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Rafael van der Vaart : Der Star von gestern

  • -Aktualisiert am

Schwere Zeiten: Rafael van der Vaart schweigt Bild: dpa

Sinnbild des Abstiegs beim HSV: Nur vergangene Meriten und zwei Frauen halten Rafael van der Vaart im Gespräch. Auch am Sonntag (15.30 Uhr) gegen Nürnberg wird er wohl nicht im Mittelpunkt stehen.

          Es läuft die 67. Minute des Spiels bei Werder Bremen, als Rafael van der Vaart mit großer Selbstverständlichkeit zur Eckfahne trabt, um einen Eckball zu schießen. Es ist Ältestenrecht, das der 31 Jahre alte Profi geltend machen kann, schließlich hat er noch jeden Eckball und jeden Freistoß in Tornähe geschossen, seit er für den Hamburger SV spielt. Doch als van der Vaart die Eckfahne erreicht hat, steht schon ein anderer da. Hakan Calhanoglu ist elf Jahre jünger und besitzt die Frechheit der Jugend. Als er van der Vaart sieht, schiebt er ihm den Ball als kurze Ecke zu, so viel Respekt muss schon noch sein. Van der Vaart schießt den Ball halbhoch ans Bein des ersten Bremer Verteidigers.

          Wenn zuletzt beide aufliefen, der formschwache Altstar und der muntere Neuling, dann murrten viele in der Hamburger Arena, weil sich van der Vaart den Ball bei Freistößen wie selbstverständlich hinlegt. Calhanoglu ist ein Meister des ruhenden Balles. Schon gibt es in Fanforen und auf Pressetribünen die Diskussion, ob sich der HSV einen knapp vier Millionen Euro teuren Niederländer leisten kann, wenn er doch einen Türken hat, der drei Millionen weniger im Jahr verdient – und besser spielt. Van der Vaart zeigt sich großherzig: „Hakan macht es großartig. Die weiteren Freistöße sollte er alle schießen.“ Das gilt schon für die Partie gegen den 1. FC Nürnberg an diesem Sonntag (15.30 Uhr/ Sky und F.A.Z.-Liveticker). Der Generationenwechsel ist in vollem Gang.

          Teil des Dilemmas

          Rafael van der Vaarts Vertrag läuft bis 2015. Im Januar hat er gesagt, dass er ihn gern verlängern würde. Derzeit ist er aber nur Teil des Hamburger Dilemmas. Nach effektiver Vorrunde mit sieben Toren und sechs Vorlagen ist der Regisseur abgetaucht, war verletzt, krank oder ging mit unter. Seine zweite Rolle, die des Öffentlichkeitsarbeiters mit dem entwaffnenden Lächeln, füllt er nur mangelhaft aus. Wenn Klartext gesprochen werden soll, sind René Adler, Heiko Westermann und Marcell Jansen im Dienst. Scheinbare Kleinigkeiten illustrieren seine Absetzbewegungen ins Private.

          Als die Fans draußen nach dem 0:3 gegen Berlin Anfang Februar tobten, schwebte van der Vaart mit Freundin Sabia Boulahrouz und Vater Ramon oben durch die VIP-Räume. Viel später als andere stellte er sich. Bei der Beerdigung des Masseurs Hermann Rieger fehlte van der Vaart. Im Alltag braust er in seinem weißen SUV meist als einer der Ersten nach dem Training davon. Die Volksnähe von früher, sie ist ihm abhandengekommen. Und der Instinkt, in der Öffentlichkeit das Richtige zu tun und zu sagen.

          Neuer Platz? Van der Vaart in Bremen auf der Ersatzbank

          Aber van der Vaart hat Nehmerqualitäten: „Es ist doch fast logisch, dass ich der Sündenbock bin“, sagte er am Samstag der „Bild“-Zeitung in einem seiner selten gewordenen Interviews, „nach dem bisherigen Saisonverlauf und den Erwartungen an mich ist es normal, dass sich die Kritik auf mich konzentriert.“ All dies wäre kein Thema, steckte der HSV nicht knietief im Sumpf. Doch van der Vaart macht sich auch auf dem Feld angreifbar. Von allen vergleichbaren Mittelfeldspielern bei anderen Klubs zieht er die wenigsten Sprints an. Er besitzt nicht das Tempo, um in die Schnittstellen der gegnerischen Verteidigung zu gehen. Deswegen wirkt sein Spiel langsam, veraltet, statisch.

          Andere reden über ihn

          Die Fußballwelt ist ungerecht und undankbar. Die Glücksgefühle, die van der Vaart in seiner ersten Hamburger Phase 2005 bis 2008 erzeugte, sind längst Desinteresse oder sogar Abneigung gewichen. Zu oft hat van der Vaart Privates öffentlich ausgetragen. Aus den Beckhams von Hamburg sind Herr van der Vaart und Frau Meis geworden. Seit Frühjahr 2013 neu liiert, seit Dezember geschieden, bleibt es Spekulation, wie sehr das Private den Spieler beeinflusst. Van der Vaart sagt: „Das Private geht nur mich an. Ich drehe bei Lob so wenig durch, wie ich nach Kritik am Boden zerstört bin.“

          Die jüngere Vergangenheit war schwer. Vor knapp vier Monaten erlitt seine Freundin eine Totgeburt. Seitdem schweigt Rafael van der Vaart meistens. Andere sprechen aber ausführlich mit jedem. Zuletzt Sylvie Meis in „Vogue“, Sabia in „Intouch“; und sie reden immer auch über ihn. Über Liebe, Seitensprünge und den HSV. So wird van der Vaart gerade in Auswärtsspielen zur Zielscheibe von Hohn und Spott: ein alternder Profi, den die Meriten von einst und zwei schlagzeilensüchtige Frauen im Gespräch halten.

          Sogar sein größter Fan schüttelt den Kopf. Im Sommer 2012 schenkte der Milliardär Klaus-Michael Kühne seinem Lieblingsklub seinen Lieblingsspieler. Ein Jahr später urteilte er: „Ich bin enttäuscht wegen seines Privatlebens. Als er dank meiner Unterstützung zusammen mit Sylvie aus London nach Hamburg kam, waren sie sehr beliebt und ganz Hamburg begeistert. Dann begann das, was ich Seifenoper nenne. Das hat mich enttäuscht, denn sportlich ging es nur bergab.“ Van der Vaart nimmt auch solche Urteile tapfer lächelnd hin.

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