https://www.faz.net/-gtm-8b2i6

Fußball-Kommentar : Frankfurter Kapitulation und Unterwerfung

Reden nach dem Derby: Marco Russ (links) und einige Eintracht-Fans. Bild: dpa

Busblockaden, Trainer und Spieler, die an Zäunen debattieren – das alles ist gängige Krisenfolklore in der Bundesliga. Und scheint von manchen als normal empfunden zu werden. Das ist es aber nicht.

          2 Min.

          Man muss den Frankfurter Spielern, die beschwichtigend auf die Hitzköpfe einwirkten, Respekt zollen. Es gibt Schöneres, als unmittelbar nach einer bitteren Niederlage Aug’ in Aug’ mit, gelinde gesagt, unfreundlich gestimmten Zeitgenossen die Lage zu diskutieren. Im Sinne der atmosphärischen Entspannung ist das Tête-à-tête zwischen Profis und Publikum gewiss gewesen nach dem Hessen-Derby zwischen der Eintracht und Darmstadt 98. In jenen bangen Minuten nach dem Schlusspfiff war nicht abzusehen, in welchen Bahnen der Abend im Frankfurter Stadion noch verlaufen würde.

          Was es aber auch war – und das kam bei der Betrachtung durch die Verantwortlichen der Eintracht auf erschreckende Weise zu kurz: eine Zumutung. Ist das der „Dialog“, von dem mancher von ihnen auch am Sonntagabend sprach: wenn Spieler sich geradezu genötigt sehen, ihre Leistungen vor dem aufgebrachten Volk zu rechtfertigen? Nein, es ist eine Kapitulation. Eine Geste, die zwar vordergründig Miteinander demonstrieren soll, in Wahrheit aber eine Unterwerfung darstellt. Weshalb es dazu niemals hätte kommen dürfen.

          Die Realität ist aber auch: Man hat sich an Szenen wie diese fast schon gewöhnt. Die Eintracht mag ein spezieller Fall in dieser Hinsicht sein, hier mischen sich offenbar eine besondere Niedrigschwelligkeit auf der einen Seite und eine spezielle Verständniskultur auf der anderen, sie ist aber beileibe nicht der einzige. Busblockaden, Trainer und Spieler, die an Zäunen debattieren – das alles ist gängige Krisenfolklore in der Bundesliga. Und scheint von manchen auch als normal empfunden zu werden. Das ist es aber nicht.

          Es ist vielmehr eine fundamentale Täuschung, wenn Fans glauben, aus ihrem ohne Zweifel wertvollen Engagement – emotional und finanziell - bestimmte höhere Rechte abzuleiten. Etwa das, von den Spielern Rechenschaft verlangen zu dürfen. Oder gar, wie vor etwas mehr als einem Jahr beim 1. FC Nürnberg geschehen, die Trikots abzuliefern, weil die Profis es in den Augen der sich elitär gerierenden Anhänger nicht mehr wert waren, die Farben zu tragen. Das Signal, das von solchen Aktionen ausgeht, ist verheerend, weil es im Wortsinne Tore öffnet und zur Nachahmung ermuntert - wenn die Vereine nicht in aller Entschiedenheit deutlich machen, dass es so nicht geht.

          Dunkel vermummte Gestalten sorgen für furchteinflößende Bilder im Frankfurter Stadion. Bilderstrecke
          Dunkel vermummte Gestalten sorgen für furchteinflößende Bilder im Frankfurter Stadion. :

          Wie konstruktive Kontaktpflege zu einer problematischen Teil-Klientel gelingen kann, ist ein schwieriges Thema, das viele Klubs umtreibt - und über das nicht gern geredet wird. Natürlich haben auch die Eintracht-Chefs recht, wenn sie auf Dialog setzen. Der muss aber in gesitteten Bahnen und jenseits der öffentlichen Bühne stattfinden.

          Nur so kann Vertrauen entstehen, und nur so ist sichergestellt, dass keine Bilder entstehen, die sich instrumentalisieren lassen – insbesondere zu einem übersteigerten Gefühl von Macht und Stärke, das weitere Situationen dieser Art geradezu heraufbeschwört. Vor allem aber darf es keinen Zweifel daran geben, dass bestimmte Grenzen nicht verhandelbar sind. Die des grünen Rasens gehört ganz selbstverständlich dazu. Enttäuschte Liebe artet sonst in Stalking aus.

          Weitere Themen

          Gladbach empfängt Real Video-Seite öffnen

          Fußball : Gladbach empfängt Real

          Borussia Mönchengladbach und Trainer Marco Rose freuen sich auf das Heimspiel gegen Real Madrid mit Trainer Zinedine Zidane. Marco Rose sagt, sein Team wolle gut spielen.

          Topmeldungen

          Angela Merkel mit Markus Söder und Michael Müller (im Vordergrund)

          Neue Corona-Beschlüsse : Der zweite Lockdown, der keiner ist

          Dieses Mal folgen die Länder dem harten Kurs der Kanzlerin. Auch wer das ablehnt, kann nicht wollen, was ohne Beschränkungen droht: ein Kontrollverlust, der über das Gesundheitswesen hinausgeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.