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Revierderby : Herne-West grüßt Lüdenscheid-Nord

  • -Aktualisiert am

Dortmund gegen Schalke: Der G-2-Gipfel des Revierfußballs Bild: AP

Vor dem Revierderby begegnen sich Schalke 04 und Borussia Dortmund wie vor einem G-2-Gipfel des Revierfußballs. Sie trafen sich im „Meisterhaus“ zum Friedensgespräch - und schon gab es wieder Frotzeleien und Unfrieden.

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          Sie können auch anders. Vor dem 130. Revierderby begegnen sich die beiden großen Fußballklubs Schalke 04 und Borussia Dortmund wie vor einem G-2-Gipfel des Revierfußballs. Die Diplomaten haben das Wort, und der Polizeibegriff Deeskalation, sonst eher zum G-8-Gipfel gehörig, wird wie selbstverständlich gebraucht.

          Das Spiel, das an diesem Samstag in Schalke stattfindet, ist auch ein politisches Ereignis – mit allem, was eine Rivalität ausmacht, die von schlichten Gemütern zuweilen als Legitimation für asoziales Verhalten missverstanden wird. Wenn im Sommer auch noch Vertreter aus den Gremien der Klubs verbale Tritte haben folgen lassen, wird es umso schwerer, den im folkloristischen Sinne willkommenen Konflikt auf ein angemessenes Maß zurückzuführen.

          Der „Gipfel“ beim Italiener in Unna

          Die Dortmunder und die Schalker haben es dennoch versucht. Sie trafen sich in einem italienischen Restaurant zu einem Friedensgespräch; die einen aßen Fisch, die anderen Fleisch. Und gemeinsam sind sie zu dem Schluss gekommen, es könne nicht so weitergehen wie nach dem Derby am 12. Mai. In jener Partie hatte Schalke mit einem 0:2 gegen den BVB den fast sicher geglaubten Meistertitel verspielt und war anschließend einem Maß von Häme und Hass ausgesetzt, das die Dortmunder Verantwortlichen inzwischen selbst bedauern.

          Königsblau gegen Schwarz-Gelb: Häme und Hass

          Aber auch der „Gipfel“ beim Italiener in Unna, auf vermeintlich neutralem Boden, offenbarte, wie schwer es ist, die sprachlichen Grenzen der Diplomatie einzuhalten. Der Tagungsort trägt den Namen „Meisterhaus“; dort hatten die Borussen vor elf Jahren den Gewinn der deutschen Fußballmeisterschaft gefeiert. Die Anwesenheit von Schalkern an jenem Tag im August habe die Lokalität zum „Vizemeisterhaus“ gemacht, sagte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke in launiger Runde bei einem Sponsorenabend seines Klubs und doch nicht so privat, wie er inzwischen beteuert – es waren auch Reporter anwesend.

          „Schalke - fünfzig Jahre keine Meisterschaft“

          Was Sponsoren, aber auch unvoreingenommene Menschen als humorvoll ansehen mögen, findet mittlerweile nicht einmal mehr der Urheber selbst lustig. Vor dem „emotionalsten Derby, das es gibt“, hätte er so etwas nicht äußern sollen, sagt Watzke. „Aber ich habe manchmal ein bisschen große Klappe, weil ich Fußballer bin.“ Unter Fußballspielern sei es nun mal üblich zu frotzeln. Dafür wiederum zeigte Schalkes Präsident Josef Schnusenberg, ein ehemaliger Handballtorwart, Verständnis: „Herr Watzke wollte wohl Humor zeigen, das ist in Ordnung.“

          Nach Watzkes Definition könnte auch Clemens Tönnies, der Aufsichtsratsvorsitzende des FC Schalke, ein leidenschaftlicher Fußballspieler gewesen sein. Auf der Mitgliederversammlung seines Vereins, wenige Wochen nach dem Derby im Mai, äußerte er den Wunsch, „die Saat des Herrn Watzke“ möge bei den Schalker Fans „nicht aufgehen“. Watzke hatte sich zuvor erdreistet zu sagen, es wäre ihm ein Vergnügen, im Mai 2008 an einer Feier teilzunehmen, die BVB-Fans als Motto-Show planen: „Schalke – fünfzig Jahre keine Meisterschaft“.

          „Meister der Herzensbrecher“

          Auch die T-Shirt-Aktion dreier BVB-Angestellter wird in Schalke, immer noch, als hochproblematisch angesehen, weil sie den Humor allzu schlichter, unter Umständen gewaltbereiter Gemüter nicht treffe. Dortmunder Profis, darunter Nationalspieler Sebastian Kehl, hatten nach dem jüngsten Sieg gegen Schalke über das Internet Textilien verkaufen lassen mit der Aufschrift „Meister der Herzensbrecher“. Das war eine Anspielung auf die Meisterschaft der Herzen, die Schalke vor sechs Jahren von fast allen Seiten zuerkannt wurde, nachdem der FC Bayern den Westfalen die Schale mit einem umstrittenen Tor in der Nachspielzeit entrissen hatte.

          Dieses Vergnügen, den Schalkern das Herz gebrochen zu haben, gilt abseits intellektuellen Humors inzwischen fast schon als Sicherheitsrisiko und als tiefe Kränkung. Schalkes Cheftrainer Mirko Slomka, ein besonnener Mensch, sagt, es sei „respektlos“, was die prominenten Dortmunder T-Shirt-Verkäufer gemacht hätten; ebenso respektlos wie die in den Augen neutraler Beobachter originelle Aktion jener BVB-Fans, die nach dem letzten Bundesligaspieltag der Vorsaison ein Flugzeug über die Gelsenkirchener Arena fliegen ließen, das ein Banner hinter sich herzog: „Ein Leben lang – keine Schale in der Hand“. In einer Art Rede wider das Vergessen betont Slomka, wie froh er sei, dass der Flieger trotz der schwerwiegenden Botschaft sicher gelandet sei. Seine Spieler hätten „nicht vergessen“, was im Mai geschehen sei. Das klingt nachtragend.

          Freude und Trauer wechselten die Seiten

          Und doch: Den originellsten Beitrag zur Deeskalation haben sich die PR-Strategen des FC Schalke ausgedacht. In verschiedenen Revierzeitungen ist eine nur für Außenstehende chiffrierte Anzeige erschienen. „Herne-West grüßt Lüdenscheid-Nord. Auf gute Nachbarschaft im Ruhrpott!“ Herne-West: So heißt Schalke bei Dortmunder Fans, die den Namen des Rivalen nicht aussprechen wollen. Das Schalker Synonym für Dortmund wiederum ist Lüdenscheid-Nord. Über das Zeitungsinserat hinaus verbindet beide Parteien seit kurzem der gemeinsame Führungsanspruch im Ligaverband, verkörpert durch deren Dortmunder Präsidenten Reinhard Rauball und seinen Schalker Stellvertreter Peter Peters.

          Aber auch die Fürsprache ehemaliger Spieler eint die Vereine in ihrem Kampf gegen Hass und Gewalt. In einem offenen Brief melden sich ehemalige Profis wie Rüdiger Abramczik, Ingo Anderbrügge, Siggi Held, Heini Kwiatkowski und Rolf Rüssmann zu Wort, die für beide Klubs gekickt haben. Auch zu ihrer Zeit hätten „sich beide Mannschaften auf dem Rasen nichts geschenkt, nicht einen Millimeter“, schreiben sie. „Der Sieger ging erhobenen Hauptes vom Platz, der Verlierer wollte sich verkriechen. Trotzdem gab man sich nach dem Spiel die Hand, das war selbstverständlich. Freude und Trauer wechselten über die Jahre oft die Seiten.“ Sie konnten auch anders.

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