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Robert Lewandowski : Wieder reden, aber nicht mehr klagen

Warmschießen gegen Schwarz-Gelb: Robert Lewandowski soll die Bayern retten. Bild: EPA

Robert Lewandowski und die Sache mit dem Ball: Bekommt er ihn, trifft er auch. In München blendet der Pole vor dem Spitzenspiel gegen den BVB mal wieder alle Krisensymptome aus und stellt sich als der „professionellste Spieler“ in den Dienst der Sache.

          3 Min.

          Der große Experte für den deutschen „Clásico“ ist ein Pole. Als im April 2012 zum bisher letzten Mal die deutsche Meisterschaft auf der Schlussgeraden noch völlig offen war, war es seine flinke Ferse, die alles entschied. Mit dem Rücken zum Tor lenkte er den Ball am verblüfften Manuel Neuer vorbei zum 1:0-Sieg für Borussia Dortmund, das bei einer Niederlage die Tabellenführung an jenem 30. Spieltag an die Bayern abgegeben hätte. Und spätestens als er einen Monat später mit drei Toren im Pokalfinale gegen die Bayern das Double komplettierte, musste jeder wissen, dass Robert Lewandowski auf dem Münchner Wunschzettel von da an ganz oben stehen würde.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Seit der Wunsch 2014 wahr wurde, hat Lewandowski 164 Tore in 210 Spielen für die Bayern geschossen, eine Quote, wie sie nur Gerd Müller einst übertraf. Selten aber schienen die Bayern so abhängig von ihm wie im Augenblick. Mit seit Wochen stotterndem Angriff und wackelnder Abwehr kommen sie an diesem Samstag nach Dortmund – und stehen vor dem großen Duell zum ersten Mal seit jenem Tag, als Lewandowskis Ferse sie schlug, in der Tabelle nicht vor dem ewigen Rivalen.

          Bundesliga

          Nach dem 2:0-Sieg gegen AEK Athen am Mittwoch, bei dem er beide Tore schoss, äußerte sich Lewandowski erstmals seit Monaten gegenüber der Presse. „Ende der letzten Saison und am Anfang dieser Saison habe ich viele Gerüchte und Blödsinn über mich gehört. Das war der Moment, wo ich nichts mehr sagen, sondern mich auf dem Platz auf Fußball fokussieren und Tore schießen wollte“, so begründete er sein Schweigen. Für sein altes Team hatte er ein Lob: „Borussia Dortmund ist gut in Form, die spielen auch super.“ Für sein heutiges auch: „Wir können aber auch gut spielen. Wir haben Klassespieler.“

          Erstaunlich an den Äußerungen ist der positive Tonfall. Ende der vorletzten Saison hatte Lewandowski mangelnde Unterstützung durch Team und Trainer im Kampf um die Torjägerkanone beklagt und Abwanderungsgelüste erkennen lassen, ohne Erfolg. Letzte Saison vermisste er Wertschätzung der Klubführung und engagierte einen auf Top-Transfers spezialisierten Berater mit dem Ziel, trotz des bis zum Jahr 2021 laufenden Vertrages einen Wechsel zu einem noch größeren Klub zu erreichen; auch das vergeblich. Auch im Nationalteam wurde ein murrender Lewandowski zum Standard. Als er nach dem Torrekord von 16 Treffern in der Qualifikation im Sommer eine enttäuschende Weltmeisterschaft spielte, schimpfte er über die Qualität seiner polnischen Nebenleute. Und als er im Oktober nach dem 0:1 gegen Italien, seinem sechsten Länderspiel in Folge ohne Tor, die Taktik in Frage stellte, konterte Trainer Jerzy Brzeczek, Spieler sollten „nicht versuchen, für ihre Leistung Ausreden beim System zu suchen“.

          Den größten Grund zur Klage aber besäße Lewandowski in diesem Herbst, angesichts des seit Wochen konturlosen Angriffsspiels der Bayern, dem die Durchbrüche über außen mit dem Mittelstürmer als Endabnehmer fehlen. Die einzige Torvorlage, die ihn in der Bundesliga vom Flügel erreichte, kam vom Wolfsburger William, der den sich anschleichenden Polen übersehen hatte. Unter der schrumpfenden Quantität und Qualität der Zuspiele hat die Quote des Torjägers gelitten. Traf er letzte Saison mit fast jedem vierten Schuss, ist es jetzt nur jeder sechste; und das, obwohl er zwei seiner fünf Liga-Tore vom Elfmeterpunkt schießen durfte. Auch die Häufigkeit seiner Abschlüsse nahm deutlich ab – in der letzten Spielzeit alle 17 Minuten, jetzt nur noch alle 25.

          Der „professionellste Spieler“?

          Doch man hört kein Wort der Klage mehr aus dem Munde des Dreißigjährigen. Was durchaus zu Lewandowski passt. Sind die Fronten geklärt, passt er sich ihnen an. Schon in Dortmund zeigte er nie die geheuchelte Klubtreue des Wappenküssers, sondern die kühle, aber ehrliche Einstellung des hochbezahlten Wanderarbeiters, der das Maximum für den aktuellen Arbeitgeber gibt, bis sich ein besserer findet. Die Klubs wissen, dass sie mit dieser klinischen Sorte Profi meist besser bedient sind als mit dem Wohlfühlprofi für die Kurve. BVB-Sportdirektor Michael Zorc sagte, er kenne keinen anderen Spieler, der äußere Einflüsse so ausblenden könne wie Lewandowski. Und Pep Guardiola sprach nach zwei gemeinsamen Bayern-Jahren vom „professionellsten Spieler“, den er je getroffen habe.

          An der Säbener Straße schwärmt man intern von der tadellosen Einstellung des Polen, der seit einer langen Aussprache mit den Klubchefs vor Einsatzfreude sprüht. Und das trotz deren eiserner Ablehnung eines Transfers, über den er sich, wie er einem polnischen Magazin sagte, allerdings ohnehin keine Illusionen gemacht habe: „Ich wusste, dass die Antwort, egal bei welchem Angebot, heißen wird: nein, nein und nein.“

          Die Bayern brauchen ihn, gerade gegen Borussia Dortmund. In acht Begegnungen mit dem alten Klub schoss er zehn Tore, drei allein beim 6:0 im März. Als zusätzliche Motivation bekommt er es mit einem seiner beiden neuen Herausforderer zu tun, dem Spanier Paco Alcácer, der in wenigen Teilzeiteinsätzen für Borussia Dortmund schon sieben Tore schoss. Der andere Schnellschütze ist der junge Landsmann Krysztof Piatek, der im Sommer für nur 4,5 Millionen Euro von Cracovia Krakau zu CFC Genua 1893 wechselte und mit dreizehn Toren aus den ersten acht Liga- und Pokalspielen alle Startrekorde in Italien brach. Als Führender der Torjägerliste der Serie A wird er bereits als „neuer Lewandowski“ bezeichnet.

          Auch mit Worten trifft Piatek schon ins Schwarze, etwa mit einem Satz, der als gesticktes Lebensmotto an der Wohnzimmerwand jedes glücklichen Torjägers dienen könnte: „Der Ball sucht nach mir.“ Irgendwann findet er auch wieder den alten Lewandowski.

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