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Bundesliga : RB Leipzig ist ein Gewinn

Die Leipziger Spieler Stefan Ilsanker (von links nach rechts), Naby Keita und Marcel Halstenberg jubeln nach dem 1:0 Sieg in die Hintertorkamera Bild: dpa

Den roten Bullen aus Leipzig schlugen zu Beginn der Saison Spott und Häme entgegen. Aber zur Heimpremiere wurde deutlich: Die Liebe zum Fußball ist echt.

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          Willkommen in der Bundesliga! Nach den ersten neunzig Minuten Erstligafußball in Leipzig ist vielleicht nicht mehr völlig auszuschließen, dass die ganz spezielle deutsche Fußball-Willkommenskultur, die dem Retortenklub eines österreichischen Getränkevertreibers nun schon seit Jahren von Liga zu Liga entgegenschlägt, ein wenig von ihrer Feindseligkeit verlieren könnte.

          So emotional und leidenschaftlich jedenfalls, wie sich das vermeintliche Kunstprodukt bei seiner Heimpremiere präsentierte, können sich Traditionalisten den Fußball eigentlich nur wünschen. Ein ausverkauftes Stadion, in dem von der ersten bis zur letzten Minute prächtige Stimmung herrscht, wie man sie in der Bundesliga nur selten erlebt und in England schon lange nicht mehr kennt.

          Das ist ein schöner Gewinn für Leipzig, für das seit zwei Jahrzehnten erstligaentwöhnte Sachsen und für den fußballerisch seit sieben Jahren komplett abgehängten Osten – aber auch für den gesamten deutschen Fußball.

          Wächst in Leipzig eine neue Fußballmacht?

          Experten und Fans ahnen oder fürchten schon lange, dass in Leipzig eine neue Fußballmacht heranwächst. An diesem Samstagabend konnte man aber erstmals fühlen, welche Kraft selbst ein Fußball besitzt, der aus der Dose kommt. Die Organisationsform von RB Leipzig spricht einer demokratischen Vereinsstruktur hohn.

          Und das aggressive Marketing von Red Bull springt den Zuschauer auch aus jeder Stadionecke an. Der Fußball ist eine einzige Werbe-Inszenierung. Aber die Emotionen, die ein Klub selbst mit der lächerlichen Namenserfindung Rasenball, weil er nicht Red Bull heißen darf, im Stadion und in der Stadt auslöst, diese Emotionen sind echt.

          Genauso echt wie die „Echte Liebe“, die aus Dortmund kommt. Die Kraft des Fußballs, das zeigte sich an diesem Abend in einer Weise, wie es die Bundesliga lange nicht erlebt hat, kann eben auch stärker sein als selbst seine penetranteste Instrumentalisierung. Auch wenn jeder im Stadion und zu Hause auf dem Sofa weiß, wie hier der Bulle läuft: Wenn der Ball dann aber so rollt wie in dieser Nacht in diesem jungen, leidenschaftlichen Team, lassen sich nicht nur Fans begeistern, die eine seit Jahren unerfüllte Sehnsucht nach Spitzenfußball ins Leipziger Stadion führt.

          Erstklassige Stimmung - auch ohne Gewalt und Ultras

          Auch Fußballanhänger, die sich wünschen, dass in eine vor Bayern-Dominanz und Bayern-Ehrfurcht schon viel zu lange erstarrte Liga endlich wieder Bewegung kommt, dürften an der Heimpremiere des Aufsteigers ihre Freude gehabt haben. Mal ganz abgesehen davon, dass erstklassige Stimmung offensichtlich auch ohne Gewalt und das organisierte Ultra-Streben nach Dominanz in der Kurve möglich ist.

          Eine Mannschaft jedenfalls, die zum Start mit einer einzigen Ausnahme in ihrer Zweitliga-Formation ohne große Namen antrat, war eine Inspiration für alle, die sich festgefügten Hierarchien nicht unterordnen wollen.

          Dass in der Bundesliga nun ein Funken Anarchie, die Abwesenheit von Herrschaft, ausgerechnet von einem Fußball-Marketing-Instrument ausgeht, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Den strengen Bewahrern der alten, festgefügten Fußballwelt gibt das vielleicht zu denken.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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