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Rangnick-Kommentar : Scheu und Schwäche

  • -Aktualisiert am

Ralf Rangnicks Rücktritt verdient „Hochachtung” Bild: dpa

Im System Profifußball scheint sich die Erkenntnis breit zu machen, dass die Starken einmal schwach werden. Ralf Rangnick erfährt zurecht „Hochachtung“ für seinen Rücktritt wegen Erschöpfung. Der Abschlusstest steht dem Fußball aber noch bevor.

          Und der Profifußball bewegt sich doch. Vor nicht allzu langer Zeit, in Folge des Selbstmords des depressiven Nationaltorhüters Robert Enke vor knapp zwei Jahren, wurde er noch als „Machtkoloss“ kritisiert, der den Machismo pflege, in dem niemand etwas gelte, der nicht tagein, tagaus dem Leistungsdruck standhalte und den unerschütterlichen Helden spiele.

          Nunmehr scheint sich auch im oft verschlossenen System Profifußball sehr langsam, aber ziemlich sicher die Erkenntnis breit zu machen, dass die Starken einmal schwach werden und wegen der hohen Erwartungen – ihren eigenen und denen von außen – erkranken können. Der Schalker Manager Horst Held hat am Donnerstag den richtigen Ton getroffen, als er Ralf Rangnicks Eingeständnis eines Erschöpfungssyndroms und seinem folgenden Rückzug als Trainer „Hochachtung“ zollte.

          Dass Burnout nicht nur in Wirtschaft und Gesellschaft zu einer Alltagserscheinung geworden ist, sondern auch im Profifußball, hat sich in den vergangenen Wochen gleich dreifach offenbart. Vor Rangnick bekannten sich auch der Mike Wunderlich, bis vorige Saison Zweitligaprofi beim FSV Frankfurt, und Markus Miller, zweiter Torwart von Hannover 96, öffentlich zu ihrer mentalen Erschöpfung. Auch sie erhielten viel Verständnis für ihre Entscheidungen, sich vorübergehend in die fünfte Liga zurückzuziehen (Wunderlich) oder in Behandlung zu begeben (Miller).

          Die Aufklärungsarbeit darüber, dass nicht nur vermeintliche Verlierer unter Ausgebranntsein leiden, sondern auch mutmaßlich Erfolgreiche, scheint also auch im Fußball Wirkung zu zeigen: sei es durch Institutionen wie die Robert-Enke-Stiftung, sei es durch Seminare zum Thema Arbeitsethik, wie sie Ottmar Hitzfeld hielt, nachdem er 2004 selbst als Bayern-Trainer erschöpft aufgab.

          In Folge des wachsenden Wissens um psychische Schwächen sind auch Akzeptanz und Hilfsangebote gestiegen. So wurde im Frühjahr das Netzwerk „Mental gestärkt“ ins Leben gerufen, um Fußballspielern eine Anlaufstelle zu bieten. Zudem arbeitet fast jeder Bundesligaklub mit einem Sportpsychologen zusammen, der zwar nicht zur Behandlung psychischer Erkrankungen taugt, aber doch zur ersten Hilfe und zum Vermittler.

          Noch scheuen viele erkrankte Spieler die Öffentlichkeit, lassen sich von Fachärzten nur unter Tarnnamen behandeln. Den nächsten großen Schritt würde der Fußball vorankommen, wenn sich mehr betroffene Spieler oder Trainer zu ihren Problemen bekennten wie zuletzt Rangnick, Miller und Wunderlich.

          Der Abschlusstest seiner Lernfähigkeit steht dem Fußball allerdings genau dann bevor, wenn die jeweiligen Betroffenen ihre Schwächephase überwunden haben und ins Profigeschäft zurückkehren wollen. Dann wird sich erweisen, ob der Fußball Anschluss findet an die gesellschaftliche Normalität, die ihn umgibt, oder ob er die vorübergehend Schwachen dauerhaft stigmatisiert.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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