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Reaktionen : „Achtet aufeinander!“

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Enke soll im kleinen Kreis beigesetzt werden Bild: AFP

Der deutsche Fußball will Lehren aus dem Fall Robert Enke ziehen. Spitzenfunktionäre, Trainer und Spieler forderten nach dem Freitod des Nationaltorwarts ein rasches Umdenken.

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          Der Mikrokosmos Profi-Fußball will sich öffnen. Einhellig forderten Spitzenfunktionäre, Trainer und Spieler am zweiten Tag nach dem Freitod von Nationaltorwart Robert Enke ein rasches Umdenken und kündigten an, Lehren aus dem tragischen Fall ziehen zu wollen. „Depressionen dürfen kein Tabu-Thema sein“, sagte Holger Hieronymus, der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL), am Donnerstag.

          Gemeinsam mit der Vereinigung der Vertragsfußballer (VdV) und unter Einbeziehung der Kommission Sportmedizin des DFB werde ein offenerer Umgang mit dem Thema angestrebt. Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), machte die Suche nach Antworten sogar zur Verpflichtung für den deutschen Fußball.

          „Eine Aufgabe gestellt bekommen“

          Die Beisetzung von Enke ist am Sonntag im familiären Kreis in Empede, einem Ortsteil von Neustadt am Rübenberge, geplant. Dort liegt auch das Grab seiner 2006 gestorbenen Tochter Lara. An der Gedenkfeier zuvor in der Arena von Hannover soll die komplette deutsche Nationalmannschaft teilnehmen. Erst danach will sich die DFB-Auswahl zurück in den professionellen Alltag tasten und die Vorbereitung auf das letzte Länderspiel des Jahres am Mittwoch gegen die Elfenbeinküste beginnen. „Niemand fühlt sich in der Lage, in dieser Situation einfach zur Tagesordnung überzugehen“, erklärte Bundestrainer Joachim Löw, der die Absage des Länderspiels am Samstag gegen Chile befürwortet hatte.

          Hannover 96 erwägt als Reaktion auf den Tod des achtmaligen Nationalspielers, eine Verlegung des Bundesligaspiels am 21. November bei Schalke 04 anzustreben. Die Profis trainieren derzeit nur individuell. Abgesagt sind bereits die Partie des Regionalliga-Teams und alle Spiele der Jugendmannschaften am kommenden Wochenende. „Wir haben eine Aufgabe gestellt bekommen von Robert, über die sollten wir nachdenken“, sagte der Hannoveraner Manager Jörg Schmadtke. Für Klubchef Martin Kind ist die intensivere Betreuung junger Menschen eine mögliche Antwort. „Vom Grundsatz bin ich tief überzeugt, dass wir lernen müssen, uns zu öffnen“, meinte Kind.

          Fußballprofis durch Freitod innerlich aufgewühlt

          Der Nürnberger Manager Martin Baader sieht das größte Problem im riesigen Erwartungsdruck. „Die Spieler müssen immer funktionieren“, sagte er. „Das müssen alles Helden sein. Aber es sind ja doch nur alles junge Menschen.“ Thomas Schaaf, der Trainer von Werder Bremen, äußerte sich ähnlich. „Unser Bild in der Öffentlichkeit ist so, dass wir immer stark sein müssen“, sagte er, „für Schwäche ist in dieser Gesellschaft kein Platz“.

          Vor dem ersten Training nach Enkes Suizid richtete Schaaf einen emotionalen Appell an seine Spieler: „Scheut euch nicht, jemandem zu helfen! Scheut euch nicht, Hilfe zu suchen! Achtet aufeinander!“ Harald Strutz, der Präsident des FSV Mainz 05, würde es allerdings für „eine Überreaktion“ halten, Sportpsychologen bei allen Vereinen zur Pflicht zu machen. „Leistungssportler stehen unter Druck, doch auch nicht mehr als andere Berufsgruppen“, sagte er.

          DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach betonte unterdessen, dass die „persönliche Betroffenheit“ der Spieler und Trainer das wichtigste Kriterium für die Absage des Spiels gegen Chile gewesen sei. „Das sind keine eiskalten Millionäre, die Nationalspieler geworden sind. Das hat mit Gehalt, Status, Star nichts zu tun – sie haben einen Freund verloren“, sagte Niersbach. Der Freitod des 32 Jahre alt gewordenen Enke habe die Profis innerlich aufgewühlt. „Jeder hat sich gefragt, hast du etwas verpasst“, berichtete Niersbach.

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