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Relegation gegen Regensburg : Der Münchner Größenwahn

  • -Aktualisiert am

1860 München geht mit einem mit einem kleinen Vorteil ins Relegations-Rückspiel – und ist trotzdem weit davon entfernt, sich auf der sicheren Seite zu fühlen. Bild: dpa

Eine Rückkehr in die Bundesliga? Zunächst muss 1860 München gegen Jahn Regensburg den Sturz in die Drittklassigkeit abwenden. Trotzdem gehen die Münchner mit einem kleinen Vorteil ins Relegations-Rückspiel.

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          Es ist noch nicht so lange her, da stand Vítor Pereira auf der Empore eines Münchner Gasthauses. Unten jubelten die Fans des leidgeprüften TSV 1860. „We go to the top“, versprach der Portugiese, der an jenem Dezembertag als neuer Trainer des Münchner Zweitligaklubs vorgestellt wurde. Es war bei den „Löwen“ so etwas wie eine Aufbruchstimmung zu spüren nach Chaoswochen mit der Entlassung von Trainer und Sportdirektor, mit einem Medienboykott sowie peinlichen Auftritten und Aussagen von Investor Hasan Ismaik.

          Aber von dieser anfänglichen Begeisterung ist fünf Monate später nichts übrig geblieben, die Münchner schauen nach unten, Richtung dritte Liga. Nach dem 1:1 am Freitag bei Jahn Regensburg gehen sie immerhin mit einem kleinen Vorteil ins Relegations-Rückspiel am Dienstag – und trotzdem sind sie weit entfernt davon, sich auf der sicheren Seite zu fühlen.

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          Vorauszudenken und strategische Entscheidungen zu treffen kann für einen Fußballklub die Basis für anhaltenden Erfolg sein. Doch beim TSV 1860 denken die handelnden Personen gerne einmal ein paar Schritte zu weit in die Zukunft, sie vergessen das Hier und Jetzt, so wie im Winter, als sie überhaupt nicht mehr diese Saison im Blick hatten, sondern bereits die nächste, die dann endlich den lange ersehnten Aufstieg bringen soll. Pereira war überzeugt, „eine viel bessere Rückrunde zu spielen“ – und sich nach oben arbeiten zu können. Für ganz oben, das war sogar den „Löwen“ bewusst, würde es als Tabellenvierzehnter und mit 16 Punkten Rückstand nicht mehr reichen.

          Der Abstieg des Traditionsvereins aus Münchens einstigem Arbeiterviertel Giesing begann jedoch nicht erst mit Pereiras vollmundigem Antrittsversprechen, sondern viel, viel früher. Aber es passte zum TSV 1860, der seit Jahrzehnten darunter leidet, dass der Nachbar FC Bayern immer weiter enteilt, und deshalb stets mehr sein will, als er tatsächlich ist. Dieser Hang zum Größenwahn war mitverantwortlich für den Abstieg aus der Bundesliga 2004, für das finanzielle Desaster, aus dem Ismaik die „Löwen“ 2011 rettete, und dafür, dass der Verein in den vergangenen drei Spielzeiten stets um den Klassenverbleib bangen musste.

          Vor dieser Saison war die Mannschaft wieder einmal umgekrempelt worden. Zehn neue Spieler haben die Münchner im vergangenen Sommer verpflichtet, ein Teil davon kam allerdings erst, als die Vorbereitung fast schon vorbei war. Offiziell hieß das Ziel ein Platz im gesicherten Mittelfeld, intern wurde aber bereits wieder einmal vom Aufstieg gesprochen. Im Winter spendierte Investor Ismaik dem neuen Trainer noch einmal fünf Spieler, damit die Integration im Sommer abgeschlossen und Pereiras Spielsystem verinnerlicht ist.

          Der Portugiese wusste von Anfang an, „dass es ein hartes Stück Arbeit werden würde. Ich musste bei null anfangen.“ Tatsächlich war „Sechzig“ nun im Vergleich zur vorangegangenen Saison mit besseren Einzelspielern bestückt, aber – vielleicht auch aufgrund der vielen Neuzugänge – fehlte der Teamgeist. Im Abstiegskampf und vor allem jetzt in den beiden entscheidenden Spielen gegen Regensburg, weiß Mittelfeldmann Michael Liendl, geht es nicht „um Qualität, sondern um Mentalität“. Relegation, sagte er, „ist auch Kopfsache“.

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          Die „Löwen“-Mannschaft 2017 ist kein eingeschworener Haufen, wie er es noch 2015 in der Relegation gegen Holstein Kiel war. Damals war „Sechzig“ zwar auch nicht für alle Spieler eine Herzensangelegenheit, aber viele waren schon lange im Verein, sie kämpften deshalb für die Zukunft des Klubs und die eigene. Jetzt gibt es neben Rückkehrer Stefan Aigner kaum mehr Identifikationsfiguren – oder sie spielen wie Daniel Adlung oder Maximilian Wittek kaum mehr eine Rolle bei Pereira. Dazu kommt, dass sich die Unruhe vom Herbst auch im neuen Jahr fortsetzte, bis Anfang April der neue Geschäftsführer Ian Ayre die Arbeit aufnahm – und einige Wogen glättete. Obwohl das weniger die Mannschaft betraf, weil Pereira als Wunschtrainer Ismaiks Vertrauen genoss und freie Hand hatte, lassen sich „Löwen“-Spieler fast schon traditionell auch von Querelen im Umfeld beeinflussen.

          In den vergangenen Wochen, als nach einem zwischenzeitlichen kleinen Hoch klar war, dass „Sechzig“ doch bis zum Schluss wieder gegen den Abstieg würde kämpfen müssen, kam die Frage auf, ob Pereira überhaupt der richtige Trainer ist. Der Portugiese hat die Mannschaft spielerisch zwar ein Stück weiterentwickelt, aber die Leidenschaft, den Teamgeist hatte er nicht wecken können. Die richtige Ansprache war in den vergangenen Wochen womöglich wichtiger als die Vermittlung von Spielsystemen.

          Pereira aber muss sich stets von seinem Assistenten übersetzen lassen, da können entscheidende Nuancen verlorengehen. Außerdem hat er mit Abstiegskampf wenig Erfahrung. „Ich habe in meiner ganzen Karriere um Titel gespielt“, sagt er. Mittlerweile scheint Ismaik nicht mehr von Pereira überzeugt. Wie der „Münchner Merkur“ berichtet, soll der Jordanier bei einer Telefonkonferenz zuletzt mehrfach „a new coach“ gefordert haben. Eine Bestätigung von Vereinsseite gab es aber nicht. Immerhin glaubt der Trainer noch daran, „dass wir hier etwas Großes aufbauen können“. Erst einmal muss aber das Kleine, der Klassenverbleib, geschafft werden.

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