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René Adler im Gespräch : „Fußball-Deutschland weiß, was ich kann“

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Ich bin kein großspuriger Typ und sage: Das war mir schon immer klar. Nein, ich rede mich eher klein, und natürlich zweifle ich auch an mir. Dass man sich immer wieder hinterfragt, ist menschlich. Aber es ist auch nicht einfach, weil man immer so permanent im Kampf mit sich selbst steht. Es gibt nichts Schlimmeres für einen Sportler, als dass man satt ist, dass man zufrieden ist, beides ist Gift. Zweifel hingegen können ein Antrieb sein, eine Inspiration, um noch mehr zu geben. So etwas treibt an. Im Training habe ich dann immer wieder gesehen, wozu ich fähig bin. Trotzdem nehme ich mich eher zurück, ich will nicht allzu viel Lob. Mein oberstes Ziel war es, und das war ein fernes Ziel, Bundesligatorwart zu werden. An etwas anderes habe ich nie geglaubt.

Torhüter sind heute nicht mehr so unberechenbar wie Oliver Kahn, rasten nicht mehr permanent aus - warum gibt es keine verrückten Typen mehr?

Warum soll ein Torhüter nur gut sein, wenn er rumschreit? Das war der Weg von Oliver Kahn, und er ist perfekt damit gefahren, denn natürlich ist der Fußball auch ein Testosteronwettbewerb. Wenn das jedoch nicht dem Naturell entspricht, dann würde ich das als Trainer niemals von jemandem verlangen. Mir sind andere Dinge wichtiger: Ein Torhüter muss vor allem konzentriert und fokussiert sein, du musst im Spiel die richtige Balance finden zwischen Anspannung und Entspannung, damit du nicht verkrampfst.

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Bundesliga, 6. Spieltag : Bayerns Serie und Hoffenheims Hoffnung

Wie gelingt Ihnen das?

Ich bereite die Spiele vor. Ich mache mir am Abend zuvor Gedanken darüber, was ich von mir verlange, und schreibe das Punkt für Punkt in ein Buch. Heute ist wichtig: Konzentration bei jeder Aktion; perfekte Position, egal wo der Ball ist; die Abwehr dirigieren und stellen und so weiter. An das erinnere ich mich auf dem Platz, und nach dem Spiel überprüfe ich, ob ich an alles gedacht habe. Das ist ein einfaches Prinzip, es ist wie ein Ritual, das ich mit meinen Mentaltrainern entwickelt habe. Wenn jemand einen Vortrag hält, dann bereitet er sich auch vor. Und natürlich kann man auch ein Fußballspiel im Kopf vorbereiten, man muss sich nur mal ein paar Gedanken machen.

Einfach mal rausgehen und Fußball spielen - das können inzwischen die meisten. In der Bundesliga sind viele Spieler auf einem Niveau, sie haben eine ähnliche Ausbildung, ähnlich viel Talent, und deshalb entscheiden sich Sieg oder Niederlage oft im Kopf. Und dazu zähle ich Leidenschaft, Herz und mentale Stärke.

Meinen Sie, dass sich andere Fußballer auch so vorbereiten?

Das glaube ich nicht. Aber in anderen Sportarten ist so etwas längst üblich, und der Fußball kann gerade in der mentalen Arbeit jede Menge lernen, da liegen noch unglaublich viele Prozente brach. Im Fußball wird derzeit noch zu viel dem Zufall überlassen.

Von welchen Sportarten könnte sich der Fußball denn etwas abschauen?

Ich tausche mich zum Beispiel oft mit Martin Kaymer aus - er als Einzelsportler, ich als Torwart in einer Mannschaft - da können beide voneinander lernen. Wie schafft man es, sich nur auf den nächsten Schlag oder die nächste Aktion zu konzentrieren? Wie findet man trotz des Trubels die innere Ruhe? Solche Gespräche machen Spaß, das kann man aufsaugen, man muss nur immer mit offen Augen durch das Leben gehen. Jeder Tennisspieler weiß, dass bei Grand-Slam-Spielen über vier oder fünf Stunden jeder Punkt entscheidend sein kann. Das ist ein Kampf gegen sich selbst, man darf nie glauben, das Match schon gewonnen zu haben. Wenn du das glaubst, dann gibst du das Spiel sofort aus der Hand. Diese mentale Stärke unterscheidet Weltklassespieler von guten Sportlern. Ich habe kürzlich das Buch von Rafael Nadal gelesen, und das hat mich in dieser Hinsicht sehr beeindruckt.

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