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Bundesliga-Kommentar : Leipzig und Hoffenheim sind gute Vorbilder

Die Bayern haben wieder einen Gegner – und der kommt aus Leipzig. Bild: dpa

Ob man Leipzig und Hoffenheim mag oder nicht: Da klappt manches einfach besser als bei anderen Bundesliga-Klubs. Und die Bayern haben endlich wieder einen Gegner.

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          Es muss ein schreckliches Wochenende für Fußball-Traditionalisten gewesen sein. Erst holt der Hopp-Klub Hoffenheim beim FC Bayern einen Punkt und setzt sich als Tabellendritter in der Spitze fest. Und mit dem 1:1 lieferte das jahrelang größte Feindbild der Kurven auch noch die Vorarbeit zum scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg seines Nachfolgers in der deutschen Neid- und Missgunst-Liga: RB Leipzig konnte so mit einem lockeren Sieg über Mainz schon nach 900 Bundesliga-Minuten zum jahrelang unerreichbaren Rekordmeister aufschließen. In den vergangenen vier Jahren war den Bayern nach zehn Spieltagen kein Klub so nahe wie Leipzig. Ob unter Guardiola oder noch unter Heynckes – die Bayern waren der Konkurrenz zu diesem Zeitpunkt im Schnitt um 4,75 Punkte voraus.

          Man kann es angesichts der erstaunlichen Ergebnisse und Erfolge der beiden Klubs vom Reißbrett auch so sagen: Der Fußball, der aus der Privatschatulle und der Dose kommt, lebt und triumphiert. Während im Uwe-Seeler-Hamburg die Tradition in dieser Saison wohl endgültig an der Realität zerschellt und gute Nacht sagt.

          Der Widerstand vieler Fans gegen RB Leipzig, dem gefürchteten Marketinginstrument von Red Bull, ist nach zehn Spieltagen natürlich noch nicht erloschen. Die Begeisterung jedoch, die der Aufsteiger schon seit Wochen und Monaten in Leipzig und Sachsen mit seinem Tempofußball weckt, und der schnelle Erfolg, der Fans in ganz Deutschland aufhorchen lässt, überwiegen nach einem traumhaften Start schon jetzt die tiefe Abneigung und Ablehnung zahlreicher Fangruppen. Und dass die Bayern wenigstens zu diesem Zeitpunkt wieder einen Gegner haben, gibt immer ein paar Bonuspunkte in der Beliebtheitstabelle.

          In Wahrheit ist der Ärger vieler Anhänger, und das nicht nur in Hamburg, über die Führung und Entwicklung in einem der größten Traditionsklubs längst größer als die immer auch etwas künstliche Empörung über die sogenannten Plastik- und Konzernklubs. Das einst vehement abgelehnte Hoffenheimer Fußballmodell ist mittlerweile mehr als nur halbwegs etabliert.

          Und viele Freunde der so geliebten und unverzichtbaren Traditions- und Großstadtklubs sind mittlerweile auch schon mit Blick auf das urkapitalistische und undemokratische Profimodell aus Leipzig so ehrlich zu sagen: so verschwenderisch und hasardeurisch wie (nicht nur) der HSV mit seinem ideellen und sportlichen Kapital in den vergangenen Jahren umging, war und ist dieses Versagen (wie auch in Stuttgart) immer auch eine ungewollte Legitimation und Unterstützung für Konzern- und Fremdkapitalfußball.

          Ob man Leipzig und Hoffenheim nun mag oder nicht: Da klappt, wie man sieht, manches einfach besser, wenn auch nicht alles. Der aktuelle Aufschwung hat daher mit professionelleren Strukturen zu tun, aber eben nicht nur. Der Qualitätssprung hängt vor allem mit den beiden Trainern zusammen. Der blutjunge Nagelsmann hat aus einem Abstiegskandidaten einen Europapokal-Kandidaten geformt – und der neue Leipziger Trainer Hasenhüttl aus dem Zweiten der zweiten Liga den Zweiten der ersten Liga.

          Am Kader der beiden Teams hat sich dabei gar nicht viel geändert. Diese Entwicklungsschritte in Siebenmeilenstiefeln zeigen eben auch, dass man in der Bundesliga immer noch ganz schnell von ganz unten bis (fast) ganz nach oben kommen kann. Das hat natürlich mit Geld zu tun, aber nicht zuletzt mit Kompetenz. Für den HSV dürfte diese Erkenntnis, dass sportliches Glück so noch immer möglich ist, allerdings zu spät kommen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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