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RB Leipzig : Wehe, wenn der Bulle kommt

  • -Aktualisiert am

Für viele Fußball-Nostalgiker ein rotes Tuch: die Bullen von RB Leipzig Bild: picture alliance / dpa

Deutschlands Fußballfans machen mobil gegen Red Bulls Fußballableger in Leipzig. Doch je lauter sie protestieren, desto mehr Heuchelei wird deutlich - immer mehr Vereine greifen auf die Hilfe externer Geldgeber zurück. Eine Bestandsaufnahme vor dem ersten Auswärtsspiel von RB Leipzig in München (15.30 Uhr).

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          Auch München macht jetzt mobil. Gegen die verhassten Fußballer aus Leipzig. Einige hundert Fans des TSV 1860 wollen sich an diesem Sonntag in der Innenstadt der bayerischen Metropole treffen, um vor der Partie gegen das Zweitligateam aus dem Osten (15.30 Uhr/ live im F.A.Z.-Liveticker) zu protestieren. „Alle gegen Kommerz!“ lautet der Aufruf der Löwen-Anhänger. Und einer der Initiatoren sagt: „Red Bull gehört nicht zum Fußball.“

          Wütende Aufmärsche, Fan-Boykotte, Anfeindungen - nie zuvor hat ein Klub im deutschen Profifußball so dermaßen polarisiert. Und die Saison hat erst begonnen. Als die Hoffenheimer vor einigen Jahren hochkamen, richtete sich die Aggression des grölenden Volkes im Stadion vor allem gegen den Mäzen. Viel bedrohlicher als der mit dem Geld des Milliardärs Dietmar Hopp hochgerüstete Dorfverein wird nun allerdings RB Leipzig empfunden, weil hinter der Fußballunternehmung der Weltkonzern Red Bull steht.

          Selbsternannte Sachwalter der Fußballtraditionen haben dem umstrittenen Retortenprojekt deshalb den Kampf angesagt. RB Leipzig ist zum Hassobjekt geworden. Nach dem Motto: Wehe, wenn der Bulle kommt. Eine fragwürdige Entwicklung. In den einschlägigen Internetforen wird gegen den Verein gehetzt, Anhänger unterschiedlichster Klubs verabreden sich zu Protestaktionen in den Stadien, Fan-Bündnisse veröffentlichen wichtigtuerische Aufrufe. „Alle Fußballfans des Landes sind gefragt, sich gegen diesen Ausverkauf der Fußball-Tradition zu wehren. Erstrebenswertes Ziel wäre, Red Bull zu einem Rückzug aus dem deutschen Fußball zu bewegen“, heißt es da selbstherrlich.

          „Jede Tradition beginnt irgendwann“

          Seit der Verein vor fünf Jahren vom Brause-Giganten aus Österreich gegründet wurde und seinen Aufstieg in den bezahlten Fußball in der fünftklassigen Oberliga begann, haben sich Spieler, Verantwortliche und auch eigene Anhänger des Klubs mit allerlei unschönen Begleiterscheinungen abfinden müssen. Neben wüsten Beschimpfungen und Attacken in gegnerischen Stadien gab es anonyme Gewaltandrohungen gegen Leipziger Profis, auch Backsteine flogen schon auf den Mannschaftsbus. Selbst da, wo Leipzig gar nicht beteiligt ist, kommt es jetzt zu Ballyhoo. In Darmstadt musste vergangenes Wochenende das Zweitligaspiel gegen Sandhausen unterbrochen werden, weil Fans beider Mannschaften auf Kommando nach zehn Minuten dicke Klopapierrollen aufs Spielfeld schleuderten, die von Ordnern weggeräumt werden mussten. Fast das ganze Stadion brüllte: „Scheiß Red Bull“.

          Gute Bullen: Die RB-Profis danken ihrem Leipziger Publikum
          Gute Bullen: Die RB-Profis danken ihrem Leipziger Publikum : Bild: dpa

          Platte Parolen und dumpfes Traditions-Gehabe. Die Verantwortlichen von RB Leipzig halten sich in dieser aufgeladenen Atmosphäre mit Kommentaren zurück. Für den Chef des Nordostdeutschen Fußballverbandes, Rainer Milkoreit, sind die Anfeindungen gegen den Leipziger Klub „völlig unverständlich“. Man solle froh sein, dass Red Bull die Stadt Leipzig als Standort für sein Fußballprojekt ausgesucht hat. „Sie hätten ja auch woanders hingehen können, dann wäre der Osten leer ausgegangen“, sagt Milkoreit. Er hatte auch schon Stadionverbote gegen gewaltbereite Fans gefordert, die einen Leipziger Spieler übers Internet mit Drohungen einschüchtern wollten. Für die Kritik, dass RB Leipzig anders als alteingesessene Fußballvereine nur ein traditionsloses Kunstprodukt zu Marketingzwecken sei, hat der Funktionär nichts übrig. „Jede Tradition beginnt irgendwann. Man muss ihr nur eine Chance geben“, sagt Milkoreit, auch Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes.

          Fiktive Sportromantik

          Der bizarre Protest gegen das Leipziger Projekt wirft auch wieder ein Schlaglicht auf die Fanszene in Deutschland. Die hatte sich in den vergangenen Jahren vor allem an der Sicherheitsfrage abgearbeitet und aberwitzige Diskussionen geführt, warum zum Beispiel brandgefährliche Pyrotechnik doch unbedingt auf die Tribünen der Stadien gehört. „Fußballfans sind sehr rückwärtsgewandt. Sie sehen sich als letzte ehrenvolle Amateure und hassen es, wenn ein Verein keine Traditionen hat. Die Fans pflegen eine fiktive Sportromantik, ein hoffnungsloses Unterfangen in heutiger Zeit. Die negativen Folgen dieser Anschauung zeigen sich jetzt auch bei den Anfeindungen gegen RB Leipzig“, sagt der Philosoph und Sportwissenschaftler Gunter Gebauer. Allerdings betont er, dass die Fans zugleich mit ihrer konservativen Grundhaltung für die regionale Verankerung eines Vereins sorgen.

          Zumindest in Leipzig akzeptiert: Die Verantwortlichen von RB rechnen mit einem Zuschauerschnitt von 20.000 Besuchern
          Zumindest in Leipzig akzeptiert: Die Verantwortlichen von RB rechnen mit einem Zuschauerschnitt von 20.000 Besuchern : Bild: dpa

          Die strenge Argumentation der eingefleischten Fußballanhänger, die den Kommerz beim Red-Bull-Ableger geißeln, hat jedoch offenkundige Schwächen. „Man sollte sich hier nicht auf das dünne Brett der Moral stellen“, meint Martin Kind, Präsident von Hannover 96. Sein Klub wird in drei oder spätestens vier Jahren über eine Sonderregelung der Liga ganz und gar einigen privaten Financiers aus der Region gehören. Der Hörgeräte-Unternehmer findet das nicht verwerflich, sondern nur zeitgemäß. Der Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp glaubt, dass vom Engagement Red Bulls sehr viele Menschen in und um Leipzig profitierten, inklusive des Jugendsports. So wurden schon 30 Millionen Euro in ein Nachwuchsleistungszentrum investiert. „Ich unterscheide nicht nach den Beweggründen der Mäzene oder Investoren. Wir leben in einer Marktwirtschaft, und dazu gehört auch Marketing. Man kann Fußball nicht so lupenrein halten, wie sich das manche Kritiker wünschen“, sagt Hopp.

          Anachronistischer Protest

          Fans kaufen Tickets, rennen in die Stadien, konsumieren, bestellen Trikots, abonnieren den Bundesliga-Bezahlsender und befeuern so das Milliardengeschäft. Immer mehr Bundesligaklubs wie Bayern, Dortmund, Hamburg oder Berlin verkaufen Anteile an ihren Fußballgesellschaften und gehen Verbindungen mit Investoren ein. Die Vermarktung des Fußballs wird allerorten auf neue Höhen getrieben. Viele Vereine in Deutschland bis in die unteren Spielklassen könnten mit ihren Ambitionen ohne die Mittel privater Mäzene gar nicht überleben. Wieder andere Profifußballbetriebe werden mit Steuerzahlergeld subventioniert. Schalke 04 wurde vor einigen Jahren nur durch die 25-Millionen-Nothilfe einer Gesellschaft der Stadt Gelsenkirchen vor dem Finanz-GAU gerettet. Auch der Schalker Aufsichtsratschef und Fleisch-Unternehmer Tönnies hat schon Privatgeld in seinen Klub gegeben. Wie irrwitzig die Kommerz-Diskussion ist, zeigt sich besonders gut am Hintergrund der Initiatoren des breitangelegten Fan-Protests gegen die Leipziger, die aus Kaiserslautern kommen. Dort wird der dümpelnde FCK trotz zweifelhafter Managementleistungen seit Jahren im großen Stil von Stadt und Land unterstützt. Wegen möglicherweise verbotener Beihilfen prüft jetzt die EU.

          Der Bullen-Alarm um das privatwirtschaftliche Fußballprojekt in Leipzig erscheint da eher skurril. Zumal gestandene Fußballmanager aus der Bundesliga die scheinheilige Debatte um Moral im Fußball anheizen. Am Ende geht es nur um die Befürchtung, man könnte gegen Leipzig Marktanteile verlieren und irgendwann sportlich das Nachsehen haben. „Da gibt es bei den Kritikern aus der Bundesliga viel Heuchelei. Aber die Welt verändert sich. Und es ist doch gut, dass nicht nur die Bayern mit dem Scheckbuch durch die Lande reisen, sondern sich auch andere im Fußball etwas einfallen lassen“, sagt Gebauer.

          Von den Fußballanhängern in Leipzig wird RB Leipzig bisher angenommen. 7500 Dauerkarten wurden für diese Saison verkauft. Der Klub rechnet mit einer durchschnittlichen Zuschauerzahl pro Spiel jenseits der 20 000. Nur wenn das Fußballprojekt weiterhin auf eine solch große Resonanz stößt und wächst, lohnt sich der Multimillionen-Marketing-Einsatz des Konzerns. Vielleicht kommt es ja so 25 Jahre nach der politischen Wende zum lang ersehnten Fußball-Erwachen in Ostdeutschland. „Es hat doch eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet von der Hauptstadt des ehemals sozialistischen DDR-Sports nun der reinste Fußball-Kapitalismus ausgeht“, sagt der Philosoph Gunter Gebauer.

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