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Psychologe Kuhl im Interview : „Podolski mehr Verantwortung aufzubuckeln, wäre ein Fehler“

  • Aktualisiert am

Führungsspieler Podolski? „Man würde ihm nicht helfen” Bild: AP

Diplom-Psychologe Ulrich Kuhl im Interview mit der F.A.Z. über den Mangel an Führungsspielern im Fußball. „Solche Typen zu finden, ist verdammt schwer.“ Zudem werde das Thema von den Vereinen vernachlässigt, findet Kuhl.

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          Der Diplom-Psychologe Ulrich Kuhl betreibt zusammen mit einem Partner eine Managementberatung in Essen für Banken, Versicherungswirtschaft und Großindustrie. Ursprünglich kommt er aus dem Sport, war tätig als Sportpsychologe an Olympiastützpunkten und berät bis heute Sportverbände sowie Athleten. Er hat ein Buch herausgegeben mit dem Titel: „Macht, Leistung, Freundschaft – Motive als Erfolgsfaktoren in Wirtschaft, Politik und Spitzensport“. Kuhl spricht im Interview mit der F.A.Z. über den Mangel an Führungsspielern im Fußball. „Solche Typen zu finden ist verdammt schwer.“

          Der Münchner Trainer Ottmar Hitzfeld hat seinen Mannschaftsrat aufgelöst. Neben Kapitän Oliver Kahn soll sich die Hierarchie der neuen Bayern-Elf erst auf dem Platz bilden. Was halten Sie davon?

          Wenn die Verantwortlichen genau hinschauen, wer im Team die Führungsrolle übernehmen kann, diejenigen dann stärken und nicht aus dem hohlen Bauch entscheiden, ist das eine gute Sache. Drei tolle Tore oder ein tolles Spiel sind noch keine Qualifikation. Im Fußball werden die Begriffe Persönlichkeit und Führungskraft sowieso inflationär benutzt.

          „Mal sehen, ob Kuranyi auf dem Platz Spieler mitziehen kann und auch in schwierigen Situationen über eine hohe Belastbarkeit verfügt”
          „Mal sehen, ob Kuranyi auf dem Platz Spieler mitziehen kann und auch in schwierigen Situationen über eine hohe Belastbarkeit verfügt” : Bild: AP

          Um welches Anforderungsprofil geht's?

          Ein Führungsspieler muss Meinungsführer der Gruppe sein, eine hohe Akzeptanz im Team besitzen, sehr belastbar sein, sich selbst und andere steuern können, das Spiel an sich ziehen, höchst motiviert sein auch in schwierigen Momenten und jederzeit wissen, wer von den Kollegen wie einsetzbar ist. Er muss unabhängig sein von Rahmenbedingungen, das heißt, es sollte für ihn absolut nebensächlich sein, wie er von seinem Umfeld geschätzt wird. Er darf nicht wie ein Vorstandsassistent in der Wirtschaft nur der verlängerte Arm des Chefs sein. Er muss wichtige Entscheidungen eigenständig und unabhängig vom Trainer treffen. Solche Typen zu finden ist natürlich verdammt schwer. Nicht jeder, der den Ball gut am Fuß führt, ist ein guter Führungsspieler. Und die Entwicklung von Führungsspielern wird von den Vereinen eher vernachlässigt.

          Wie gehen Fußballklubs üblicherweise vor?

          Gerne werden absolute Spezialisten zu Führungsspielern gemacht. Also Torjäger, spielfreudige Mittelfeldregisseure oder beinharte Abwehrkämpen. Nach dem Motto: Wer gut spielt, hat viel zu sagen. Diese Spieler geben zwar einen grandiosen Beitrag zur Mannschaftsleistung, doch ihr Mehrwert für das Team besteht in den meisten Fällen nicht darin, dass sie als Führungsfigur funktionieren. Oft genug fühlen sich diese Typen überfordert und haben gar keine Lust zu führen. Ich erinnere mich an Thomas Rosicky in Dortmund. Wir werden die kommende Saison bestimmt wieder Mannschaften sehen, die abstürzen, weil ihnen die Führungsstruktur fehlt. Das gleiche Problem ist auch in der Wirtschaft zu beobachten. Nach seiner Beförderung hat mir ein Manager mal gesagt, dass sein Unternehmen nun einen guten Spezialisten verloren und eine schwache Führungskraft gewonnen habe.

          Nennen Sie mehr Beispiele im Fußball.

          Es wäre doch ein Fehler, Lukas Podolski mehr Verantwortung aufbuckeln zu wollen. Er ist ein hervorragender Spieler mit einer starken Schusstechnik. Er kann Spiele entscheiden. Aber man würde ihm wohl nicht helfen, ihn als Führungsspieler aufbauen zu wollen. Ich bin gespannt auf Kevin Kuranyi. Er macht derzeit hohe Ansprüche geltend, kritisiert seinen Schalker Klub wegen der defensiven Personalpolitik. Mal sehen, ob er auf dem Platz Spieler mitziehen kann und auch in schwierigen Situationen über eine hohe Belastbarkeit verfügt. Van Bommel von den Bayern hätte das Zeug dazu, darüber wurde in der vergangenen Saison ja viel geredet. Doch durch seine Ausfälle, die Fouls disqualifiziert er sich und verliert an Akzeptanz.

          In welchen Spielern sehen Sie ein hohes Führungspotential?

          Der Neu-Bayer Marcell Jansen ist so ein Typ. Der hat sich in München schnell positioniert, ist mutig und versteckt sich nicht. Ich finde, er hat das Zeug, mehr zu sein als ein Spezialist auf der linken Bahn. Oder nehmen wir Christoph Metzelder. Ein echter Meinungsführer, belastbar, gelassen. Er will in seinem Führungsstreben nicht mit dem Kopf durch die Wand. Das ist auch ein wichtiger Aspekt.

          Im Fußball heißt es oft, Führungsspieler müssten auch mal „brutal“ sein und Macht demonstrieren.

          So einer wie Effenberg hat auf dem Platz gern mal „dazwischengeschlagen“, um die Mannschaft aufzurütteln. Das war auch erfolgreich, aber auch ihm fehlte in seiner Karriere die breite Akzeptanz. Es geht eben nicht um egoistische Machtausübung, sondern verantwortungsvolle Führung. Das, was sie tun, muss beim Team ankommen.

          Was macht es so schwer, Persönlichkeiten für diese hohe Aufgabe zu finden?

          Erst einmal gibt es nicht viele. Dann schauen die Vereine bei Neuverpflichtungen meistens nur auf fachliche Kompetenzen. Einen starken Linksfuß für die linke Seite und so weiter. Zwischenmenschliche Qualitäten und Führungsstärke stehen kaum im Mittelpunkt. Dazu kommt, dass es im Fußball nur wenig Zeit gibt, diese Spielertypen zu fördern. Die Klubs werden von den Spielern oft gewechselt, viele haben gar nicht den Anspruch, mehr zu sein als ein guter Spezialist. Und wer heute begabt ist und die Nase nach vorne streckt, bekommt es schnell mit den maßlosen Ansprüchen der Öffentlichkeit zu tun. Am besten wäre deshalb die hauseigene, langfristig angelegte Entwicklung von Führungsspielern in den Vereinen – aber die gibt es noch nicht.

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