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Probleme von Hertha BSC : Nicht arm, aber gar nicht sexy

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Verein ohne Haftung? Hertha BSC hat große Ziele. Bild: AP

Hertha-Manager Michael Preetz wundert sich, warum die Bundesliga das Berliner Fußball-Derby gegen Union nicht zum Spitzenspiel hochjazzt. Dabei liegen die Gründe auf der Hand.

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          Wie es um das Berliner Anspruchsdenken bestellt ist, verriet Herthas Manager Michael Preetz unbeabsichtigt vor dem Derby gegen den Stadtrivalen 1. FC Union. Er habe sich schon über die Ansetzung an diesem Freitagabend (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei DAZN sowie bei Amazon Prime) gewundert, sagte Preetz. Schließlich sei das Hinspiel an einem Samstag das Topspiel gewesen, die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat für solche Begegnungen die exklusive Anstoßzeit 18.30 Uhr reserviert. „Und so habe ich das dieses Mal auch erwartet“, sagte Preetz in einem latenten Anfall von Unmut.

          Bundesliga

          Bescheidenheit gilt nicht unbedingt als Berliner Stärke, weder beim Fußball noch in anderen Bereichen. Rein faktisch spricht wenig dafür, dieses innerstädtische Kräftemessen zur interessantesten Begegnung des 27. Spieltags zu küren, es trifft der Elfte auf den Zwölften der Bundesligatabelle. Nur: Wer wollte Preetz den Überschwang verdenken? Immer noch groß ist die Erleichterung, dass dieses Derby überhaupt gespielt werden darf, wenn auch wie in allen anderen Stadien im Zuge der Corona-Krise ohne Zuschauer.

          Für Hertha bietet es die Gelegenheit, nicht nur sportlich einiges geradezurücken, was in den vergangenen Monaten aus dem Ruder gelaufen ist. Seit dem elften Spieltag stand Union in der Tabelle durchgehend vor Hertha, erst am vergangenen Wochenende gelang das Überholmanöver durch ein 3:0 bei 1899 Hoffenheim. Schwerer als die fußballerischen Darbietungen wog das Bild, welches Hertha in dieser Saison nach außen abgab. Nach dem Einstieg des Investors Lars Windhorst wurden ehrgeizige Ziele formuliert, auch dank der 224 Millionen Euro, die in den Klub flossen.

          Von der Champions League fabuliert

          Man sah sich deutlich näher an den vorderen Plätzen als an der Abstiegszone, zeitweise wurde öfter so innig von der Champions League fabuliert, als säßen die Herthaner bereits im Flieger nach London oder Madrid. Dass Stadtrivale Union im Sommer zum ersten Mal der Aufstieg in die Bundesliga gelang, kam Hertha gerade recht. Der Außenseiter sollte zur Demonstration der neuen Stärke herhalten. „Wir freuen uns auf erstklassige Derbys ... Und über 6 Punkte“, verkündeten die West-Berliner nach Unions Aufstieg über die sozialen Medien.

          Die Rechnung ging nicht auf, schon, weil Hertha das niveauarme, dafür an Pyrofeuer umso reichere Hinspiel 0:1 verlor. Seit Jahren hat der Klub nicht mehr ein solch chaotisches Bild abgegeben wie in dieser Saison. Vier Trainer beschäftigte Hertha in den vergangenen zehn Monaten, darunter auch den ehemaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann, der die Klubführung mit seinem überstürzten Rückzug und der Veröffentlichung von Interna bloßstellte. Zuletzt stellte Stürmer Salomon Kalou ein Video ins Internet. In dem Film war deutlich zu sehen, dass es einige mit den Hygieneregeln im Zuge der Corona-Verordnungen nicht ganz so ernst nahmen, wie sich die DFL das wünscht. Und das bei einem Verein, der bereits einen positiven Corona-Fall melden musste. Auch dass der streitbare sowie meinungsstarke, aber mit Hertha überhaupt nicht verbandelte ehemalige Nationalspieler Jens Lehmann als Nachfolger von Klinsmann in den Aufsichtsrat der Profiabteilung aufrücken wird, sorgte nicht unbedingt für mehr Ruhe im Verein.

          Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Dehnübungen bei der Hertha

          Beinahe neidisch blickte so mancher Anhänger ans andere Ende der Stadt, wo Union die bessere Hertha gab. Bieder im Stil, bescheiden im Auftreten, hatte der Aufsteiger genau mit jener Art Erfolg, die Hertha in den Jahren unter Trainer Pal Dardai auszeichnete. Union spielte selten schön, verfolgte aber immer einen sportlichen Plan, was die Mannschaft des Trainers Urs Fischer ganz wesentlich von Hertha unterschied. So gelangen Achtungserfolge gegen Spitzenmannschaften wie Borussia Dortmund oder Borussia Mönchengladbach, und während sich Hertha im Olympiastadion vor halbgefüllten Rängen von einer Offensivaktion zur nächsten quälte, reüssierte das Stadion An der Alten Försterei als eine der stimmungsvollsten Kulissen der Bundesliga. Häme für den protzigen Stadtrivalen gab es bei jedem Heimspiel. „Stadtmeister, Stadtmeister, Berlins Nummer eins“, sangen Unions Fans, so laut es die Stimmbänder hergaben.

          Im Wochenrhythmus bekamen Herthas Verantwortliche die Frage gestellt, wann ihr Klub denn nun endlich mal wieder vor Union liegen werde. Während die Antworten am Anfang noch von kämpferischem Ton geprägt waren, wurde der Verdruss mit zunehmender Zeit unüberhörbar. Nun, da dieses Etappenziel fürs Erste geschafft ist, bemühte sich Herthas neuer Trainer Bruno Labbadia um versöhnliche Töne. „Man kann ruhig mal anmerken, dass Union das sehr, sehr gut macht und eine ordentliche Rolle spielt in der Bundesliga.“ Im Moment wäre Herthas Fortschritt schon daran erkennbar, sollte ein gegnerischer Trainer einen ähnlichen Satz in Zukunft über Labbadias Mannschaft sagen.

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