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RB Leipzig : Alles andere als ein normaler Bundesliga-Neuling

  • -Aktualisiert am

Achtung, RB Leipzig kommt: Der Aufsteiger wird alles andere als ein normaler Bundesliga-Neuling sein. Bild: AFP

Das Projekt RB Leipzig erreicht die Bundesliga und hat längst auch genügend Fans in der Stadt. Sein Potential hat der Aufsteiger aber noch längst nicht ausgeschöpft.

          Als mit Energie Cottbus im Jahr 2009 der bislang letzte Ostklub aus der Bundesliga verschwand, war RB Leipzig gerade erst aus der Taufe gehoben: irgendwo vor den Toren der Stadt im beschaulichen Markranstädt, gestartet als hochumstrittenes Marketing-Projekt des Brause-Imperiums von Red Bull, das neben der Formel 1 nun auch den Fußball in Groß erobern wollte. Sieben Jahre später ist das gelungen: Leipzig ist von der Oberliga bis ins Fußball-Oberhaus marschiert.

          Der weiße Fleck auf der Fußballlandkarte ist getilgt. Der Osten hat wieder einen Erstligaklub – diesmal ganz sicher nicht als temporäre Erscheinung. Den Marsch durch die Ligen hat sich Mäzen Dietrich Mateschitz um die 100 Millionen Euro kosten lassen. Vor der laufenden Saison investierte Ralf Rangnick, der Projekt-Architekt, mit rund zwölf Millionen mehr in neues Spielermaterial als der Rest der Liga zusammen. Da wäre alles andere als der direkte Aufstieg auch eine Enttäuschung gewesen.

          Rangnick als Gestalter des großen Ganzen

          Die wichtigste Personalie der kommenden Saison hatte der Klub schon am vergangenen Freitag offiziell gemacht. Ralph Hasenhüttl übernimmt an der Seitenlinie, während Rangnick wieder als Sportdirektor und Gestalter des großen Ganzen auf der Tribüne über alles wachen wird. Die Verpflichtung des Ingolstädter Trainers lässt sich RB einiges kosten. Nach Angaben des Noch-Arbeitgebers fließt für die „absolute 1a-Lösung“ eine Bundesliga-Rekordsumme von 1,5 Millionen plus Erfolgsprämie.

          Zufriedener Projektleiter: Ralf Rangnick zieht sich (vorerst) als Trainer zurück.

          Hasenhüttl setzt sich ins gemachte Nest. Auch wenn Rangnick noch im Februar im Gespräch mit der F.A.Z. beteuerte, man wolle im Fall des Aufstiegs „nicht Monopoly spielen“: Ums liebe Geld muss sich der Trainer wohl nicht sorgen, wenn es an die Verpflichtung von Wunschspielern geht. Und auch die Infrastruktur kann sich sehen lassen: Die Kosten für den neuen Trainingspalast, eine Mischung aus Wellness und Fünf-Sterne-Internat für den eigenen Nachwuchs gleich in Stadionnähe, werden auf 35 Millionen Euro geschätzt. Da dürfte selbst manch etablierter Erstligaklub neidisch sein.

          Im Austausch dafür wird der Trainer aber mit einem Sportdirektor leben müssen, der sehr klare Vorstellungen von der Entwicklung einer Mannschaft hat – und an dessen Willen schon mancher zerschellt ist, der seinen eigenen durchsetzen wollte. Zuletzt war das bei Hasenhüttls Vorgänger Alexander Zorniger der Fall, der vorzeitig gehen musste, weil Rangnick die ganze Sache dann doch lieber wieder selbst in die Hand nehmen wollte.

          Eine Stadt, die seit Jahren nach oben strebt

          Aus Ingolstadt wurde Hasenhüttl mit Applaus, teilweise aber auch Pfiffen verabschiedet. Er wird sich daran gewöhnen müssen. Auseinandersetzungen mit Anhängern der Traditionsvereine wie Schalke 04 oder Borussia Dortmund sind auch in der Bundesliga zu befürchten. Kritik und Missgunst gegenüber dem als „Plastikklub“ verschrienen Verein waren in den vergangenen Jahren immer wieder auch in Hass und mitunter auch Gewalt umgeschlagen.

          Widerstände hatte es anfangs auch lokal gegeben. Inzwischen wurde das Projekt aber längst in der Stadt angenommen: Leipzig hatte mit rund 30.000 Besuchern mit den besten Zuschauerschnitt der zweiten Liga – gleichauf mit Nürnberg und St. Pauli und weit vor Traditionsvereinen wie 1860 München oder Kaiserslautern.

          Die Zahlen zeigen die Sehnsucht einer Stadt nach gutem Fußball, die seit Jahren nach oben strebt: Leipzig boomt. Und hat als Szene-Stadt sogar Berlin den Rang abgelaufen. Die Wirtschaft wächst. Vor allem junge Leute, Kreative, Studenten und Familien zieht es immer mehr in die Stadt. Das spiegelt sich auch im Stadion wider: Das Prädikat „familienfreundlich“ ist in Leipzig keine Beleidigung, sondern eben genau das: einfach mal Fußballgucken mit der Familie.

          RB Leipzig ist kein normaler Aufsteiger

          Ein Sonntagsausflug, ohne Pyrotechnik und Gepöbel – stattdessen mit positiver Stimmung, und demnächst dann auch den Topteams der ersten Liga. Das Argument Tradition zählt nur für Rückwärtsgewandte. Leipzig aber schaut nach vorn. Und die Sache mit dem Plastikklub? Nun ja, Geld gibt es auch anderswo. Und Erfolg macht schließlich sexy. Das Aufstiegsspiel gegen Karlsruhe sahen 42.500 Zuschauer im einstigen WM-Stadion. Auf Dauer wird die Arena wohl zu klein. Ein Ausbau steht ebenso im Raum wie ein Neubau am Stadtrand in Autobahnnähe.

          Und sportlich? Freilich ist RB Leipzig kein normaler Aufsteiger. Mit dem Abstieg wird dieser Verein vermutlich nichts zu tun haben. Mittelfristig soll es ja sogar Europa sein und irgendwann auch der Angriff auf Bayern und die Meisterschaft. Der Etat soll sich im ersten Jahr im Liga-Mittelfeld bewegen, um die 40 Millionen, und dann allmählich gesteigert werden. Den großen Umbruch wird es eher nicht geben. Rangnick setzt nicht umsonst auf junge Talente: Das Aufstiegsteam, im Schnitt gerade 23 Jahre alt, ist gut zusammengestellt, hat aber noch lang nicht das ganze Potential ausgeschöpft.

          Das Spiel mit hohem Pressing und schnellem Abschluss ist hochattraktiv, wenn es einmal ins Rollen kommt. Das selbstbewusste Ensemble wird sich wohl auch vor den Großen der Liga nicht wegducken. Oder, wie Kotrainer Achim Beierlorzer es mit Seitenhieb in Richtung der Kritiker formulierte: „Wir freuen uns auf die Bundesliga. Fußballerisch freut sie sich vielleicht auch ein bisschen auf uns.“

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