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RB Leipzig : Wehe, wenn der Bulle kommt

Für viele Fußball-Nostalgiker ein rotes Tuch: die Bullen von RB Leipzig Bild: picture alliance / dpa

Deutschlands Fußballfans machen mobil gegen Red Bulls Fußballableger in Leipzig. Doch je lauter sie protestieren, desto mehr Heuchelei wird deutlich - immer mehr Vereine greifen auf die Hilfe externer Geldgeber zurück. Eine Bestandsaufnahme vor dem ersten Auswärtsspiel von RB Leipzig in München (15.30 Uhr).

          Auch München macht jetzt mobil. Gegen die verhassten Fußballer aus Leipzig. Einige hundert Fans des TSV 1860 wollen sich an diesem Sonntag in der Innenstadt der bayerischen Metropole treffen, um vor der Partie gegen das Zweitligateam aus dem Osten (15.30 Uhr/ live im F.A.Z.-Liveticker) zu protestieren. „Alle gegen Kommerz!“ lautet der Aufruf der Löwen-Anhänger. Und einer der Initiatoren sagt: „Red Bull gehört nicht zum Fußball.“

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wütende Aufmärsche, Fan-Boykotte, Anfeindungen - nie zuvor hat ein Klub im deutschen Profifußball so dermaßen polarisiert. Und die Saison hat erst begonnen. Als die Hoffenheimer vor einigen Jahren hochkamen, richtete sich die Aggression des grölenden Volkes im Stadion vor allem gegen den Mäzen. Viel bedrohlicher als der mit dem Geld des Milliardärs Dietmar Hopp hochgerüstete Dorfverein wird nun allerdings RB Leipzig empfunden, weil hinter der Fußballunternehmung der Weltkonzern Red Bull steht.

          Selbsternannte Sachwalter der Fußballtraditionen haben dem umstrittenen Retortenprojekt deshalb den Kampf angesagt. RB Leipzig ist zum Hassobjekt geworden. Nach dem Motto: Wehe, wenn der Bulle kommt. Eine fragwürdige Entwicklung. In den einschlägigen Internetforen wird gegen den Verein gehetzt, Anhänger unterschiedlichster Klubs verabreden sich zu Protestaktionen in den Stadien, Fan-Bündnisse veröffentlichen wichtigtuerische Aufrufe. „Alle Fußballfans des Landes sind gefragt, sich gegen diesen Ausverkauf der Fußball-Tradition zu wehren. Erstrebenswertes Ziel wäre, Red Bull zu einem Rückzug aus dem deutschen Fußball zu bewegen“, heißt es da selbstherrlich.

          „Jede Tradition beginnt irgendwann“

          Seit der Verein vor fünf Jahren vom Brause-Giganten aus Österreich gegründet wurde und seinen Aufstieg in den bezahlten Fußball in der fünftklassigen Oberliga begann, haben sich Spieler, Verantwortliche und auch eigene Anhänger des Klubs mit allerlei unschönen Begleiterscheinungen abfinden müssen. Neben wüsten Beschimpfungen und Attacken in gegnerischen Stadien gab es anonyme Gewaltandrohungen gegen Leipziger Profis, auch Backsteine flogen schon auf den Mannschaftsbus. Selbst da, wo Leipzig gar nicht beteiligt ist, kommt es jetzt zu Ballyhoo. In Darmstadt musste vergangenes Wochenende das Zweitligaspiel gegen Sandhausen unterbrochen werden, weil Fans beider Mannschaften auf Kommando nach zehn Minuten dicke Klopapierrollen aufs Spielfeld schleuderten, die von Ordnern weggeräumt werden mussten. Fast das ganze Stadion brüllte: „Scheiß Red Bull“.

          Gute Bullen: Die RB-Profis danken ihrem Leipziger Publikum

          Platte Parolen und dumpfes Traditions-Gehabe. Die Verantwortlichen von RB Leipzig halten sich in dieser aufgeladenen Atmosphäre mit Kommentaren zurück. Für den Chef des Nordostdeutschen Fußballverbandes, Rainer Milkoreit, sind die Anfeindungen gegen den Leipziger Klub „völlig unverständlich“. Man solle froh sein, dass Red Bull die Stadt Leipzig als Standort für sein Fußballprojekt ausgesucht hat. „Sie hätten ja auch woanders hingehen können, dann wäre der Osten leer ausgegangen“, sagt Milkoreit. Er hatte auch schon Stadionverbote gegen gewaltbereite Fans gefordert, die einen Leipziger Spieler übers Internet mit Drohungen einschüchtern wollten. Für die Kritik, dass RB Leipzig anders als alteingesessene Fußballvereine nur ein traditionsloses Kunstprodukt zu Marketingzwecken sei, hat der Funktionär nichts übrig. „Jede Tradition beginnt irgendwann. Man muss ihr nur eine Chance geben“, sagt Milkoreit, auch Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes.

          Fiktive Sportromantik

          Der bizarre Protest gegen das Leipziger Projekt wirft auch wieder ein Schlaglicht auf die Fanszene in Deutschland. Die hatte sich in den vergangenen Jahren vor allem an der Sicherheitsfrage abgearbeitet und aberwitzige Diskussionen geführt, warum zum Beispiel brandgefährliche Pyrotechnik doch unbedingt auf die Tribünen der Stadien gehört. „Fußballfans sind sehr rückwärtsgewandt. Sie sehen sich als letzte ehrenvolle Amateure und hassen es, wenn ein Verein keine Traditionen hat. Die Fans pflegen eine fiktive Sportromantik, ein hoffnungsloses Unterfangen in heutiger Zeit. Die negativen Folgen dieser Anschauung zeigen sich jetzt auch bei den Anfeindungen gegen RB Leipzig“, sagt der Philosoph und Sportwissenschaftler Gunter Gebauer. Allerdings betont er, dass die Fans zugleich mit ihrer konservativen Grundhaltung für die regionale Verankerung eines Vereins sorgen.

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