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Bundesliga-Relegation : Warum Marc Schnatterer für Heidenheim so wichtig ist

Heidenheims Anführer von der Bank: Marc Schnatterer Bild: dpa

Erst war er Mitläufer, dann abolvierte er 34.044 Pflichtspielminuten für denselben Klub: Heidenheims Marc Schnatterer ist für den Verein eine Institution, die sich nicht dafür zu schade ist, das Wunder von der Bank aus anzugehen.

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          Als er mit freiem Oberkörper im strömenden Regen stand, wollte er keine Zeit mehr verlieren. Aber sein Trikot war nicht da. Marc Schnatterer suchte und rief und gestikulierte. Und erst dann, einige Sekunden später, war er einsatzbereit, um als Einwechselspieler seinem 1. FC Heidenheim im Relegationshinspiel bei Werder Bremen zu helfen. Normalerweise zieht er sein Trikot schon in der Kabine an.

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          Erst die Hose, dann die Schuhe, dann den Kopf durch das Dress mit dem Vereinslogo, am Ende die Kapitänsbinde. So war es bei unzähligen Spielen, über Jahre hinweg. Absolute Gewohnheit. Doch mittlerweile darf der Mann, der so lange wie kein anderer Fußball-Profi beim derzeitigen Zweitligaklub aus Baden-Württemberg ist, nicht mehr ganz so oft von Beginn an ran. Am Donnerstag in Bremen wurde er erst in der 69. Minute eingewechselt. Absolut ungewohnt. Kann also passieren, dass man da schon mal vergisst, wo eigentlich das eigene Trikot liegt.

          Marc Schnatterer ist jetzt 34 Jahre alt und damit im gehobenen Fußballalter. Hinter ihm liegt eine Karriere, die durch Kontinuitäten geprägt ist. Allein für den 1. FC Heidenheim, wo er bereits seit 2008 und noch bis nächstes Jahr unter Vertrag steht, stand er in atemraubenden 34.044 Pflichtspiel-Minuten auf dem Feld. Das sind zusammengerechnet beinahe 24 Tage. So lange schaffen es für gewöhnlich nicht viele Klubs und Profis, sich die Treue zu halten.

          Und doch hatte Schnatterer in dieser außergewöhnlichen und außergewöhnlich langen Karriere kaum wirkliche Erfolgsmomente. Klar, da war vor 16 Jahren der Sieg im württembergischen Landespokal mit der A-Jugend des SGV Freiberg, Schnatterers erster richtiger Fußballstation, nachdem es ihn weg aus Heilbronn, wo er geboren ist, und vom TSV Bönningen in das Stuttgarter Umland gezogen hatte. Dann, nach einer kurzen Zwischenstation in der zweiten Mannschaft des Karlsruher SC, kam er nach Heidenheim und wurde dort 2014 noch einmal Drittligameister.

          Erfolg – das ist vielleicht auch einer der Gründe für die innige Liaison des Schwaben mit dem Verein von der schwäbischen Ostalb – bemisst sich für Schnatterer aber nicht in Trophäen. Er ist keiner, der sich viel aus Bestwerten oder Vergleichen macht. Der Erfolg als Mannschaft steht immer im Vordergrund, das wird er nicht müde zu betonen. So hat es der 1,80 Meter große Offensivspieler von der Regionalliga bis in die Spitzengruppe der zweiten Liga geschafft.

          Allein das also wäre für ihn Erfolg genug. Dass es an diesem Montag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga-Relegation, bei DAZN und Amazon Prime) nach einer sehr guten Saison mit Heidenheim und dem 0:0 gegen Bremen nun tatsächlich ernst wird mit dem möglichen Aufstieg in die Fußball-Bundesliga, bleibt für ihn deshalb weiterhin eine Sensation: „Das haben uns wenige zugetraut. Ein Millimeter oder ein Zentimeter weniger, dann wird es schon eng.“

          Freistoß für Heidenheim: Eine Aufgabe für Marc Schnatterer.
          Freistoß für Heidenheim: Eine Aufgabe für Marc Schnatterer. : Bild: dpa

          Als Schnatterer in Heidenheim angefangen hat, gab es dort noch eine Tartanbahn rund um den Rasen. Große Teile des Stadions und vor allem der umliegenden Infrastruktur waren noch nicht gebaut. Es hat sich dort vieles verändert in den vergangenen zwölf Jahren. Aber auch der Blondschopf, der erst Mitläufer war und später mehr und mehr zum Antreiber wurde, hat sich verändert. Er ist älter geworden, braucht länger für die Regeneration. Schnatterer ist mit dem 1. FC Heidenheim gealtert.

          Aber er ist auch mit dem 1. FC Heidenheim gewachsen und gereift. Selbst auf der Bank hat der Anführer nichts von seiner Bedeutung eingebüßt. Er bleibt der Star einer Mannschaft, in der er es ansonsten keine Stars gibt. Er bleibt der, der immer den Ball will, der oft den Blick für den richtigen Pass im richtigen Moment hat, der dahin geht, wo es auch weh tun kann. Er bleibt der, auf den sie sich schon immer verlassen konnten. Bis heute hat er in einem Profi-Pflichtspiel noch nie eine Rote Karte oder eine Gelb-Rote Karte gesehen.

          Platz zu machen für andere, Jüngere sei für ihn kein Problem, das hat er oft erklärt. Aber wer genau zuhört, stellt fest, dass ihm das eigentlich nicht gefällt. Er akzeptiert es. Aber er will immer spielen, alles geben, für sich und seine Kollegen. Und er verlangt sich und seinen Kollegen alles ab. Jetzt, im alles entscheidenden Relegationsrückspiel, das den ersten Bundesligaaufstieg für Heidenheim und Schnatterer bedeuten könnte, ist er deshalb gleichermaßen „bereit, alles reinzuhauen und das Wunder anzugehen“. Selbst von der Auswechselbank.

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