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Leipzig vor Gipfeltreffen : Vorsicht, Hochspannung!

Leipzigs Orban (r.) schreit die Freude über sein 2:0-Treffer gegen Hertha BSC hinaus: Jetzt kann der Meister kommen. Bild: dpa

Leipzigs Starkstromfußballer schockieren die Liga – und lassen dabei auch etablierte Teams wie Hertha BSC alt aussehen. Für die Macher von RB war die bisherige Saison ein Vorgeschmack auf das Spitzenspiel in München. Und darüber hinaus.

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          Ralph Hasenhüttl wünschte sich, den Moment noch ein bisschen länger genießen zu können. Das letzte Heimspiel des Jahres, den letzten Triumph zu Hause vor mittlerweile über einer halben Million Zuschauern. Die letzte Steigerung von RB Leipzig. Aber da sich dieses Fußballjahr 2016, in dem der Aufsteiger alle Grenzen hinter sich gelassen hat, den Höhepunkt bis ganz zum Schluss aufgespart hat mit dem Duell drei Tage vor Heiligabend um die Bundesligaspitze gegen die Uneinholbaren und (fast) Unbesiegbaren der vergangenen Jahre, gegen das Maß der Fußball-Dinge in Deutschland, ging der Blick an diesem Abend viel schneller nach München (Mittwoch, 20.00 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET), als der Leipziger Trainer sich das zu Saisonbeginn jemals vorstellen und nach dem elften Sieg im fünfzehnten Saisonspiel überhaupt wollte.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Ich will heute nicht so viel darüber reden“, sagte Hasenhüttl auf der Pressekonferenz nach dem erstaunlich souveränen 2:0 gegen Hertha BSC Berlin, „die Freude über diese drei Punkte“ sollten für ihn und sein Team im Mittelpunkt stehen. Aber dass er zumindest mit diesem taktischen Plan vor dem Höhepunkt am Mittwoch beim FC Bayern München nicht durchkam, war dem Leipziger in diesem Moment selbstverständlich auch klar: „Alles, was wir uns in dieser Saison hart erarbeitet haben, führt dazu, dass wir am Mittwoch ein Spiel spielen dürfen, das ganz Deutschland elektrisiert - und wahrscheinlich auch noch über die Landesgrenzen hinaus begeistern wird.“

          Draufgänger gegen alternde Stars

          Die Vorleistung, die Leipzig dafür nicht zuletzt auch gegen den bisherigen Tabellendritten aus der Hauptstadt erbracht hat, lieferte eine perfekte Vorlage für ein Gipfeltreffen, wie es die Bundesliga noch nicht erlebt hat: Die alte Macht aus München gegen die frischen, jungen und trotzdem steinreichen, machtbewussten und elitären Herausforderer aus Leipzig. Die Starkstromfußballer von RB traten gegen die Hertha mit einer Power an, dass die alte Dame ihrem Namen auf eine Weise gerecht wurde, wie es ihr und Trainer Pal Dardai gar nicht gefallen konnte. „Leipzig war einen Tick zu schnell für uns“, sagte der Hertha-Coach. „Heute war nix drin. Nicht mal ein Punkt. Das muss man akzeptieren.“

          An diesem Tag war augenfällig, wie selbst für Bundesligaverhältnisse herausragende Spieler wie Vedad Ibisevic und Salomon Kalou mit ihren 32 und 29 Jahren gegen die Dynamiker und Dauerläufer aus Leipzig, das jüngste Team der Liga, einfach nicht mehr hinterherkamen. Und im Geiste fragten sich die Zuschauer im von Red Bull getunten ehemaligen Zentralstadion schon, als die aktuelle Tabelle vom Samstagabend mit Leipzig als Tabellenführer eingeblendet und frenetisch bejubelt wurde, wie am Mittwoch wohl die beste Mannschaft des Landes mit echten, aber mitunter auch schon in die Jahre gekommenen Weltstars wie Xabi Alonso oder Philipp Lahm mit ihrer Klasse und Erfahrung den Draufgängern und Aufsteigern des Jahres begegnen wird.

          Trainer Hasenhüttl mit zusammengepressten Lippen: Für die Mannschaft sei es eine Belohnung, nun dieses Duell mit den Bayern zu haben.
          Trainer Hasenhüttl mit zusammengepressten Lippen: Für die Mannschaft sei es eine Belohnung, nun dieses Duell mit den Bayern zu haben. : Bild: dpa

          Der Leipziger Plan beim großen Finale, das nach den Wünschen und Vorstellungen von Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz, der dem Team in der Kabine nach dem Sieg gegen die Hertha gratulierte, seinem sportlichen Vordenker Ralf Rangnick und dem Trainer-Optimierer Ralph Hasenhüttl nur ein erster Vorgeschmack auf die kommenden Fußballjahre sein soll, steht jedenfalls schon fest. „Wie immer, wenn wir zu einem Auswärtsspiel fahren, erwarten wir, dass wir dort mutig auftreten. Dass wir hoffentlich der Gegner sind, den sich viele in Deutschland wünschen, dass wir es sein werden“, sagte Hasenhüttl.

          Grund zu unnötiger Bescheidenheit bot die Partie gegen Hertha jedenfalls nicht. Leipzig dominierte und wirbelte, dass die Berliner froh sein konnten, dass sie nicht schon früher und deutlicher als durch die Tore von Timo Werner (42. Minute) und Willi Orban (62.) besiegt wurden. Aber bei allem Tempo und Druck, die vor allem das offensive Leipziger Allerlei mit Sabitzer, Forsberg, Poulsen und Werner anrichtete, mangelte es immer wieder an Präzision beim letzten Pass und beim Torschuss. Manches wirkte trotz seiner Wucht in manchen Momenten ein bisschen überhastet, und die Fehler, die daraus entstanden, machten die Mitspieler mit enormer Laufbereitschaft dann meist sofort wieder wett.

          So blieben das klitzekleine Schwächen, die aber eine Mannschaft wie Hertha BSC nicht mal im Ansatz ausnutzen konnte. Obwohl in Leipzig tabellarisch der Zweite gegen den Dritten spielte, wirkte es wie ein Duell zwischen einem Kandidaten für die Champions League und einem Bundesliga-Mitläufer. In München, das war auch Hasenhüttl völlig klar, dürfte das alles ganz anders kommen.

          Die Begegnung gegen Berlin war für den Leipziger Trainer aber schon mal ein Beleg, dass sein junges Team aus Niederlagen lernt und mit Rückschlägen produktiv umzugehen versteht. Auf die erste Niederlage in der Bundesliga am vergangenen Wochenende in Ingolstadt (0:1) war gegen die Hertha die vielleicht beste und, wenn man es angesichts dieser jungen Mannschaft so sagen kann, auch reifste Vorstellung gefolgt: mit viel Ballbesitz, vielen Sprints und vielen Chancen - und trotzdem großer defensiver Stabilität.

          „Wir haben heute von der ersten Sekunde an gezeigt, was wir wollten“, sagte Hasenhüttl. „Wir haben keine Minute Zweifel gelassen, dass diese Niederlage uns ein bisschen vom Glauben abgebracht haben könnte.“ Glaube, Tempo, Hoffnung - das sind, kurz gesagt, die Leipziger Tugenden dieses Jahres. Mit ihnen, das war an diesem Samstagabend überall im Leipziger Stadion zu spüren, lassen sich Berge versetzen. Vielleicht auch Berge, die in Bayern stehen.

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