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Nur 2:2 gegen Union Berlin : Die erstaunliche Ratlosigkeit des VfB

Ein Unentschieden, dass sich wie eine Niederlage anfühlt: Stuttgarter Spieler nach dem 2:2 gegen Union Berlin. Bild: dpa

Der Stuttgarter Bundesligaklub taumelt einem weiteren Abstieg entgegen. Nach dem enttäuschenden Ergebnis im Hinspiel der Relegation zeigen Profis und der Trainer erstaunliche Reaktionen. Es droht ein Debakel.

  • -Aktualisiert am

          Das Spiel war schon lange zu Ende, die meisten der 59.000 Zuschauer auf dem Nachhauseweg, da schlich Nico Willig durch einen Seitenausgang abseits der großen Stadiontore in Stuttgart. Der Interimstrainer des schwäbischen Fußball-Bundesligaklubs hatte die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, den Reißverschluss seiner Kapuzenjacke bis ganz nach oben zugezogen. Unbemerkt von fast allen Journalisten und den wenigen, versprengten Anhängern vor dem Stadion lief der 38-Jährige davon, der Kopf gesenkt, die Miene ausdruckslos.

          Eineinhalb Stunden zuvor hatte seine Mannschaft im Hinspiel der Relegation am Donnerstagabend gegen den Zweitligadritten Union Berlin nur 2:2 (1:1) gespielt. Nach zweimaliger Führung, erst hatte Christian Gentner (42. Minute) getroffen, in der zweiten Hälfte dann Mario Gomez (51.), ist dies ein mehr als enttäuschendes Ergebnis für den Erstligaverein aus Stuttgart, der sich nach einer abermals desaströsen Saison gegen einen dritten Abstieg aus dem Fußball-Oberhaus nach 1975 und 2016 zu stemmen versucht.

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          Doch abseits der Floskeln und Phrasen, die sowohl Spieler als auch der Interimstrainer nach dem Schlusspfiff von sich gaben, hat sich eine erstaunliche Ratlosigkeit eingeschlichen bei den Verantwortlichen des VfB. „Das Ergebnis ist sicher nicht optimal“, sagte etwa der frühere Nationaltorwart Ron-Robert Zieler anschließend. „Das ist kein Traumergebnis“, meinte Kapitän Gentner. Und Anastasios Donis, der Vorlagengeber zum zwischenzeitlichen 1:0, sagte: „Wenn wir mit der Führung in die Pause gehen, wird es ein anderes Spiel.“

          Das waren keine unzutreffenden Beobachtungen. Doch woran es letztlich gelegen hat, dass sich der Favorit aus der Bundesliga gegen den Zweitligaklub in so vielen Situationen so schwer getan hat und nach beiden Führungstreffern erst durch Suleiman Abdullahi (43.) und dann Marvin Friedrich (68.) jeweils den Ausgleich hinnehmen musste, wollte niemand beantworten. Insbesondere Interimstrainer Willig nicht, der sich bei der Pressekonferenz nach der Partie den Medienvertretern stellen musste. „Wir haben uns das anders vorgestellt“, meinte der eigentliche U19-Coach des VfB, der nach dem Rauswurf des erfolglosen Markus Weinzierl vor etwa einem Monat die Verantwortung über die Profimannschaft des Klubs übernommen hatte, nach der Relegation jedoch wieder auf seinen alten Posten zurückkehren wird.

          Unter Druck: Trainer Willig

          „Es lief nicht optimal“, resümierte Willig lediglich und fügte hinzu: „Ich weiß, dass jeder Spieler verstanden hat, worum es geht. Wir werden uns nun schütteln und in Berlin das Spiel gewinnen. Mangelnden Einsatzwillen könne man seiner Mannschaft nicht vorwerfen. Doch ob diese am Montag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga-Relegation und im Eurosport-Player) gegen heimstarke Berliner bestehen kann – Union hat in dieser Saison überhaupt erst ein einziges Mal im eigenen Stadion verloren – scheint derzeit mehr als fraglich. Eine Analyse nach dem Spiel jedenfalls wollte dem Stuttgarter Trainer nicht über die Lippen kommen. „Ja, es gab auch schwächere Phasen“, meinte der nur und konstatierte: „Aber das ist dann halt so.“ Ein Ausblick, wie es denn besser werden solle in vier Tagen, war Willig ebenfalls nicht zu entlocken. Einzig: „Wir haben noch alles in der Hand.“

          Dass gegen defensiv sicher stehende Berliner, die in der zurückliegenden Spielzeit so wenige Gegentore zugelassen haben wie keine andere Zweitligamannschaft, mehr Kreativität im Aufbau gefordert sein wird und die ganze Konzentration nicht nur einem schnellen Umschaltspiel über die Flügel gelten sollte, liegt jedoch auf der Hand. Auch fehlte die nötige Abstimmung in der Defensive, zudem schienen manche Spieler nicht über die volle Dauer voll konzentriert. Zu einfach fiel das zwischenzeitliche 1:1, als Union in fünf Ballkontakten nach dem Anstoß bis vor das Tor des VfB kombinierte, zu unbedrängt kam Friedrich beim 2:2 nach einer Ecke zum Kopfball. Die beiden Stuttgarter Treffer durch Gentner und Gomez waren hingegen das Ergebnis von Einzelleistungen, die alleine zum Sieg nicht gereicht haben.

          „Es wäre naiv gewesen, zu denken, dass eine der beiden Mannschaften die Relegation in den ersten 90 Minuten entscheidet“, sagte Stuttgarts Schlussmann Zieler, der mit zwei Glanzparaden in den letzten Minuten der Begegnung noch Schlimmeres verhinderte, und verwies wie auch sein Trainer auf das entscheidende Rückspiel am Montag. Der Grieche Donis, einer der wenigen Lichtblicke an diesem Abend, meinte: „Ich denke, wir sind die bessere Mannschaft. Das müssen wir nun beweisen.“ Grund zur Hoffnung hat diese Leistung des VfB dafür nicht gegeben. Und die einzelnen Aussagen nach der Begegnung ebenso wenig, ehe Willig lange nach der Pressekonferenz gedankenversunken in die Dunkelheit schlich.

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