett dieser Stürmer ist, sieht der Kenner auch dann, wenn der Pole keine Tore schießt. Aber wenn er sie schießt, so wie die fünf in neun Minuten gegen Wolfsburg und weitere fünf gegen Mainz und Zagreb, dann sieht das die ganze Welt.

          Und dann, denkt die ganze Welt, sieht das vielleicht sogar Pep Guardiola, der Mann, von dem es hieß, dass in seiner Idee vom Fußball für einen Mittelstürmer gar kein Platz mehr sei. Für Spieler wie Zlatan Ibrahimovic, mit dem er sich in Barcelona überwarf, wie Mario Mandzukic, der die Bayern im Groll verließ.

          In Mainz übersprang Lewandowski die Marke von 100 Bundesliga-Toren.

          Und so passte Lewandowski, als er 2014 aus Dortmund, dem Gegner am Sonntag (17.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) nach München kam, zwar ins gewohnte Beuteschema der Bayern, die stets die Besten wollen, die zu haben sind, erst recht, wenn sie damit den schärfsten Konkurrenten schwächen. Anderseits wirkte es auch wie eine Versuchsanordnung. Man gab Guardiola, dem angeblichen Mittelstürmer-Abschaffer, den spielstärksten, den vielseitigsten Mittelstürmer. Wer, wenn nicht er, sollte den Trainer überzeugen können?

          Aber Guardiola wusste es wohl von Beginn an: Dass er es hier mit einem völlig neuen Typus des Mittelstürmers zu tun hat. Der Trainer-Star, der gern den klassischen Neuner durch die „falsche“ Neun ersetzte, durch den als Stürmer getarnten Mittelfeldmann, hatte hier beides in einer Person, echte und falsche Neun, Aufbau- und Abschlussspieler zugleich – Robert Lewandowski, der Hybride der Neuner-Klasse.

          Eine Saison lang hat er dieses Modell ausgiebig getestet. Weil der Pole Zeit brauchte, um im komplexen Bayern-Spiel seine Rolle zu finden, wirkte das manchmal, als wisse Guardiola nichts Rechtes mit ihm anzufangen. Noch im Frühjahr saß er in manch wichtigem Spiel, wie in Donezk in der Champions League, auf der Bank. In anderen Partien fand er sich als Linksaußen wieder.

          Inzwischen muss Lewandowski auf der Taktiktafel eigentlich gar nicht mehr hinschauen, ob und wo er spielt. Sein Stammplatz und seine Position sind so fix wie sonst nur bei Torwart Manuel Neuer – außer gegen Wolfsburg, als er leicht angeschlagen bis zur Pause geschont wurde und dann wie eine biblische Plage über die VW-Kicker kam.

          Fußball-Held und Karate-Weltmeisterin: Lewandowski und seine Frau Anna.

          Ähnlich wie Neuers Radius nicht nur den Strafraum umfasst, den eigenen, ist Lewandowskis Radius viel größer als der Strafraum, der des Gegners. Als Stürmer könne man heute nicht vorn auf einen Ball lauern, sagt Lewandowski. „Ich warte nicht, ich spiele mit.“ Von seiner Arbeit im Zentrum, wo er Räume öffnete, Bälle sicherte, Gegner band, profitierten in der Vorsaison die torgefährlichen Außen, Arjen Robben und Franck Ribéry. Nun, ohne die verletzten Flügelstars, ist es umgekehrt.

          Douglas Costa, der in der Bundesliga bereits zehn Tore vorbereitete, vier davon für Lewandowski, und Kingsley Coman sind ein anderer Typus von Außenstürmer. Sie spielen nicht auf der „falschen“ Seite, wie Linksfuß Robben auf rechts, Rechtsfuß Ribéry auf links. Sie suchen seltener den Weg nach innen, um mit dem stärkeren Fuß selbst abzuschließen, sondern ziehen wie klassische Außenstürmer oft zur Grundlinie, um Flanken auf den Mann in der Mitte zu schlagen. Davon profitiert Lewandowski. Seine Trefferquote zeigt es - zehn Tore in den ersten sieben Ligapartien, wie vorher nur Gerd Müller.

          Alleskönner: Lewandowski kann viel mehr als nur Tore schießen

          Auch die neun Minuten gegen Wolfsburg fanden Einzug in die Rekordlisten. Fünf Turbotore sind ein schöner Knalleffekt, wichtiger aber sind die Treffer in den engen Spielen. Auch sie liefert Lewandowski. In den beiden einzigen Partien, in denen den Bayern Punktverluste drohten, traf er spät – zum 2:1 in Hoffenheim, zum Ausgleich beim 2:1-Sieg gegen Augsburg.

          Er macht wenig Aufhebens davon. Ein stiller Typ, einer ohne jedes Interesse an Äußerlichkeiten. Sein Torjubel braucht keine Choreographie, seine Wortwahl ist so mannschaftsdienlich wie die Laufwege. Am liebsten schösse Robert Lewandowski seine Tore und ginge gut gelaunt und wortlos heim. Doch in diesem Herbst, in dem er auf dem Weg zum Weltstar ist, wird ihm das wohl nicht mehr vergönnt sein. Zum kompletten Stürmer gehört auch das: die eigenen Heldentaten erklären.



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